Witten/Herdecke: Wettlauf gegen die Zeit

Witten/Herdecke: Wettlauf gegen die Zeit

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Die Privatuniversität Witten-Herdecke ist offenbar gerettet: Ein Großsponsor will einspringen

Absolventen wollen Anteile an der Privatuni Witten/Herdecke kaufen, um die älteste private Hochschule Deutschlands zu retten. Doch für die spektakuläre Aktion bleibt ihnen nicht viel Zeit.

Vielleicht haben sie insgeheim geahnt, dass dieser Wittener Winter besonders kalt und dunkel wird, dass es dieses Mal ums Ganze geht. Es würde erklären, warum der Chor der Privatuniversität Witten/Herdecke ausgerechnet mit Giuseppe Verdis Requiem im Programm durchs Ruhrgebiet tourt. Den Gemütszustand der Hochschule jedenfalls bringt die dramatisch-düstere Totenmesse trefflich auf den Punkt: „Wenig gilt vor dir mein Flehen“, lässt Verdi den Chor singen, „doch aus Gnade lass’ geschehen, dass ich mög’ der Höll’ entgehen.“

Es ist die Aussicht auf eine Hölle namens Insolvenz, die Studenten, Professoren, Ehemalige und Management erschaudern lässt. Im Vorhof dieser Hölle mussten sie wegen der chronischen Finanznot ihrer Uni mehrmals schmoren. Zuletzt vor ein paar Wochen, als Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) Zahlungen in Millionenhöhe stoppte, weil er an der Solidität der Finanzplanung zweifelte. Erst der Einstieg des Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke rettete die Hochschule in das neue Jahr.

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Noch immer reicht das Geld nicht aus, um die Hochschule dauerhaft über Wasser zu halten. Weitere Investoren müssen her, und zwar schnell. Das Uni-Management verhandelt gerade mit möglichen Partnern aus der Wirtschaft. Schon am Donnerstag tagt im Düsseldorfer Wissenschaftsministerium gewissermaßen das jüngste Gericht. Pinkwart will zahlungskräftige Investoren sehen, die sich vertraglich binden, andernfalls streicht er unwiderruflich die Zuschüsse. Deutschlands älteste Privatuniversität, gegründet im Jahr 1980, wäre dann wohl Geschichte.

Ein Novum auf dem deutschen Hochschulmarkt

Eine kleine Gruppe von Absolventen will dies unbedingt verhindern. Sie hat einen spektakulären Plan ausgeheckt: Die Ehemaligen wollen Anteile an der Uni kaufen. Eine siebenstellige Summe, verteilt über drei Jahre, sollen die 3000 Alumni der Hochschule spenden. Das Uni-Kuratorium, eine Gruppe generöser Gönner, will das eingesammelte Geld verdoppeln. Mit den Spenden kaufen sich die Alumni dann als Gesellschafter in die gemeinnützige Uni-GmbH ein. Geht der Plan auf, würden Ehemalige zu Besitzern ihrer Alma Mater – ein Novum auf dem deutschen Hochschulmarkt.

„Wir sind ein idealer Partner“, schwärmt Manuel Dolderer. Bei dem 32-jährigen Unternehmensberater, einem Absolventen der Wirtschaftswissenschaften, laufen derzeit viele Fäden der Initiative zusammen. „Wir kennen die Uni so gut wie kein anderer und haben ein langfristiges Interesse, das Haus weiterzuentwickeln.“ Allerdings werde man nur einsteigen, wenn das Land weiter subventioniert und die Zukunft der Hochschule im Zusammenspiel mit anderen Investoren gesichert sei.

Die Lösung hat aus Wittener Sicht viel Charme: Die Universität erhielte nicht nur größeren finanziellen Spielraum, sondern auch Ehemaligen-Vertreter mit Stimmrecht säßen am Gesellschaftertisch, wenn über die Zukunft der Uni entschieden wird. Viele Wittener fürchten einen Ausverkauf der Hochschule, an der bisher eine handverlesene Zahl von Studenten auf exzellente Professoren trifft. Hätte ein einzelner Investor im Gesellschafterkreis die Mehrheit, könnte er auf der Suche nach Ertragsquellen nach Gutdünken schalten und walten.

An einschneidenden Veränderungen – mehr Studenten, höhere Studiengebühren, weniger Personal – geht wohl kein Weg vorbei, dafür ist die Ertragslage zu schlecht. Diese Schraube jedoch kann eine private Uni mit hohem Anspruch nicht beliebig weit drehen. Wird das Studium bei schlechter Betreuung teurer, gehen talentierte Studenten an andere Unis. Sinkt deshalb das Niveau, suchen Professoren das Weite. Eine Abwärtsspirale kommt in Gang.

Der viel beschworene Geist von Witten, die enge emotionale Bindung der Studierenden und Alumni an die Uni, wird nun auf eine harte Probe gestellt. Kommen nur ein paar Tausend Euro zusammen, stünden die Initiatoren dumm da. Denn in letzter Konsequenz hieße es, dass die Ehemaligen nicht an die Zukunft ihrer Uni glauben.

Doch dieses Risiko wollen sie eingehen. „Wir wollen nicht tatenlos zusehen, wie die Uni auf den Abgrund zusteuert“, sagt David Klett, Absolvent der Wirtschaftswissenschaften und einer der Initiatoren. Er stellt jetzt mit seinen Mitstreitern unter hohem Zeitdruck die Logistik für die Spendenaktion auf die Beine. Ein Verein muss gegründet, eine Homepage eingerichtet, die Aufgaben verteilt werden. Am heutigen Montag wollen die Organisatoren alle 3000 Ehemaligen telefonisch abklappern und das Modell vorstellen. Viel Zeit zum Überlegen haben die Alumni dann nicht. Spätestens am Mittwoch muss das Geld auf dem Konto sein.

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