Ganztagsschule: Angriff auf die offene Gesellschaft?

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GastbeitragGanztagsschule: Angriff auf die offene Gesellschaft?

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Ob Ganztagsunterricht und Gesamtschulen besser sind als das alte System, ist nicht sicher.

Politiker jeder Couleur fordern Ganztagsschulen. Eine Schule und ein Bildungsideal für alle sind das Rezept, auf das auch Diktaturen vertrauen. Wie Ganztagsschulen und Gesamtschulen für alle unsere Lebenswelt verändern.

Es ist ein Kennzeichen totalitärer Systeme (nicht nur in der jüngeren deutschen Geschichte), dass in ihnen der Erziehungsauftrag so früh wie möglich in staatliche Hände fällt. Dahinter verbirgt sich die Absicht, alle Einflüsse frühzeitig abzuwehren, die den Wertvorstellungen des totalitären Systems zuwiderlaufen können. Die Sicherung des Regimes und die Vermeidung von Lebensentwürfen jenseits der propagierten Weltanschauung stehen im Vordergrund aller politischer Entscheidungen.

Bildungssysteme in Diktaturen kennzeichnen sich dementsprechend durch ein Einbahnstraßendenken aus: Eine Schule für alle. Ein Bildungsideal für alle. Ein Wertekosmos für alle.

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Ganz anders zeigen sich demokratische Systeme. In ihnen gilt der Grundsatz der „offenen Gesellschaft“: Jeder Mensch soll die Gelegenheit bekommen, eine eigene Vorstellung von sich und der Welt zu entwickeln, sich nach seinen Interessen zu orientieren und seine Möglichkeiten auszuschöpfen. Ein entsprechendes Bildungssystem weist eine Pädagogik der Vielfalt auf: viele verschiedene Bildungswege, die der Individualität des Einzelnen gerecht werden und sein familiäres und soziales Umfeld zu berücksichtigen versuchen.

Die Bildung wird ökonomisiert

Aktuelle bildungspolitische Entwicklungen scheinen diesen Zusammenhang aus den Augen verloren zu haben und führen dementsprechend zu einer Transformation der Demokratie. Am Beispiel der Argumentationen zu Ganztagsschule und Gesamtschule soll dies aufgezeigt werden. Beide werden nicht nur von Bildungspolitikern (mittlerweile jeglicher Couleur) gebetsmühlenartig in politischen Sonntagsreden für alle gefordert und verzeichnen insofern steigende Zahlen, sondern auch von gewissen Firmen und Stiftungen in einer ebensolchen Monotonie propagiert. Letzteres müsste jedem, der sich mit Pädagogik auseinandersetzt, zu denken geben. Denn der Verdacht, Bildung zu ökonomisieren, liegt nahe.

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Klaus Zierer ist ein deutscher Erziehungswissenschaftler und seit 2015 Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg. Zuvor war er Professor an der Universität Oldenburg.

Ganztagsschulen und Gesamtschulen, so das Hauptargument in der Diskussion, sind in der Lage, alle Kinder und Jugendlichen besser zu fördern sowie Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund auch eine gerechtere Bildung zu ermöglichen. Das Credo daher: Ganztagsschule und Gesamtschule für alle.

Empirische Studien können aber gut belegen, dass all das nicht zutrifft. So zeigt beispielsweise die StEG-Studie, dass allein die Umstellung von Halbtag auf Ganztag nicht dazu führt, dass Kinder und Jugendliche besser lernen oder Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund zu ihren Mitschülern deutscher Herkunft aufschließen. Und in der LifE-Studie konnte zum Beispiel nachgewiesen werden, dass auch in der Gesamtschule der Bildungsabschluss ebenso stark vom Elternhaus abhängt. Insofern ist diese Schulart nicht gerechter als andere.


Mehr höhere, aber nicht bessere Bildungsabschlüsse

Vor diesem Hintergrund bleibt vom Hauptargument nicht mehr viel übrig. Es verhallt als philanthropisches Credo, das ökonomisch durchaus attraktiv ist: Mehr Eltern in Arbeit zu bringen und zwar höhere, aber nicht bessere Bildungsabschlüsse für alle zu ermöglichen. Schlimmer als diese Ökonomisierung von Bildung sind aber die Nebeneffekte eines entsprechenden Umbaus der Schullandschaft, der nicht ausreichend bedacht wird und die Lebenswelt auf Dauer verändern kann. Insofern lohnt sich darüber nachzudenken, auch wenn es unstrittig ist, dass nicht die Struktur, sondern die Menschen in den Strukturen über Bildungserfolg entscheiden:

Der erste Nebeneffekt betrifft die Verdrängung des Elternhauses. Wenn alle Kinder und Jugendliche beispielsweise eine Ganztagsschule besuchen müssen und nahezu vierzig Stunden in der Woche in der Schule sind, dann können rein zeitlich betrachtet die Eltern nicht mehr der ihnen zuvörderst obliegende Pflicht der Erziehung ihrer Kinder nachkommen – so ähnlich der Wortlaut im Grundgesetz.

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