Jugendforschung: Der Kapitalismus funktioniert auch mit Blöden

ThemaBildung

InterviewJugendforschung: Der Kapitalismus funktioniert auch mit Blöden

von Ferdinand Knauß

Der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier sieht die heutige Jugend als Opfer der totalen Herrschaft des Marktes. Schuld an ihrer Verblödung seien auch die Reformen des Bildungssystems nach den Bedürfnissen der Wirtschaft.

„Leben ist kein Vergnügen mehr“, schreiben Sie in Ihrem Buch „Performer, Styler, Egoisten“.  Wenn man abends durch die Düsseldorfer Altstadt geht und die jungen Menschen in den Kneipen sieht, hat man nicht den Eindruck, dass die ihr Leben nicht genießen.

Ich glaube nicht, dass die, die da feiern, glücklich sind.

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Warum?

Ich muss ein bisschen ausholen. Für Jugendliche gibt es heute zwei große Anrufungen. Die erste ist der Arbeitsmensch, der sich nach Werten wie Askese, Leistung, Konkurrenz, Verzicht zu richten hat. Die zweite ist der Freizeitmensch, der sich an Spaß, unverbindlichen Beziehungen und Zügellosigkeit, am Rauschhaften ausrichtet. Dieser Widerspruch ist in der Gesellschaft, weil wir als Berufsmenschen und Konsumenten funktionieren müssen. Beide Rollen sind wichtig, damit sich das System reproduzieren kann. In unseren Studien zeigt sich, dass das Freizeitvergnügen in erster Linie eine kompensatorische Funktion hat, nämlich das Arbeitsleid zu vergessen. Und dieses Leid entsteht aus dem steigenden Druck bei der Arbeit, aus der Verdichtung der Anforderungen und der Kontrolle. Kurz: Die Probleme liegen in einem System begründet, das die Menschen nicht zur solidarischen, gemeinsamen Handlung motiviert, sondern in erster Linie die Konkurrenz verschärft. Darunter leiden die Menschen.

Bernhard Heinzlmaier ist Jugendforscher und Geschäftsführer von tfactory, einem Unternehmen für Marktforschung und Marketing bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Sein aktuelles Buch heißt "Performer, Styler, Egoisten - Über eine Jugend, der die Alten die Ideale abgewöhnt haben."

Bernhard Heinzlmaier ist Jugendforscher und Geschäftsführer von tfactory, einem Unternehmen für Marktforschung und Marketing bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Sein aktuelles Buch heißt "Performer, Styler, Egoisten - Über eine Jugend, der die Alten die Ideale abgewöhnt haben."

Also feiern die jungen Menschen nicht aus reiner Lebensfreude, sondern um Druck abzulassen?

Ja. Man belohnt sich selbst für all das, was man ertragen hat.

Sind die gesellschaftlichen Nischen, die dem – wie Sie schreiben – „Richterstuhl der ökonomischen Imperative“  verborgen bleiben, weniger geworden?

Ich denke schon. Der Markt ergreift immer neue Lebensbereiche und Segmente der Gesellschaft. Bildung, Altersvorsorge, Pflege. Vieles, was noch vor dreißig Jahren eine Aufgabe des Gemeinwesens war, wurde auf den Markt verlagert.  Die Imperative des Marktes gelten mittlerweile sogar in der Familie.

Und das kriegen auch schon Teenager zu spüren?

Zweifellos. In meiner Jugend in den 1970er und 80er Jahren haben wir überhaupt nicht an Wirtschaft gedacht. Wir hatten keine Angst vor der beruflichen Zukunft. Heute bekommen Kinder und Jugendliche laufend gesagt, wie schwierig es wird: Du musst eine gute Ausbildung haben, dich anstrengen, du hast viele Mitbewerber. Diesen Zwang, sich selbst als Produkt zu positionieren und zu perfektionieren, bekommt heute schon der 12-Jährige mit. Die Kinder werden frühzeitig den Prinzipien der Warenästhetik untergeordnet. Der Druck kommt von den besorgten Eltern, die Angst haben, dass ihre Kinder scheitern. Und von den Schulen, die immer mehr auf die Marktbedürfnisse ausgerichtet werden.

Bildungsökonomie Vergesst die OECD!

Die Bildungsagenda der OECD hat sich in Ministerien und vielen Redaktionen durchgesetzt. Falsch bleibt sie trotzdem. Nicht immer mehr Akademiker, sondern die Qualität des Wissenschaftssystems sollte oberstes Ziel sein.

Schüler im Hörsaal Quelle: dpa

Marktferne Existenzen, also Schriftsteller, Wissenschaftler, Künstler waren aber doch immer schon soziale Ausnahmen.

Ja. Je niedriger das Bildungsniveau desto mehr waren auch früher die Menschen darauf angewiesen, sich dem Markt anzupassen. Für den traditionellen Industriearbeiter hat sich gar nicht so viel verändert.  Der war immer dem Produktionsregime unterworfen. Die Mittelschicht aber genoss einige Freiräume. Und die verliert sie jetzt und wird ganz und gar in die Marktgesellschaft hineingedrückt.

Aber die humanistisch gebildeten Bürger sind doch nicht verschwunden. Die philosophischen Fakultäten der Universitäten sind voller Studenten.

Die sind nicht ausgestorben, aber sie werden an den gesellschaftlichen Rand gedrängt. Sie spielen in den öffentlichen Diskursen keine Rolle mehr. Gilles Deleuze sagt, der Neoliberalismus sei wie ein Gas, das in die Köpfe, ins Denken der Menschen eindringt. Dieses Gas sorgt dafür, dass man nichts mehr durch einen philosophischen oder kulturwissenschaftlichen Diskurs legitimieren kann, sondern durch einen ökonomischen. Für Politik und Wirtschaft spielen Philosophen überhaupt keine Rolle mehr. Den Sloterdijk lädt man sich mal für einen interessanten Abend ein, aber was er sagt, ist dem Siemens-Vorstand völlig egal.

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23 Kommentare zu Jugendforschung: Der Kapitalismus funktioniert auch mit Blöden

  • Offensichtlich ist die Jugend in wirtschaftlichen und finan-
    ziellen Dingen nicht aufgeklärt und erkennt nich die Zusam-
    menhänge in dieser 'EU'. Wie wäre es sonst möglich gewesen
    eine EZB zu gründen, ein ESM - Ermächtigungsgesetz durch-
    zubringen und letztendlich am 13. Juni 2013 die Finanzsouve-
    ränität der BRD an eine Bankenunion in einem Triumvirat von
    EZB - ESM - Bankenunion abzugeben?
    Gymnasiale Schöngeistigkeit, um die Humanität zu pflegen, mag
    die eine Seite sein, Georges Orwells 'Animal Farm' jedoch
    die gelebte Realität, wie es versucht wird uns von den
    'opinion leaders' übergestülpt zu werden, was offensichtlich
    mit der erneuten Wahl der CDU/CSU/FDP/SPD und den Grünen
    von der Jugend auch noch kritiklos hingenommen wird.

  • Die alleinige Verantwortung an der ökonomischen Situation Deutschlands tragen alleine die "etablierten Blockparteien".

    Eine ökonomisch misslungene und nicht mehr bezahlbare Wiedervereinigung Deutschlands, das neue multinationale Währungszonenprojekt Euro, was sich zunehmend als Rohrkrepierer erweist, Banken ohne jegliche Beaufsichtigung und mit Politikern in den AufSichtsRaeten, Bankenrettungen, Währungsrettungen, Solidarpakt- und Rettungsschirmfinanzierungen, eine aus dem Ruder gelaufenen unbezahlbare Energiewende, ein chaotisches Steuerrecht und Steuersystem, Suppenküchen, eine viel zu hohe Abgaben- und Steuerbelastung, die Liste läßt sich noch endlos fortsetzen.

    Nicht die Bürger sind geistig nicht fit, sie wurden einfach nicht gefragt, belogen, übergangen, politische Visionen und historische Momenten wirken hierbei fatal zusammen. Mit einer funktionierenden Marktwirtschaft hat das alles nichts mehr zu tun.

  • Derzeit wird die humanistische Vernunft ausgelöscht, so dass nur mehr die pure ökonomische Logik regiert.
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    Das Ausblenden der humanistischen Vernunft wurde von den 68er und den ihnen nahtlos folgenden Grüninnen propagiert und inszeniert. Sie haben eine martialisch anmutende Deutungshoheit für sich beansprucht, die jede humanistische Bildung obsolet macht. Wozu brauche ich eine anstrengende humanistische Bildung, wenn die moralische Deutungshoheit durch die zuvor Benannten subtil bis ins Kleinste einer Gesellschaft Wirkung entfaltet? Eine Wirkung, die am Ende nur noch Fatalismus übrig lässt. Das ist im Grunde genommen nichts weiter als Meinungsfaschismus, der hier in Deutschland fröhliche Urstände feiert - und wir wissen nicht, wie sich dieser Meinungsfaschismus entwickeln wird.

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