Studium: Bloß keine Panik beim Bummeln

KommentarStudium: Bloß keine Panik beim Bummeln

von Daniel Rettig

Einer Studie zufolge neigen die Studenten in Nordrhein-Westfalen zum Bummelstudium. 88 Prozent der auslaufenden Diplom-Studenten haben gar länger benötigt als geplant. Dazu kann man ihnen nur gratulieren.

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Als Schüler wollte man gerne Student sein, als Student wäre man häufig wieder lieber Schüler. Als Arbeitnehmer erscheint einem die Zeit an der Uni wie das reinste Paradies. Der Mensch begehrt immer das, was er nicht hat.

Die Frage, was Menschen erfolgreich macht, ist etwa so alt wie die Nacht. Die einen Wissenschaftler behaupten, Erfolg sei bereits in den Genen verankert. Die anderen sind der Meinung, Erstgeborene seien erfolgreicher. Wieder andere verorten die Wurzeln des Erfolgs wahlweise im Bereich puren Zufalls, machen glückliche Umstände dafür verantwortlich oder schlicht Fleiß und Ehrgeiz.

Ganze Schrankwände von Ratgeberliteratur gibt es zu dem Thema. So bunt gefächert die Ergebnisse sind, ein Faktor wurde in der Erfolgsforschung bislang missachtet: Die Frage, ob jemand sein Studium in Regelzeit beendet hat – und zwar aus gutem Grund. Aber der Reihe nach.

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Das Nachrichtenportal „Der Westen“ berichtete kürzlich von einer Exklusiv-Meldung. Demnach habe weniger als ein Drittel der Studierenden in Nordrhein-Westfalen das Studium im Jahr 2010 in der Regelstudienzeit abgeschlossen. Von den auslaufenden 12. 000 Diplom-Studenten hätten 88 Prozent länger als geplant für den Abschluss benötigt. Selbst bei den stärker verschulten Bachelor-Studiengängen habe „gerade mal“ die Hälfte den Abschluss in sechs Semestern geschafft.

Die Meldung schaffte es heute immerhin auch in die Radio-Nachrichten. Und irgendwie glaubte man im Subtext wieder, die alten Klischees über Studenten erfüllt zu hören. Von wegen fauler, bequemer Nachwuchs. Dabei sollte man jedem, der das Studium eben nicht in Regelstudienzeit schafft, eigentlich gratulieren – vorausgesetzt, er nutzt die Zeit sinnvoll.

Hauptsache ein Jahr im Ausland, freie Mitarbeit, Praktika

Ich erinnere mich noch gut an mein VWL-Studium an der Uni Köln. Neun Semester Regelstudienzeit waren dafür angedacht. Und das war, offen gestanden, auch machbar. Theoretisch zumindest. Aber nicht praktisch – dann nämlich, wenn man nebenbei noch seinen Lebensunterhalt durch einen Nebenjob finanzieren musste, Praktika absolvieren wollte und das Studentenleben auch ein wenig zu genießen dachte. Letztendlich brauchte ich also zwölf Semester für das Studium. Hat mir das bei der Jobsuche geschadet? Eher nein.

Mehr noch: Ich behaupte sogar, dass es den meisten Personalverantwortlichen völlig egal ist, wie lange jemand für sein Studium gebraucht hat – wenn er nachweisen kann, dass er die Zeit sinnvoll genutzt hat. Sei es für ein Jahr im Ausland, freie Mitarbeit, Praktika, ein eigenes Unternehmen. Ganz egal was – Hauptsache, Sie können bei der ersten Bewerbung vorweisen, dass Sie die Zeit nicht nur an Traumstränden und Theken verbracht haben. Falls Sie also gerade an einer deutschen Uni studieren und sich Sorgen wegen ihrer Regelstudienzeit schaffen: Lassen Sie das bleiben!

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Natürlich sollte das niemand als Aufruf zum Bummelstudium verstehen. Aber genauso sinnlos wäre es, die Zeit an der Uni mit Scheuklappen und Sporen so schnell wie möglich durchzuziehen, auf der Suche nach dem ersten festen Job. Ich garantiere Ihnen, dass Ihnen eine solche Einstellung irgendwann leid tun wird.

Als Schüler wollte man gerne Student sein, als Student wäre man häufig wieder lieber Schüler. Als Student wollte man endlich fest arbeiten – und als Arbeitnehmer erscheint einem die Zeit an der Uni wie das reinste Paradies. Der Mensch begehrt immer das, was er nicht hat.

Anders als auf der Computertastatur gibt es im Leben jedoch keine „Rückgängig“-Taste. Machen Sie einfach das Beste draus.

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