Tauchsieder: Die Rückkehr des Pisa-Schocks

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Beim neuen internationalen Pisa-Schultest haben sich die Schüler in Deutschland im oberen Mittelfeld behauptet.

Kolumne von Dieter Schnaas

Aus lauter Angst vor Super-China-Kindern richten deutsche Eltern ihren Nachwuchs zu blöden Lernmaschinen und angepassten Funktionseliten ab. Auf der Strecke bleibt die Bildung. Ein Aufschrei.

Das Schönste am Pisa-Schock ist, dass er herumgeht wie ein Plumpssack. Vor zwölf Jahren, ältere Zeitgenossen erinnern sich noch gut, ereilte der Pisa-Schock Deutschland. Die von der OECD alle drei Jahre vorgenommene Vermessung internationaler Schülerfähigkeiten listete den Nachwuchs der stolzen Industrie- und Exportnation auf den Plätzen 20 (Mathematik und Naturwissenschaften) und 21 (Lesefähigkeit), weit hinter Österreich und Belgien, Kanada und der Schweiz, ganz zu schweigen von den Performance-Königen in Nordeuropa und den Drill-Erfolgreichen in Fernost.

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Der Schock war umso größer, als die Panikbereitschaft in Deutschland damals besonders ausgeprägt war. Schließlich regierte Rot-Grün in jenen Jahren, was bürgerlichen Spitzenpolitikern und Burda-Springer-Leitartiklern Anlass genug war, das gesamte Land wie eine Art Aussatz zu behandeln. Mit weit aufgerissenen Augen eilten sodann Bildungsforscher und Wirtschaftskapitäne in die Fernseh-Talkshows, um deutsche Untergangssehnsüchte zu stillen: Der Standort Deutschland sei gefährdet, weil kein Leistungswille mehr vorhanden und die Nation nicht mehr hungrig genug sei. Ein Volk von Germanisten und Philosophen habe man sich da herangezüchtet, lauter antriebslose Schopenhauer-Freunde, die lieber Taxi fahren, um sich das Geld für den nächsten Haschurlaub am Strand von Goa zu verdienen statt Ingenieur zu werden, ein Reihenhaus zu kaufen und eine vierköpfige Familie zu gründen, um nine to five effizient an der Erhaltung und Verteidigung des nationalen Wohlstands mitzuwirken.

PISA-Aufsteiger Deutschland Die Streber-Republik

Deutschland verbessert sich erneut im internationalen Bildungsranking der OECD. Die Ergebnisse des Schulleistungsvergleichs belegen damit auch, wie reformfähig das Land ist.

Inflation des Abiturs 2 Quelle: dpa

Schuld an allem waren damals - wie immer - die 68er und ihre ökologiebewegten Kinder, die man in Deutschland unter Hinweis auf „German Angst“, mangelnde Technikbegeisterung und ausgeprägte Fortschrittsfeindschaft jederzeit begründungslos zum Teufel wünschen darf. Die Permissivität der antiautoritären Erziehung habe der Disziplinbereitschaft der Kinder den Boden entzogen und den Jugendlichen alle Leidenschaft zur Selbst-Inzuchtnahme gründlich abtrainiert. Heraus gekommen sei eine Gesellschaft der maximalen Liberalisierung mit minimalen Umgangsformen – und ein Nachwuchs, der die Flüchtigkeit eiliger Ekstasen und den Reiz, eine RTL-II-Berühmtheit zu werden, höher schätzt als die sublime Leidenschaft von Verzicht und Askese bei der Verfolgung etwas raffinierterer Bildungsgenüsse. Die Leitwissenschaft jener Tage, man mag es heute kaum noch glauben, war die Ökonomie, die unter Bildung traditionell die Bildung von Humankapital versteht, während die meisten Geisteswissenschaftler, allen voran die Soziologen, im Ruf standen, als nörgelnde Eckensteher die Steigerung des Bruttosozialprodukts zu behindern. Ethnologie , Ärchäologie, Philosophie, Theologie, die Literaturwissenschaften – das alles wurde von der bürgerlich-liberalen Elite nicht nur zum unproduktiven Kosmos der „Orchideenfächer“ gerechnet und schamlos abqualifiziert. Vielmehr wurden die „brotlosen Künstler“ auch persönlich stigmatisiert, indem man sie zum Problem für den Wohlstand der Deutschen erklärte. Der Liberalismus zeigte sich damals von seiner hässlichsten Seite. Ausgerechnet die Emanzipationsfreunde stellten sich damals in den Dienst der Staatsräson – und vergingen sich an der individuellen Freiheit der Deutschen, ihr Glück in Zukunft als Volk der Germanisten und Historiker zu versuchen.

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