Stipendienvergabe: Freaks und Studienabbrecher gesucht

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Stipendienvergabe: Freaks und Studienabbrecher gesucht

, aktualisiert 13. Februar 2015, 10:28 Uhr
von Kerstin Dämon

Stipendien für ein kostenfreies Studium bekommen in der Regel Kinder reicher Eltern, die nur die besten Noten nach Hause bringen. Doch mittlerweile steuern einige Unis dagegen: Sie wollen Stipendiaten, die aus dem Rahmen fallen.

"Viele kluge Köpfe stehen beim Start in die akademische Laufbahn vor einer kaum überwindbaren Hürde: Ihnen fehlt das Geld." Diese Erkenntnis stammt von Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen. Sie wirbt auf der Homepage myStipendium.de für Stipendien aller Art. "Ein Stipendium ist für viele – vom Erstsemester bis zum Doktoranden - eine echte Chance, ihren Weg den­noch zu gehen. myStipendium.de macht die reichhaltige Stipendienlandschaft in Deutschland transparenter und damit überhaupt erst zugänglich für alle, die aus eigener Kraft keine Akademikerkarriere finanzieren können", so Kraft.

Stipendien für tätowierte Juristen und rosa Raumfahrttechniker

Die Initiative für transparente Studienförderung hat ein Stipendienprogramm für Abiturienten und Studierende gegründet, die keinen gradlinigen Lebenslauf haben und mit klassischen Mustern brechen. Dabei kann es sich zum Beispiel um einen Theologiestudenten handeln, der am ganzen Körper tätowiert und gepierct ist, einen Jurastudenten, der sein Studium unterbrochen hat, um als Roadie mit einer Heavy-Metal-Band zu touren oder einen Abiturienten, der die letzten drei Jahre auf Goa verbracht hat und dort die Inspiration für sein nun folgendes Mathematik-Studium gefunden hat. Das #ichmachwasanderes-Stipendium wurde zusammen mit dem American Institute For Foreign Study (AIFS) ausgeschrieben.

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„Bei der Auswahl achten wir auf den individuellen Hintergrund, die Persönlichkeit und die Kreativität der Bewerbung“, erläutert die Mitbegründerin und Geschäftsführerin der Initiative, Mira Maier, die Kriterien. Unter den bisherigen Einsendungen befindet sich beispielsweise ein Kandidat, der ausgewandert ist, um im Dschungel ein Haus zu bauen und bei einer Rettungsstation für Schildkröten mitzuarbeiten. Eine weitere Bewerberin hat eine obsessive Leidenschaft für Prinzesin Lillifee, zahlreiche Tattoos, studiert Raumfahrttechnik und wechselt ständig ihre Haarfarbe zwischen Braun, Blond, Rot, Blau, Lila, Pink, Orange und Schwarz. Ihre Lieblingsfarbe ist Rosa und sie liebt Videospiele.

Diese Finanzierungsmöglichkeiten gibt es

  • Studienkredit

    Studienkredite sind die klassische Form der Studienfinanzierung. Anders als bei gewöhnlichen Krediten bekommt man das für Lebenshaltung und Studiengebühren gedachte Geld auch monatlich ausgezahlt. Angebote gibt es bundesweit bei Großbanken sowie lokal begrenzt bei Sparkassen und Volks- oder Raiffeisenbanken.

  • Überbrückungs-, Zwischen- und Abschlussfinanzierungskredite

    Solche Konzepte sind als Kurzzeitkredite speziell für Studenten gedacht, die kurz vor ihrem Abschluss stehen und finanziell unabhängig sein wollen. Für sie gibt es günstige Zinssätze, manche sind sogar komplett zinsfrei.

  • Bildungsfonds

    Bildungsfonds sind ein junges Modell und kein klassischer Kredit. Anleger kaufen dabei Anteile an einem Fonds, mit dem ausgewählte Studenten gefördert werden. Die müssen später einen bestimmten Prozentsatz ihres Einkommens zurückzahlen.

  • Studienbeitragsdarlehen

    Sie gibt es von staatlicher Seite zu günstigen Konditionen. Studienbeitragsdarlehen sind nur zur Finanzierung der Studiengebühren gedacht, die in einigen Bundesländern noch geblieben sind. Ähnliche Modelle gibt es auch für private Hochschulen, für die häufig ein fünfstelliger Betrag pro Jahr fällig wird.

Das Stipendium im Wert von knapp 10.000 Euro umfasst ein Auslandssemester in Vancouver (Kanada) und beinhaltet unter anderem Flug, Kursgebühren, Unterkunft, Verpflegung, Transfer und Vermittlungsgebühren. „Eliteförderung ist eine gute Sache. Wir sind allerdings davon überzeugt, dass auch ‚normale’ Abiturienten und Studierende Unterstützung verdienen und benötigen. Deshalb treiben wir die Gründung von Förderprogrammen für Menschen, die keiner gängigen Elitedefinition entsprechen, mit aller Kraft voran.“

Elitenförderung ist immer noch die Regel

Doch zumindest die großen Begabtenförderwerke richten sich an diejenigen, die eine finanzielle Unterstützung eigentlich gar nicht brauchen: Einserschüler mit Auslandsaufenthalt, sozialem Engagement und Akademikereltern. Wer nicht mindestens drei Sprachen spricht, zwei Instrumente spielt, in Afrika im Waisenhaus ein unbezahltes Praktikum gemacht hat oder sich anderweitig engagiert, schaut meistens in die Röhre. Weshalb der Spross des Schreinergesellen und der Rewe-Kassiererin im Regelfall schlechte Karten hat.

Allerdings richten sich mehr und mehr Universitäten und Förderwerke gerade an solche Leute: Kinder aus finanziell weniger gut gestelltem Hause, Menschen, die erst auf dem zweiten oder dritten Bildungsweg das Abitur gemacht haben und studieren wollen oder an solche, die auch schon einmal ein Studium abgebrochen haben. Allein bei der Suchmaschine mystipendium.de von der Universitäten Witten-Herdecke sind rund 1500 verschiedene

Stipendien von mehr als 2000 Förderern gelistet. Die Auswahlkriterien reichen von Stipendien für muslimische Schüler über Kinder von Bäckern bis hin zu Regionalförderungen. Darunter sind auch viele Stipendien, die sich speziell an fortgeschrittene Semester richten oder Abschlussarbeiten, Auslandspraktika und -semster unterstützen.

Weitere Artikel

Einzelne Projekte wie "Paradiesvogel gesucht" von der Initiative für transparente Studienförderung der Universität Witten-Herdecke sowie das "Stipendium fürs Anderssein" der Uni Friedrichshafen suchen gezielt nach Studenten, die keinen Vorzeigelebenslauf und Einserzeugnisse vorzuweisen haben. Die ZU spricht dabei von "Anti-Streber-Gruppen", Studenten mit Kindern, Studienabbrechern und sonstigen Kandidaten, die die großen Förderwerke von vornerein aussortieren. Statt guter Noten, sozialer Herkunft und Engagement liegt der Fokus bei diesen Programmen auf dem Menschen und seiner Geschichte: Wer nicht wirkt, wie von McKinsey designt, hat gute Chancen auf Unterstützung.

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