Praxis der Unbildung: Elternsprechtag an der Uni

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KommentarPraxis der Unbildung: Elternsprechtag an der Uni

Die Universitäten werden von Scharen unreifer Studenten überlaufen. Ihre übereifrigen Eltern degradieren die Hochschulen zu Ausbildungsdienstleistern mit Erfolgsgarantie. Ein Gastbeitrag.

Schaut man heutzutage an der Hochschule aus seinem Arbeitszimmer durch die halboffene Tür in den Flur, muss man meinen, dass wieder ein Schülerlabortag ins Haus steht, da viele Schüler mit ihren Lehrern sich teilweise in gehobener Lautstärke dort bewegen. Da diese Schülerlabortage anscheinend häufig sind, fragt man bei seinen Mitarbeitern nach und wird darüber aufgeklärt, dass es sich keinesfalls um Schüler handele. Das seien die neuen Studenten der G8-Abiturjahrgänge und die Erwachsenen seien keinesfalls Lehrer, sondern die ihren minderjährigen Nachwuchs begleitenden Eltern.

Kommt man danach in seine Erstsemester-Vorlesung, reibt man sich trotz dieses Wissens die Augen: Jungs in vollster Pubertät räkeln sich in den Reihen und werfen mit Papierkügelchen um sich, während ihre Altersgenossinnen meist mit starrem Blick ihrem iPhone frönen. Verspätet eintreffende Studierende packen mit größter Selbstverständlichkeit dann erst einmal ihre McDonald’s Tüte in der ersten Reihe aus. Neben der immer größer werdenden Zahl nicht studierfähiger Abiturienten – die genau in dem Maße zunehmen, wie die Bundesländer sich gegenseitig darin überbieten, ihre Abiturientenquoten in schwindelerregende Höhe zu katapultieren – jetzt also auch noch das.

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Bildungspolitik Schluss mit dem Akademisierungswahn

Eine große Koalition der Bildungspolitik treibt die Studentenzahlen hoch. Und feiert sich dafür selbst. Die Verlierer sind die Berufsbildung und die Wissenschaft.

Studieren im Zeitalter der totalen Akademisierung: Vorlesung an der RWTH Aachen. Quelle: dpa

Vom Querdenker zum Wellenreiter

Erstaunlicherweise gibt es an dieser Entwicklung so gut wie keine Kritik seitens der Hochschulen, deren ehemaliger Bildungsanspruch, ähnlich dem der Gymnasien, dadurch von innen ausgehöhlt wird. Waren die Hochschulen noch in den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts Orte der Vermittlung oder Erarbeitung von Bildung und Wissen, des Querdenkens, der Kritik und des Hinterfragens sowohl von fachwissenschaftlichen als auch gesellschaftlichen Themen, ist ihnen dies spätestens seit Bologna 1999 in kürzester Zeit ausgetrieben worden.

Bis vor Kurzem hätte man eigentlich erwarten können, dass die Verantwortlichen in den Hochschulen nun politischen Druck ausüben würden, um von den Abitur vergebenden Schulen eine fürs Studium ausreichende Qualifizierung und Reife einzufordern. Doch stattdessen nehmen die Hochschulleitungen das gescheiterte Konzept des schnellen Durchjagens von Humankapital durch Schule und Hochschule als Chance an. Man richtet ohne zu Murren für nicht studierfähige Abiturienten Brückenkurse ein. Gerade das Bundesministerium für Bildung und Forschung nimmt viele Millionen Euro in die Hand, um das immer offensichtlichere Scheitern der von ihm selbst eingeführten Bildungsreformen zu kaschieren. Und die Hochschulen wetteifern um die zweistelligen Millionbeträge.

Dies alles in einer Zeit, in der sich die Abwärtsspirale auf der nach unten offenen Richterskala in den Schulen durch einen bisher nie gekannten Reformwahn im Sinne einer mehr als fragwürdigen Kuschelpädagogik immer schneller dreht. In einer Zeit, in der selbst ernannte Bildungs-Gurus öffentliche und pressewirksame Plattformen erhalten, um ihre teilweise abstrusen Vorstellungen auf der Basis von Nichts zu präsentieren, und um ihre Bücher besser zu verkaufen.

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