Geschlechterunterschiede: Mädchen und die Angst vor der Mathematik

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Geschlechterunterschiede: Mädchen und die Angst vor der Mathematik

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Eine Schülerin während des Mathematikunterrichts mit einem Geo-Dreieck

von Ferdinand Knauß

Die Angst der Mädchen vor der Mathematik und MINT-Berufen sei nur eingebildet, wollen Bildungsforscher herausgefunden haben. Aber kann man wirklich glauben, Angst zu haben ohne sie zu haben?

Woran liegt es, dass Frauen in mathematikintensiven Berufen unterrepräsentiert sind - trotz immer neuer staatlicher und privater Initiativen, die sie für MINT-Fächer und entsprechende Berufe begeistern wollen? Dies könnte, so eine verbreitete Annahme, damit zusammenhängen, dass Schülerinnen im Fach Mathematik - unabhängig von ihrer tatsächlichen Begabung - ängstlicher und gehemmter sind als ihre Mitschüler. Bisherige Untersuchungen konnten diese These im Großen und Ganzen bestätigen. Nun wollen Bildungsforscher herausgefunden haben, dass sich die Mädchen ihre Mathematikangst nur einbilden. Wie kommen sie auf diese abwegige Idee?

Die Bildungsforscher Thomas Götz und Madeleine Bieg blickten anders als in bisherigen Studien mitten in den Mathematikunterricht hinein und erforschten das Befinden von rund 700 Schülerinnen und Schülern in der tatsächlichen Unterrichtssituation. Ihr Ergebnis: Schülerinnen schätzen sich zwar ängstlicher und weniger selbstsicher ein als Schüler, sind es in der konkreten Unterrichts- und Prüfungssituation faktisch gesehen aber nicht. Die Ergebnisse der Studien sind in der Zeitschrift „Psychological Science“ veröffentlicht.
Im Rahmen zweier Studien befragten die Forscher rund 700 Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 5 bis 11, wobei sich eine Studie auf Mathe-Prüfungsangst und die andere auf Mathe-Unterrichtsangst bezog. In Studie 1 wurden sie zum einen nach einer allgemeinen Einschätzung ihrer Angst vor Mathe-Prüfungen befragt, zum anderen unmittelbar vor und während einer Matheprüfung zu ihrer aktuellen Angst. In Studie 2 wurden sie nach einer allgemeinen Einschätzung ihrer Angst im Mathematikunterricht gefragt sowie mehrmals zu ihrer aktuellen Angst während des Mathematikunterrichts mittels eines kleinen Handcomputers.
Die Auswertung zeigte: Bei der generellen Befragung schätzen die Mädchen ihre Mathematikangst höher ein als ihre Mitschüler – und das trotz gleicher Noten. Die Befragungen während des Mathetests und mitten in der Mathematikstunde zeigten jedoch, dass sich Schülerinnen in der tatsächlichen Prüfungs- oder Unterrichtssituation keineswegs ängstlicher fühlen als Schüler. Die Forscher erklären diese Diskrepanz mit dem niedrigeren "mathematischen Selbstkonzept" von Mädchen, das auf Geschlechterklischees beruhe. Die Schülerinnen würden vermutlich vielmehr durch diese Klischees als aufgrund tatsächlicher Leistung dazu gebracht, ihre Fähigkeiten in Mathe schlechter einzuschätzen.

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So interessant das Ergebnis ist, so abwegig ist die Interpretation der Bildungsforscher: "Die Frage, ob Mädchen also tatsächlich mehr Angst vor Mathe haben, lässt sich entsprechend dieser Forschungsbefunde klar mit „nein“ beantworten – Mädchen denken vielmehr nur, sie hätten mehr Angst", heißt es in ihrer Pressemitteilung. Das ist völlig absurd. Denn Angst ist natürlich immer subjektiv. Niemand kann glauben, Angst zu haben, während er sie tatsächlich gar nicht hat. Jemandem zu sagen, dass er keine Angst habe, sondern sie sich nur einbilde, ist sinnlos. Wenn die Mädchen vor dem Unterricht sagen, dass sie sich vor Mathematik fürchten, muss man ihnen das ebenso glauben, wie ihre Angstlosigkeit während des Unterrichts.

Menschen können durch die Einflussnahme anderer Menschen, zum Beispiel durch Geschlechterklischees oder Propaganda, dazu gebracht werden, vor etwas mehr Angst zu haben als sie ohne diesen Einfluss hatten. Aber die Angst ist dann real, obwohl der Grund dafür möglicherweise unvernünftig ist.

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Man wird den Mädchen die Angst vor der Mathematik nicht nehmen, indem man ihnen sagt, sie bildeten sie sich nur ein. Und möglicherweise macht man ihnen auch nicht besonders viel Lust auf MINT-Berufe, wenn ihnen allerorten eingebläut wird, dass sie sich für solche gefälligst zu interessieren hätten. Vielleicht eher mit Projekten wie den "Mathe-Paten" der Bürgerstiftung in Braunschweig. Seit zwei Jahren helfen 13 Senioren und 15 Studenten dabei mathematikschwachen Mädchen - und Jungen.

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