Treten statt Kippeln: Schulstunden auf dem Ergometer

Treten statt Kippeln: Schulstunden auf dem Ergometer

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Radeln für den Lernerfolg: Fünftklässler lernen auf Heimtrainern

Dort, wo sonst ein Lenker ist, ist ein kleines Pult: Einige Schüler in Aschaffenburg sitzen auf Fahrrad-Ergometern statt auf Stühlen. Experten meinen: Die positiven Effekte überwiegen.

Eine 5. Klasse an einem Aschaffenburger Gymnasium ist „bewegt“ in das neue Schuljahr gestartet: Die Kinder zwischen 10 und 11 Jahren radeln auf Ergometern im Klassenraum - während des Unterrichts. Jonas sitzt wie fünf seiner Klassenkameraden auf einem Fahrrad-Ergometer im hinteren Teil des Klassenraums. Sie treten nebenbei, während sie dem Unterricht folgen. Wo bei einem Fahrrad der Lenker ist, sind an ihren Ergometern kleine Pulte mit Bücherstützen angebracht. So können sie im Lehrbuch lesen und mitschreiben. Sie treten langsam, gerade genug, um den Puls ein wenig zu erhöhen. Rund 100 Herzschläge pro Minute sind das Ziel, Strampeln und Schwitzen sollen die Kinder nicht.

„In der Regel sind die kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt, wenn ich eine weitere motorische Aufgabe machen soll“, erklärt Leif Johannsen, Psychologe am Lehrstuhl für Bewegungswissenschaft der Technischen Universität München (TUM). Er hat selbst Versuche durchgeführt, bei denen Probanden auf einem Ergometer kognitive Aufgaben lösen sollten.

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Dennoch glaubt er, dass in der Aschaffenburger Ergometer-Klasse die positiven Effekte überwiegen. „Durch die körperliche Aktivität wird das allgemeine Erregungsniveau hochgefahren.“ Daher liege es nahe, dass sich Schüler auf einem Ergometer häufiger meldeten und aufmerksamer seien. „Die Aufforderung, in der Schule still zu sitzen, ist eigentlich Quatsch“, resümiert der Neurowissenschaftler.

Wie steht es um das Modell Ganztagsschule in Deutschland?

  • Welche Rolle spielen Ganztagsschulen in Deutschland?

    Bis in die 90er Jahre hinein gab es Gegenwind - besonders von konservativer Seite. Kritiker befürchteten, durch die lange Lernzeit würden Familien auseinandergerissen. Der Wunsch nach mehr Berufstätigkeit von Frauen, vor 15 Jahren dann das miserable Abschneiden deutscher Schüler beim PISA-Vergleichstest brachten die Wende - und ein vier Milliarden Euro teures Ausbauprogramm. Inzwischen verkünden Politiker stolz, dass Ganztagsschulen fest verankert seien. In Zahlen: An sechs von zehn Schulen gibt es solche Angebote, genutzt von 2,7 Millionen der elf Millionen Schüler in Deutschland (2014). Unterschieden wird zwischen offenen Formen, die sich lediglich als Angebot verstehen (zwei Drittel), und gebundenen Formen - hier müssen Schüler am Nachmittagsprogramm teilnehmen.

  • Was versprechen sich Experten vom Ganztagsunterricht?

    Fachleute knüpfen hohe Erwartungen an den längeren gemeinsamen Unterricht. „Die Ganztagsschule hat das Potenzial, Nachteile, die Kinder im Elternhaus haben, abzufedern und so die Chancengleichheit zu verbessern“, sagt etwa der renommierte Bildungsforscher Klaus Klemm, der am Bertelsmann-Report federführend mitarbeitete. Er favorisiert gebundene Angebote, um den Unterricht zu entzerren. Studien haben gezeigt, dass dann auch zunehmend kostenlose Nachhilfeangebote zur Verfügung stehen.

  • Gibt es Erkenntnisse, was Ganztagsunterricht wirklich bringt?

    Wer bis zum späten Nachmittag an der Schule ist, wird nicht unbedingt klüger - aber womöglich ein freundlicherer, ausgeglichenerer Mensch: So lässt sich die Mitte April veröffentlichte „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG) für das Bundesbildungsministerium zusammenfassen. Die vierjährige Forschungsarbeit an 140 Grundschulen und Schulen der Sekundarstufe fand positive Wirkungen auf soziale Kompetenz, Motivation und Selbstbild der Schüler - wohlgemerkt: bei guten Ganztagsangeboten. Weiter heißt es: „Unmittelbare Effekte auf die Entwicklung ihrer fachlichen Kompetenzen zeigten sich jedoch nicht.“ Die Studie fordert, Schulen sollten stärker auf die Qualität ihrer Ganztagsangebote achten - eine schnöde Hausaufgabenbetreuung durch Ehrenamtliche reiche nicht. Denn wichtig sei die Verzahnung mit den Unterrichtsthemen. Doch daran hapert es oft.

  • Gibt es große Unterschiede zwischen Ganztagsschulen in den Ländern?

    Die Bandbreite ist riesig, wie der aktuelle Ländervergleich für gebundene Ganztagsschulen zeigt. Bei Zusatz-Lernzeiten und -Personal sei Deutschland „ein Flickenteppich“, bilanziert die Stiftung. Ein Beispiel für das Auseinanderklaffen der Angebote: Während Ganztagsschule für hessische Schüler bis zu 22 Extra-Wochenstunden bedeutet, sind es in vielen ostdeutschen Ländern ganze vier. Das von den Ländern für zusätzliches Fachpersonal bereitgestellte Geld schwankt ebenfalls dramatisch. Hinzu kommt: Zusätzliche Lernzeit und Personalausstattung sind in vielen Bundesländern nicht aufeinander abgestimmt. Eine gute Relation „bieten in allen Stufen gebundener Ganztagsschulen lediglich Berlin und das Saarland“, heißt es.

  • Was heißt das für die Ganztagsangebote?

    Wenn nur wenig Extra-Zeit und kaum zusätzliches Fachpersonal zur Verfügung stehen, wird das nicht viel mit der Ganztagsschule, kritisieren Bildungsforscher. „Das ist dann nah an reiner Betreuung. Es hilft berufstätigen Eltern - aber dass dort etwas pädagogisch Förderliches geschieht, ist nicht zu erwarten“, sagt Studien-Autor Klemm. Auch Bildungsökonom Ludger Wößmann vom ifo Institut meint, das bisherige Ganztagsschulsystem sei oft kaum mehr als eine „Verwahrung der Kinder nach dem Mittagessen“. Entzerrte Bildungsangebote und viel Zeit für individuelles Lernen seien weiterhin eine Ausnahme - und das, obwohl bei Elternumfragen Ganztags-Befürworter mittlerweile deutlich in der Mehrheit seien.

  • Passiert was?

    Es wird nicht gleich Geld für Ganztagsschulen regnen in den Ländern, aber die Forschungsergebnisse sprechen doch eine deutliche Sprache: Mehr Zusatz-Personal und mehr Unterrichtsqualität sind flächendeckend nötig. Die Bildungsgewerkschaften werden nicht locker lassen: „Es ist ein unhaltbarer Zustand, dass die Bildungschancen eines Kindes noch immer stark abhängig sind von dem Bundesland, in dem es zur Schule geht“, sagt Udo Beckmann vom Verband Bildung und Erziehung (VBE). Er fordert „verbindliche Standards“. Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) im eigentlich gut benoteten Berlin verlangt für Ganztagsschulen einen Qualitätsschub: „Da müssen wir Geld in die Hand nehmen“, sagt GEW-Landeschefin Doreen Siebernik.

Die Idee der Ergometer-Klasse stammt aus Österreich: Der Wiener Sportwissenschaftler und Gymnasiallehrer Martin Jorde initiierte die erste Klasse 2007 an einem Wiener Gymnasium. Er stellte bei seinen Schülern positive Veränderungen in der Fitness, aber auch in Noten und Sozialverhalten fest. Auch Johannsen bestätigt: „In Studien sieht man, dass fittere Kinder langfristig auch bessere Schulnoten haben.“

„Wenn man sich bewegt, wird das Herz-Kreislauf-System angeregt“, erklärt Tobias Bauer, der am Friedrich-Dessauer-Gymnasium den Fachbereich Sport leitet. Dadurch werde mehr Blut ins Gehirn gepumpt und die Konzentration gesteigert. Bauer hat die Ergometer-Klasse nach Aschaffenburg geholt. Zusammen mit 15 Oberstufenschülern organisierte er die Umsetzung des Projekts in der 5a.

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