Schulpolitik: Das verdrängte Scheitern des G8-Abiturs

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KommentarSchulpolitik: Das verdrängte Scheitern des G8-Abiturs

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Die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) will vom Scheitern des G8-Abiturs nichts wissen.

von Ferdinand Knauß

Eine Bürgerinitiative in Nordrhein-Westfalen will zurück zum Abitur nach 13 Schuljahren. Das wäre vernünftig. Doch Schulministerin Löhrmann redet den Niedergang der Schulen weiter schön.

Die Grünen sehen sich gerne als besonders basisdemokratisch. "Wir wissen, was Bürgerbewegungen alles erreichen können – unsere Partei kommt selbst aus Bürgerbewegungen. Wir wollen es mit unserer Politik leichter machen, sich einzumischen", steht in ihrem Bundestagswahlprogramm. Das Problem der Grünen mit Bürgerbegehren und Volksentscheiden beginnt erst da, wo sich die Bürger gegen ihre eigene Politik richten. Das erlebt gerade die nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann.

Die Bürgerinitiative familiengerechte Bildung und Schule G-IB-8 sieht die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur von 13 auf 12 Jahre - das sogenannte G-8-Gymnasium - als gescheitert an und kündigte gestern "im äußersten Fall" ein Volksbegehren an. Dass die Initiative keine Minderheitsmeinung vertritt, zeigen zahlreiche Umfragen: Rund vier von fünf Eltern wollen demnach zurück zu G9.

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Wer schulpflichtige Kinder an Gymnasien in Nordrhein-Westfalen oder anderswo hat, oder auch nur offen mit Lehrern spricht, weiß, dass die Kürzung der Lehrpläne als Folge von G8 zu einem gewaltigen Bildungsniveauverlust der G8-Abiturienten geführt hat. Die Qualität des Unterrichts lässt dramatisch nach. Der Lernstoff ist auf unverantwortliche Weise verdichtet worden. Der Stress für die Schüler hat zugenommen. Die Kinder vermissen Rückzugsorte und Ruheräume, ihnen fehlt Zeit zum freien Spielen, für Hobbys und Vereine. Ärzte, die sich der Initiative angeschlossen haben, berichten von immer mehr Kindern mit Kopfschmerzen und Schlafstörungen. Studienrat Marcus Hohenstein sagte bei einer Pressekonferenz der Initiative, der wegen G8 eingeführte Nachmittagsunterricht sei "weitgehend sinnlos". Nach dem Mittagessen "anspruchsvolle gymnasiale Inhalte vermitteln zu wollen, ist eine Illusion".

Und was sagt die Ministerin dazu? Löhrmann lehnt die Rücknahme der Reform kategorisch ab. Ihre Schulwirklichkeit ist eine andere: Die Abitur-Ergebnisse seien positiv, die Schüler hätten im doppelten Abiturjahrgang des zurückliegenden Schuljahrs genauso gut abgeschnitten wie die G9-Schüler. Tatsächlich steigen allerorten und ganz besonders in Nordrhein-Westfalen nicht nur die Abiturientenzahlen, sondern auch deren Notenschnitte auf wundersame Weise immer mehr an. Das liegt allerdings nicht, wie Löhrmann schon vor einigen Monaten in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage jubilierte, an den stetig steigenden Leistungen der angeblich immer besser gebildeten jungen Rheinländer und Westfalen, sondern an der von ihrem Ministerium selbst kräftig angeheizten allgemeinen Noteninflation. Löhrmann und andere amtierende Bildungspolitiker klopfen sich auf die Schulter für die guten Noten, die sie durch entsprechende Vorgaben an die Lehrer geradezu erzwingen. Ein Lehrer, der einem Schüler eine Fünf auf dem Zeugnis gibt, läuft in Nordrhein-Westfalen stets Gefahr, von der Bezirksregierung zurechtgewiesen zu werden. Dann kriegt der Schüler trotz durchgehend mangelhafter Leistung eine "ausreichend" attestiert. Viele Mathematik-Lehrer sagen hinter vorgehaltener Hand, dass ein Großteil der heutigen Abiturienten eine Abiturprüfung des Jahres 1980 nicht bestehen würde.

Für Löhrmann und das parteienübergreifende bildungspolitische Establishment in den Bundesländern könnte der Widerstand von Eltern gegen G8 noch ein großes Problem werden. Löhrmann und ihre Kollegen stehen vor dem Dilemma, dass eine der zentralen bildungspolitischen Reformen der jüngsten Zeit offenkundig falsch war, seine Rückabwicklung aber das Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit und damit einen grundlegenden Ansehensverlust bedeutete. Man kennt das Phänomen aus der Geschichte der Europäischen Währungsunion: Wenn eine politische Klasse im Konsens eine Richtungsentscheidung trifft, hat niemand, der es innerhalb dieser Klasse zu etwas bringen will, ein Interesse daran, den einmal eingeschlagenen Pfad grundsätzlich in Frage zu stellen, selbst wenn er sich als Holzweg erweist. Stattdessen wird er, auch wenn er ins Abseits führt, zur Einbahnstraße erklärt. Mit der Hilfe von scheinbar unabhängigen Experten - in diesem Fall die empirischen Bildungsforscher in der OECD und anderswo -, die mit wissenschaftlicher Autorität erklären, dass G8 funktioniert. Natürlich, schließlich war es ja auch deren Idee! Ein gigantischer Selbstbetrug findet an deutschen Schulen statt, dessen Folge eine galoppierende Entwertung aller Schul- und vermutlich auch vieler Hochschulabschlüsse sein wird.

Die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre, die überall außer in Rheinland-Pfalz zur Regel gemacht wurde, ist einer von vielen verhängnisvollen Fehlern der deutschen Bildungspolitik. Dahinter standen und stehen als treibende Kräfte die kurzsichtigen Interessen von Wirtschaftsverbänden und die auf "Employability" statt Bildung schwörende PISA-Propaganda-Maschinerie der OECD. Ihr einziges Argument für die Abkehr vom bewährten Abitur in der 13. Schulklasse war der Wunsch der Arbeitgeber nach jüngeren Absolventen, der mit dem Hinweis auf die weltweite Sonderstellung Deutschlands unterfüttert wurde.

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Die Leidtragenden sind schon heute die Schüler, denen eine Jugend mit immer weniger Entfaltungsspielraum beschert wird, und deren Lohn in Bildungszertifikaten besteht, die radikal an Wert verlieren. Die Gewinner einer nivellierenden Bildungspolitik nach Löhrmannscher Manier sind Privatschulen, die es vermögenden Eltern gegen Bezahlung ermöglichen, ihren Sprösslingen eine scheinbar oder tatsächlich bessere Schulbildung zu kaufen.

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