Streit um Schulzeit : Das neunjährige Gymnasium kehrt zurück

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Streit um Schulzeit : Das neunjährige Gymnasium kehrt zurück

von Ferdinand Knauß

Niedersachsen führt unter dem Eindruck einer großen Protestbewegung wieder das neunjährige Gymnasium ein. Auch in anderen Ländern laufen Eltern, Lehrer und Schüler Sturm gegen G8. Schuld an der Misere sind auch kurzsichtige Wirtschaftsinteressen.

Niedersachsen hat als erstes Bundesland die radikale Kehrtwende beschlossen. Keine zehn Jahre nach Einführung des verkürzten achtjährigen Gymnasiums (G8), verkündete Kultusministerin Frauke Heiligenstadt gestern, dass in ihrem Bundesland ab dem Schuljahr 2015/16 wieder alle Gymnasien des Landes das 13. Schuljahr einführen werden. Die Verkürzung der Schulzeit sei "ein folgenschwerer Irrweg" gewesen.

Niedersachsen ist nur der Vorreiter einer Entwicklung, die längst auch andere Bundesländer erfasst hat. Zumindest in den westlichen Bundesländern ist das erst vor wenigen Jahren fast bundesweit eingeführte "Turbo-Abitur" in die Defensive gekommen. Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Philologenverbands, der Interessenvertretung der Gymnasiallehrer, spricht von einer "Dynamik, die sich selbst verstärkt". Bürgerinitiativen von Eltern und Lehrern haben in den vergangenen Monaten einen einzigartigen Generalangriff auf das ungeliebte G8 mobilisiert. Mit großem Erfolg: In einigen Ländern wie Hessen und Schleswig-Holstein können Gymnasien wählen, ob sie das Abitur wieder nach neun Jahren anbieten. In Hessen sind schon rund 80 Prozent der Gymnasien zu G9 zurückgekehrt.

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Ende 2010 konnten auch Schulen in Nordrhein-Westfalen beantragen, das Abitur wieder nach neun Jahren anzubieten. Rheinland-Pfalz war als einziges Bundesland bisher ohnehin beim G9 geblieben. Das G8-Modell soll erst 2016 eingeführt werden. Ob es dazu kommt, ist angesichts der jüngsten Entwicklung in anderen Bundesländern. In Bayern läuft derzeit ein Volkbegehren, dass die Wahlfreiheit der Eltern zwischen G8 und G9 durchsetzen will. Auch dort rechnen viele damit, dass Ministerpräsident Horst Seehofer des Volkes Stimme nicht ungehört lassen wird.

Nur in Nordrhein-Westfalen und im Saarland sind die Schulministerien trotz auch dort lauter werdender Proteste weiterhin unbeirrbar auf G8-Linie. Die Düsseldorfer Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) kann sich sogar auf den Rückhalt des nordrhein-westfälischen Philologenverbandes stützen. Im Gegensatz zum Bundesverbandsvorsitzenden Meidinger will Landesverbandschef Peter Silbernagel nicht zurück zu G9. Im Saarland dagegen fordert der "Verband Deutscher Realschullehrer" (VDR) nun, nicht nur das neunjährige Gymnasium, sondern auch die Realschule wieder zu beleben, die vor einigen Jahren mit Hauptschulen zu "erweiterten Realschulen" oder "Gemeinschaftsschulen" zusammengelegt worden waren.

Einzig in den neuen Bundesländern - ohne (West-)Berlin - ist der Anti-G8-Protest schwach. Kein Zufall. Die DDR hatte schon unmittelbar nach dem Krieg den Weg zum Abitur radikal reformiert und "Erweiterte Oberschulen" ohne 13. Schuljahr eingeführt. Nach der Wiedervereinigung fiel es in den neuen Ländern aus diesem Grund leichter, auch die neuen Gymnasien und ihre Lehrpläne auf 12 Schuljahre bis zum Abitur auszurichten.

Die absehbare Rückabwicklung des einst als zukunftsweisende Bildungsreform gefeierten G8 zeigt nun, dass eine Schulpolitik, die jahrzehntelange Schultraditionen und den Willen der Eltern ignoriert, sich rächt. Eine Umfrage in Hamburg zeigte, dass rund 70 Prozent der Eltern G9 bevorzugen.

Wissenswertes über Niedersachsen

  • Volkswagen fährt vorneweg

    Das größte Unternehmen in Niedersachsen ist Volkswagen. Alleine in den Werken in Wolfsburg (51.594 Beschäftigte), Hannover (12.604 Beschäftigte), Braunschweig (5.799 Beschäftigte) und Emden (7.604 Beschäftigte) arbeiten über 75.000 Niedersachsen. Weitere große Unternehmen und Arbeitgeber sind Continental und TUI.

  • Großes grünes Land

    Die Fläche von Niedersachsen beträgt 47.634,90 Km². Damit ist das Bundesland nach Bayern das zweitgrößte in der Bundesrepublik. 82 Prozent der Fläche bestehen aus Landwirtschafts- und Waldflächen.

  • Streit mit den Niederlanden

    Niedersachsen ist das Bundesland mit den meisten deutschen Nachbarländern. Angrenzende Länder sind: Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein, , Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Hessen und Nordrhein-Westfalen.

    Ein regelmäßiger Streitpunkt ist übrigens die Grenze zwischen Niedersachsen und den Niederlanden. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde sie im Bereich der Ems-Mündung nie genau festgelegt. Zwar einigte man sich auf eine grundsätzlich gute Zusammenarbeit, aber etwa beim Bau von Offshore-Parks kommt es oftmals zu Differenzen.

  • Erdgas und Torf

    Niedersachsen verfügt über die größten Erdgasvorkommen in Deutschland. 95 Prozent der Erdgasförderung entfallen auf das Bundesland. Zudem ist Niedersachsen führend beim Abbau von Torf, Kies und Sand.

  • Niedersachsen und das liebe Vieh

    In Niedersachsen leben rund acht Millionen Schweine, das sind etwa genau so viele wie menschliche Einwohner. Die Nutztierhaltung sorgt vielerorts für ordentliche Einkommen, sorgt aber auch dafür, dass die Böden stark belastet sind und im Grundwasser zu viel Gülle ist.

  • Ein Land, drei Amtssprachen

    Logisch, die Amtssprache in Niedersachsen ist Deutsch, aber wegen einem Eintrag in der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen sind auch Saterfriesisch und Niederdeutsch zum Amtsgebrauch zugelassen.

    Deutschlandweit wurden nur fünf Minderheitssprachen (u.a. Saterfriesisch) und eine Regionalsprache (Niederdeutsch) als schützenswert empfunden.

  • Dünn besiedelt

    In Niedersachsen leben etwa 7,922 Millionen Menschen (Stand 31. Juli 2012). Damit kommt das Land auf eine Bevölkerungsdichte von 166 Einwohnern pro Km² (Durchschnitt in Deutschland 229 Bewohner pro Km²). Nach Einwohnern ist Niedersachsen das viertgrößte Bundesland.

Das stärkste Argument der Befürworter der G9-Renaissance ist die allzu hohe Wochenstundenbelastung der Schüler. Durch G8 erhöhten sich die Wochenstunden für Gymnasiasten von 30 auf 33 in den Stufen acht und neun, auf 34 ab Stufe zehn – Hausaufgaben noch nicht eingerechnet. Das entspricht einem Gesamtstundenvolumen von 265 Jahreswochenstunden, die laut Kultusministerkonferenz eingehalten werden müssen – egal ob sie auf neun oder acht Jahre verteilt werden. Das geht auf Kosten der Zeit für Familie und Hobbies. Der Deutsche Lehrerverband beklagt zum Beispiel, dass an vielen Schulen die Orchester und Theater-Gruppen aufgelöst werden müssen.

Anja Nostadt ist Psychologin und Sprecherin mehrerer Initiativen pro G9. Sie schätzt, dass manche Schüler sogar bis zu 50 Stunden pro Woche mit der Schule beschäftigt. Viele Schüler zeigten daher, so Nostadt, schon ab dem 11. Lebensjahr zunehmend Stresssymptome. Nostadt will bei G8-Schülern eine auffällig Zunahme von Erkrankungen - wie Einschlafstörungen, Migräne und Magersucht - festgestellt haben, die sie zuvor bei ihrer Arbeit als Therapeutin nicht beobachtet hat. Bei einer Pressekonferenz der G9-Initiativen in Berlin formulierte es Florian Weihmann, Landesschülersprecher des Saarlandes, so: "Es ist üblich geworden, dass wir nach 16 Uhr nach Hause kommen, Dann haben wir noch Hausaufgaben auf, dann müssen wir noch an Projekten arbeiten. Spätabends können wir dann unsere Jugend genießen."

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