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InterviewJosef Kraus kritisiert Helikopter-Eltern: In Elternhäusern grassiert der Förderwahn

05. September 2013
"Helikopter-Eltern" lassen ihre Kinder nicht aus den Augen, schon gar nicht auf dem Weg in die Schule. Josef Kraus schätzt den Anteil der überbehütenden Eltern auf 10 bis 15 Prozent. Quelle: dpaBild vergrößern
"Helikopter-Eltern" lassen ihre Kinder nicht aus den Augen, schon gar nicht auf dem Weg in die Schule. Josef Kraus schätzt den Anteil der überbehütenden Eltern auf 10 bis 15 Prozent. Quelle: dpa
von Ferdinand Knauß

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, beklagt den Förderwahn vieler Eltern. Schuld sei vor allem die überhitzte Bildungsdebatte, angetrieben von der OECD, Wirtschaftsverbänden und unseriösen Hirnforschern.

WirtschaftsWoche: Als Schulleiter sind Sie ja eigentlich für Schüler zuständig. Nun haben Sie ein Buch über Väter und Mütter geschrieben. Was sind Helikopter-Eltern?

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Josef Kraus: Im Kontrast zu den Eltern, die ihre Kinder verwahrlosen lassen, erlebe ich immer öfter Eltern, die sich um alles kümmern. Sie wollen die Kinder total kontrollieren und programmieren. Sie organisieren Nachhilfe über Nachhilfe und sitzen bei jeder Hausaufgabe neben dem Kind, um zu kontrollieren, ob es auch alle Aufgaben zur Prozentrechnung richtig löst. Wenn etwas schiefgeht, machen sie sofort die Schule verantwortlich. Sie beschweren sich, wenn die Tochter in die Klasse 7b kommt und nicht in die 7d, wo die Freundin ist. Eltern, die sich über das Gewicht des Ranzens beschweren oder über die sieben Vokabeln, die ihr Kind lernen sollte. Eltern, die bei einer Note 3 eine Überprüfung beantragen und mit anwaltlichen Schreiben kommen.

Josef Kraus ist Schulleiter eines Gymnasiums und seit 1987 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL). Er ist Autor mehrerer Bücher, aktuell: "Helikopter-Eltern. Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung". (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Privat
Josef Kraus ist Schulleiter eines Gymnasiums und seit 1987 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL). Er ist Autor mehrerer Bücher, aktuell: "Helikopter-Eltern. Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung". (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Privat

Wie reagieren die Lehrer?

Sie werden auf die Dauer mürbe. Gerade schwache Lehrer neigen dazu, um des lieben Friedens willen bessere Noten zu vergeben. Mürbe werden leider auch viele Schulleiter. Manch einer überlegt sich vielleicht auch angesichts des Rückgangs der Schülerzahlen, dass seine Schule im Wettbewerb besser dasteht, wenn sie als großzügig gilt. 

Haben diese Helikopter-Eltern nicht einfach die Botschaft angenommen, die in der Bildungsforschung als Allheilmittel gepredigt wird, nämlich individuelle Förderung für jedes Kind?  

Ich verstehe ja, dass sich Eltern um das Wohlergehen ihrer Kinder sorgen. Natürlich sind mir Eltern, die sich kümmern, lieber als Eltern, denen alles egal ist. Aber Erziehung bedeutet auch, Selbständigkeit und Eigenverantwortung zu fördern. Loszulassen, wenn es sinnvoll ist, und den Kindern etwas Eigenes zuzutrauen. Vom Schulweg bis zu den Hausaufgaben. Wenn ein Kind keine Hausaufgaben gemacht hat, wird der Lehrer schon richtig handeln. Dann sollen sich die Eltern raushalten. Ein Mittelweg zwischen Lenken und Gelassenheit ist vernünftig.

Die überhitzte bildungspolitische Debatte, dieses Gequatsche von der OECD und der Bertelsmann-Stiftung - Deutschland brauche mehr Abiturienten und Studenten – hinterlässt natürlich Spuren bei den Eltern der Mittelschicht. Die Abstiegsangst greift um sich, obwohl es überhaupt keine volkswirtschaftlichen Belege dafür gibt. Und dann meinen manche, sie müssten ihr Kind fit machen für das globale Haifischbecken.

Neben dem Anspruch auf perfekte Ausbildung für den Arbeitsmarkt steht der allgegenwärtige Vorwurf, das deutsche Schulsystem sei sozial ungerecht. Kinder aus bildungsfernen Familien hätten schlechtere Chancen, heißt es oft.

Das ist ein statistisches Artefakt aus den PISA-Studien. PISA testet 15-Jährige und erstellt daraus einen Zusammenhang zwischen Gymnasialquote und sozialer Herkunft. Aber mit 15 Jahren ist die Schullaufbahn ja nicht abgeschlossen. Wir haben in Deutschland eine sehr große Durchlässigkeit zwischen den Schulformen und auch zum zweiten Bildungsweg. Selbst in Bayern, das als streng gilt, haben 43 Prozent der Studierberechtigten kein Gymnasium besucht.  PISA erfasst das nicht. Das entscheidende Kriterium ist doch: Deutschland, Österreich und die Schweiz haben eine sehr geringe Jugendarbeitslosigkeit. Finnland, der PISA-Sieger, hat etwa die dreifache. Von Frankreich und den südeuropäischen Ländern ganz zu schweigen.

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Kommentare | 3Alle Kommentare
  • 05.09.2013, 12:58 UhrMargrit

    Mit jedem Wort, aber wirklich mit jedem, hat er Recht
    Es wird Zeit, dass endlich mal wieder Leute mit klarem Verstand an die Öffentlichkeit gehen und diesen Murks in unserem Bildungssystem anprangern und beenden
    David Precht ist Kind von 68er-Eltern, da kann man bei ihm nicht viel anderes erwarten
    Und die OECD empfinde ich mehr und mehr als hochkriminellen Verein, den keiner braucht
    Deutschland muß endlich mal selbständig werden und solchen Vereinen auch die Grenzen aufzeigen.
    So lange unser Land aber derart links ist, sehe ich da schwarz.
    Übrigens las ich neulich, dass die Abbrecher-Quote an den Unis mittlerweile 35% beträgt.

  • 05.09.2013, 17:32 UhrQuerdenker22

    Ich sehe das Problem "Schule" weder links noch rechts verordnet. Es gehört zum gesamten Umgang mit Kindern und Familie in einer Welt ausschließlich ökonomischer Sicht. Von "Pekip" über Krippe -mit so genannter "Frühkindlindlicher Bildung" hin zur Ganztagsbetreuung in der Schule. Was heraus kommt, ist ein "Homo Ökonomics", dem man eigentlich das "Homo" noch absprechen sollte. Die Entwicklung einer vielseitg entwickleten Persönlichkeit bedarf viel Zeit zum spielen - Kreativität bedingt manchmal auch, dass man vorher einfach "lange Weile" hatte. Doch die kann heute kaum mehr aufkommen. Aber nur so - und mit vileseitigen Aufenthalten an frischer Luft in der Natur - können Fantasie, Enteckerlust, sowie eine gesunde Risikoeinschätzung überhaupt entstehen. Und natürlich der durch die heilige Technik völlig verloren gegangene Bezug zu einer gesunden Umwelt. Wenn den die heutigen Erwachsenen noch hätten, gäbe es einige Umweltprobleme mit Sicherheit nicht.

  • 08.09.2013, 16:48 Uhrnichtallesvirtuell

    Ein wichtiger Beitrag der die enstehende Diskussion um "Helikopter Eltern" und die Folgen für Kind und Gesellschaft hoffentlich weiter befördert.

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