NC und Co.: Bundesverfassungsgericht fordert Reform des Vergabe-Verfahrens

Numerus Clausus und Co.: Bundesverfassungsgericht fordert Reform des Vergabe-Verfahrens

, aktualisiert 19. Dezember 2017, 11:07 Uhr
Bild vergrößern

Das Studienplatzvergabe-Verfahren mithilfe des NCs versperrte in den vergangenen Jahren mehr und mehr Bewerbern den Weg zu ihrem Wunschstudium.

Das Vergabeverfahren für Studienplätze in der Humanmedizin ist teilweise verfassungswidrig, erklärt das Bundesverfassungsgericht. Eine Überarbeitung sei notwendig. Zwei Jahre hat der Gesetzgeber dafür nun Zeit.

Auf sein Medizinstudium wartet so manch einer schnell mal fünf Jahre. Stattdessen heißt es für viele anderweitig Dienst schieben. Häufig auf dem Rettungswagen oder Tabletts verteilen im Krankenhaus - um die Zeit bis zum Studienstart als Sanitäter oder Krankenpfleger sinnvoll zu überbrücken und Wartesemester zu sammeln. Für viele Studieninteressierte lange der einzige Weg überhaupt einen Studienplatz im Wunschfach zu bekommen. Grund für dieses jahrelange Aufreiben ist das Vergabeverfahren der Stiftung für Hochschulzulassung und der berühmt berüchtigte Numerus Clausus.

Hier muss sich nun etwas ändern, sagt das Bundesverfassungsgericht. Dies hat nach einer Klage von Bewerbern für ein Medizinstudium das Vergabeverfahren für Studienplätze für Humanmedizin für teilweise verfassungswidrig erklärt. Grundsätzlich sei die Vergabe nach den besten Abiturnoten, nach Wartezeit und nach einer Auswahl durch die Universitäten zwar mit dem Grundgesetz konform. Einige Vorschriften des Vergabe-Verfahrens seien aber explizit im Falle des Humanmedizin-Studiums, "teilweise mit dem Grundgesetz unvereinbar". Der Senat beanstandete, dass die bundesgesetzlichen Rahmenvorschriften und gesetzlichen Regelungen der Länder den grundrechtlichen Anspruch der Studienplatzbewerber auf gleiche Teilhabe am staatlichen Studienangebot verletzt. Darüber hinaus wurden die eigenen Auswahlverfahren der Hochschulen kritisiert.

Anzeige

Bislang läuft das Verfahren zur Studienplatzvergabe in einigen Fächern so: Seit 2008 ist die Stiftung für Hochschulzulassung für die Vergabe zuständig, die damals die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) ablöste. Bei ihr mussten sich künftige Studenten bislang bewerben, um einen Studienplatz in den Fächern Human-, Zahn- und Tiermedizin sowie Pharmazie bekommen zu können. Grundlage für die bundesweite Vergabe sind Grundsatzurteile des Bundesverfassungsgerichts aus den 1970er Jahren, in denen das Teilhaberecht von Bewerbern an Studienplätzen und das Prinzip gleicher und sachgerechter Kriterien festgeschrieben worden waren.

Numerus Clausus - die wichtigsten Fragen und Antworten

  • Warum ist ein Auswahlverfahren überhaupt nötig?

    Auf jeden Studienplatz für Humanmedizin in Deutschland kommen mehrere Bewerber. Aktuell sind es nach Angaben des Bundesverfassungsgerichts fast 62.000 Bewerber auf 11.000 Ausbildungsplätze. Eine wichtige Rolle bei der Vergabe spielt die Abiturnote. Einen sogenannten Numerus clausus (NC, lateinisch für begrenzte Anzahl) gibt es für zahlreiche Studienfächer. Er gilt entweder regional oder bundesweit, wie bei Human-, Zahn- und Tiermedizin sowie Pharmazie.

  • Was ist die Stiftung für Hochschulzulassung?

    Sie wurde 2008 gegründet und löste die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) ab. Bei ihr müssen sich künftige Studenten bewerben. Grundlage für die bundesweite Vergabe sind Grundsatzurteile des Bundesverfassungsgerichts aus den 1970er Jahren, in denen das Teilhaberecht von Bewerbern an Studienplätzen und das Prinzip gleicher und sachgerechter Kriterien festgeschrieben worden waren.

  • Welche Wege führen zu einem Studienplatz in Humanmedizin?

    Ein sehr gutes Abitur kann Bewerbern einen Studienplatz sichern. Nach den aktuellen Regeln werden 20 Prozent der Plätze nach diesem Kriterium (Bestenquote) vergeben. Aktuell ist ein Schnitt von 1,0 bis 1,2 dafür nötig. Ein weiteres Fünftel wird nach Wartezeit vergeben. Dafür ist aber viel Geduld erforderlich - inzwischen sind es 14 bis 15 Semester. Die übrigen 60 Prozent der Studienplätze können die Hochschulen in einem eigenständigen Auswahlverfahren vergeben. Aber auch dabei spielt die Abiturnote eine wichtige Rolle. Zusätzlich kann es Tests oder Gespräche geben. Bewerber können ihre Chancen durch zusätzliche Qualifikationen verbessern. Dazu gehört etwa eine Ausbildung zum Rettungsassistenten.

  • Was macht die Politik?

    Bund und Länder haben sich bereits im März auf den „Masterplan Medizinstudium 2020“ verständigt. Danach sollen Mediziner schon während ihres Studiums näher an die Patienten herangeführt und die Allgemeinmedizin gestärkt werden. Um mehr Ärzte aufs Land zu bekommen, sollen die Bundesländer eine Quote von bis zu zehn Prozent der Studienplätze für solche Bewerber bereithalten können, die sich verpflichten, nach Abschluss des Studiums und der fachärztlichen Weiterbildung in der Allgemeinmedizin für bis zu zehn Jahre in der hausärztlichen Versorgung in unterversorgten ländlichen Regionen tätig zu sein.

    Und was nach bisherigen Erkenntnissen der Argumentation des Gerichts entgegenkommen dürfte: Die Hochschulen sollen in ihren Auswahlverfahren neben der Abiturnote mindestens zwei weitere Kriterien berücksichtigen - soziale und kommunikative Fähigkeiten sowie Leistungsbereitschaft der Studienbewerber. Zudem sollen sich eine Ausbildung oder Tätigkeit in medizinischen Berufen positiv auswirken.

  • Reichen die Studienplätze überhaupt?

    Nein, sagt der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery. Er plädiert für eine Aufstockung der Medizinstudienplätze um zehn Prozent oder etwa 1000 Plätze. Pro Jahr schließen etwa 10.000 Mediziner ihr Studium ab.

Das deutlicher werdende Problem bei diesem Verfahren: Mehr und mehr Bewerber gehen von Jahr zu Jahr leer aus. Gab es vor 13 Jahren etwa doppelt so viele Bewerber wie Studienplätze, so war zum Wintersemester 2017/2018 die Zahl der Bewerber nach Angaben der Stiftung Hochschulzulassung fast fünfmal höher als die der Studienplätze. Konkret wollten 43.184 junge Menschen in Deutschland ein Medizinstudium beginnen, es standen aber nur 9176 Plätze zur Verfügung. Aktuell gibt es 38 medizinische Fakultäten, davon zwei private Hochschulen.

Die Folgen sind ein extrem hoher Numerus Clausus und ein kompliziertes Zulassungssystem: Vorab ist eine bestimmte Platzzahl den Auslandsstudenten und Härtefällen vorbehalten. Nach diesem Abzug werden zwanzig Prozent der bundesweiten Plätze von der Stiftung für Hochschulzulassung an die Bewerber mit den besten Abiturnoten vergeben. Auch hier sind die Anforderungen drastisch gestiegen: Schon ein Abiturdurchschnitt von 1,2 sichert keinen Studienplatz mehr.

Ein weiteres Fünftel wird nach einer Wartezeit vergeben. Dafür ist aber viel Geduld erforderlich: Im Durchschnitt lag sie im Wintersemester 2017/18 bei 14 Semestern. Das ist länger als die für Medizin geltende Regelstudienzeit von zwölf Semestern.

Wie studieren Dänen, Franzosen und Italiener?

  • Frankreich

    Hier hat schon das Abitur (baccalauréat) eine bestimmte Ausrichtung: Es gibt mehrere Schulzweige, unter anderem kann ein naturwissenschaftliches, wirtschaftliches oder literarisches Abitur erworben werden. Danach steht zunächst jedem ein zu seinem Abschluss passendes Studium an einer Universität oder einer der Grandes écoles  offen. Letztere haben in Frankreich einen besonders guten Ruf, weil es dort kleinere Klassen und eine bessere Betreuung gibt, als an den Universitäten. In Frankreich gibt es keinen NC, dafür sind die Prüfungen vor allem in den beliebten Fächern im ersten Studienjahr besonders schwierig und haben eine hohe Durchfallquote.

  • Niederlande

    Auch in den Niederlanden wählen Jugendliche bereits in der Oberstufe eine Fachrichtung, um anschließend ein entsprechendes Studium aufzunehmen. Es gibt keinen NC, dafür aber Auswahlverfahren in beliebten Fächern wie Physiotherapie oder Medizin. Die Vergabe der Plätze erfolgt in diesen Fächern durch ein Losverfahren. Für die Zulassung zu kreativen Fächern, wie Kunst oder Musik, sind Talentnachweise nötig. Dazu gehört zum Beispiel die Teilnahme an einer Aufnahmeprüfung.

  • Österreich

    Für ein Studium in Österreich reicht zunächst das österreichische Äquivalent zum Abitur (Matura). Die Mehrheit der Studiengänge hat keine Zulassungsbeschränkung. Insgesamt nehmen die Fächer, für die eine Aufnahmeprüfung absolviert werden muss, aber zu. Dazu gehören unter anderem Medizin, Psychologie und Kommunikationswissenschaften. Außerdem wurde in den vergangenen Jahren an fast allen Universitäten die Studiengangs- und Orientierungsphase (STOEP) eingeführt: Studierende dürfen nur weitermachen, wenn sie am Ende des ersten Semesters alle Prüfungen bestehen.

  • Schweiz

    Wer in der Schweiz sein Matura macht, kann sich dort für einen beliebigen Studiengang einschreiben. Nur für medizinische Studiengänge gibt es einen NC, der jedes Jahr für die gesamte Schweiz neu festgelegt wird.

  • Großbritannien

    Die Briten haben ein besonders komplexes System bei der Studienwahl: Die Platzvergabe erfolgt über den  Universities & Admissions Applications Service (UCAS), ein Onlinesystem in dem jeder Bewerber pro Jahr bis zu fünf Universitäten wählen kann. Dabei muss man sich zwischen Elite-Unis wie Oxford und Cambridge entscheiden, eine Bewerbung an beiden Universitäten zur gleichen Zeit ist nicht möglich. Auch in Großbritannien gibt es einen NC. Allerdings ist der nicht wie in Deutschland abhängig vom Studienfach, sondern wird von den Fakultäten der Unis intern festgelegt.

  • Spanien

    In Spanien haben die meisten Studiengänge einen lokalen NC, die Note de Corte. Für bestimmte Studiengänge, wie zum Beispiel Medizin, muss man zusätzlich eine bestimmte Fächerkombination im Abitur (bachiller) belegt haben, um eine Chance auf einen Studienplatz zu erhalten. Die Vorgehensweise ist also ähnlich wie in  Deutschland. Allerdings dauert der Bachelor (Grado) hier in der Regel nicht drei, sondern vier Jahre.

  • Italien

    Die meisten Fächer in Italien haben eine Zulassungsbeschränkung. Das Bildungsministerium legt die Zahl der Zulassungen für Architektur, Medizin, Zahn- und Tiermedizin zentral fest. Bei allen anderen Fächern werden die Beschränkungen von der Universität selbst bestimmt, abhängig von der Nachfrage. Bewerber müssen in der Regel einen Aufnahmetest bestehen, der mit der Abiturnote in die Gesamtwertung einfließt. Das Testergebnis zählt dabei 80 Prozent und die Abiturnote 20 Prozent.

  • Ungarn

    Um in Ungarn zum Studium zugelassen zu werden, müssen Jugendliche dort die Hochschulreife erwerben. Seit 2005 können ungarische Schüler in bestimmten Fächern eine Art „Leistungsmatura“ ablegen, welche dann gleichzeitig als Aufnahmeprüfung für die Universitäten gilt. Es gibt keinen klassischen NC wie in Deutschland, dafür gibt es jedoch in viele Studiengängen Aufnahmeprüfungen. Auch die Schulnoten oder Sprachkenntnisse können in die Aufnahmebedingungen mit einfließen. Außerdem gibt es Studiengänge, die ohne Aufnahmeprüfung belegt werden können, wenn die Bewerber bereit sind, die extrem hohen Studiengebühren selbst zu tragen.

  • Schweden

    Hier gibt es keinen allgemeinen NC – das System funktioniert nach einem Listenprinzip: Grundsätzlich werden alle für ein Studium qualifizierten Bewerber angenommen und anhand ihrer Noten in eine Rangfolge gebracht. Diese Liste wird dann in der entsprechenden Reihenfolge abgearbeitet, bis alle Plätze belegt sind. Reserveplätze werden nach Rangfolge an den Rest der Liste verteilt. Dadurch entsteht also ein individueller NC, der je nach Bewerberzahl und Studienfach sowie Fakultät variiert. Je nach Hochschule ist der Andrang größer, dadurch wird auch der „NC“ höher.

Die übrigen 60 Prozent der Studienplätze können die Hochschulen in einem eigenständigen Auswahlverfahren vergeben. Dabei sind sie innerhalb bestimmter Grenzen weitgehend frei - zumeist spielt aber auch dabei die Abiturnote eine wichtige Rolle. Bewerber können ihre Chancen durch zusätzliche Qualifikationen verbessern. Dazu gehört etwa eine Ausbildung zum Rettungsassistenten.

Zunächst hielt das Gelsenkirchener Verwaltungsgericht diese Art des Auswahlverfahrens für teilweise verfassungswidrig. Es hatte in Karlsruhe zwei Fälle von Bewerbern aus Schleswig-Holstein und Hamburg vorgelegt, die keinen Studienplatz im Fach Humanmedizin bekommen hatten. Das Verwaltungsgericht wollte die Verfassungswidrigkeit klären lassen, aber keinen direkten Zulassungsanspruch für den Kläger ableiten. Es sah eine Verpflichtung des Gesetzgebers zur Korrektur. Das Verfassungsgericht folgte nun dieser Entscheidung und wies an, die Regeln für die Vergabe von Studienplätzen müsse überarbeitet werden.

Die Zahl der Wartesemester für einen Studienplatz in der Humanmedizin, die aktuell etwa bei 15 liegt, müsse enger begrenzt werden, entschied der Erste Senat unter Vorsitz von Ferdinand Kirchhof. Auch dürfe eine Festlegung auf höchstens sechs gewünschte Studienorte nicht dazu führen, dass ein Bewerber, der eigentlich erfolgreich wäre, am Ende leer ausgeht. Im Auswahlverfahren bei den Hochschulen müsse zudem eine Vergleichbarkeit der Abiturnoten über Landesgrenzen hinweg sichergestellt werden. Dabei dürfe die Abiturnote nicht das einzige Kriterium sein.

Nach dem Urteil des Verfassungsgerichts soll nun der Gesetzgeber ran und eine Verbesserung bringen. Das Bundesverfassungsgericht setzte die Frist für eine Neuregelung auf den 31. Dezember 2019.

Dieter Dohmen Wie die Hochschulwelt ohne NC aussehen könnte

Das NC-Verfahren erregt schon lange die Gemüter. Nun muss es überarbeitet werden. Politikökonom Dieter Dohmen erklärt, wie er sich die perfekte Studienlandschaft ohne Numerus Clausus vorstellt.

Hinsetzen, zuhören, abspeichern: Frontalunterricht dominiert die Lehre in deutschen Universitäten. Quelle: dpa

Reformvorschläge gibt es seit langem. Politökonom Dieter Dohmen beschreibt etwa im Interview mit der WirtschaftsWoche eine Studienlandschaft ohne Numerus Clausus. Die Bundesärztekammer fordert, dass beim Zulassungsverfahren neben der Abiturnote weitere Kriterien herangezogen werden wie psychosoziale Kompetenzen, soziales Engagement und einschlägige Berufserfahrung. Notwendig seien zudem Assessment-Center, in denen fachliche und menschliche Voraussetzungen für den Arztberuf geprüft werden. Notwendig seien auch mehr Studienplätze.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%