Arianna Huffington warnt: „Wir haben nur noch Stress und Überlastung“

ThemaGesundheit

InterviewArianna Huffington warnt: „Wir haben nur noch Stress und Überlastung“

von Miriam Meckel

Forscher und Technikunternehmer wollen uns im Schlaf produktiver machen. So ließe sich enormer Wohlstand zusätzlich erwirtschaften. Arianna Huffington warnt vor dem Angriff auf unseren Schlaf.

Frau Huffington, fühlen Sie sich derzeit müde?

Nein, glücklicherweise nicht.

Anzeige

In Ihrem neuen Buch diagnostizieren Sie die Krise des Schlafs. Was ist die Hauptursache für diese Krise?

Das ist die weitverbreitete Annahme, Überarbeitung und Burn-out seien der Preis für Erfolg in unserer Arbeitswelt. Dabei ist es doch so: In unserem Alltag fühlt es sich so an, als hätte der Tag nicht genug Stunden. Wir suchen also nach etwas, was wir herauskürzen können. Und Schlaf ist ein einfaches Ziel. Fakt ist aber: Gegen unsere Definition von Erfolg hat der Schlaf keine Chance.

Was nimmt den Schlaf unter Beschuss? Die Anforderungen eines beschleunigten Geschäftslebens oder uns selbst auferlegte Anforderungen?

Alles, unglücklicherweise. Die Kombination einer schlicht fehlgeleiteten Definition des Erfolges in der heutigen Welt – der nur aus Überlastung und Stress entstehen kann – zusammen mit der Ablenkung und Verlockung einer 24/7 vernetzten Welt, gefährdet unseren Schlaf wie nie zuvor.

Müssen wir zu Leistungsmaschinen werden, um den Ansprüchen der 24/7-Netzwerkgesellschaft gerecht zu werden?

Nein, denn genau dieses Denken hat uns dahin gebracht, wo wir heute stehen. Die 24/7-Existenz allzeitiger Erreichbarkeit macht es wichtiger denn je, mit unserer Arbeit Maß zu halten. Viel zu lange haben zu viele von uns, besonders Frauen, geglaubt, dass Ausgebranntsein der notwendige Preis für Leistung und Erfolg ist.

Wie viele Stunden verschiedene Personengruppen im Durchschnitt schlafen

  • gesamter Durchschnitt

    Insgesamt schläft der Mensch unter der Woche durchschnittlich 7,01 Stunden und am Wochenende 7,88 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • Männer

    Männer schlafen unter der Woche durchschnittlich 7,00 Stunden und am Wochenende 7,93 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • Frauen

    Frauen schlafen unter der Woche durchschnittlich 7,01 Stunden und am Wochenende 7,83 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • Verheiratete

    Verheiratete schlafen unter der Woche durchschnittlich 7,01 Stunden und am Wochenende 7,75 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • Singles

    Singeles schlafen unter der Woche durchschnittlich 7,06 Stunden und am Wochenende 8,49 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • Geschiedene

    Geschiedene schlafen unter der Woche durchschnittlich 6,85 Stunden und am Wochenende 7,69 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • Getrennt

    Getrennt lebende schlafen unter der Woche durchschnittlich 6,76 Stunden und am Wochenende 7,61 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • Verwitwete

    Verwitwete schlafen unter der Woche durchschnittlich 7,02 Stunden und am Wochenende 7,27 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • Beschäftigte

    Beschäftigte schlafen unter der Woche durchschnittlich 6,88 Stunden und am Wochenende 8,08 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • Selbstständige

    Selbstständige schlafen unter der Woche durchschnittlich 6,94 Stunden und am Wochenende 7,83 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • Rentner

    Personen in Rente schlafen unter der Woche durchschnittlich 7,20 Stunden und am Wochenende 7,37 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • Erwerbslose

    Erwerbslose schlafen unter der Woche durchschnittlich 7,04 Stunden und am Wochenende 7,65 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • Beamte

    Beamte schlafen unter der Woche durchschnittlich 6,80 Stunden und am Wochenende 8,03 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • Auszubildende

    Auszubildende schlafen unter der Woche durchschnittlich 7,07 Stunden und am Wochenende 8,96 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • Sehr gute Gesundheit

    Personen mit einer sehr guten Gesundheit schlafen unter der Woche durchschnittlich 7,20 Stunden und am Wochenende 8,38 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • Gute Gesundheit

    Personen mit guter Gesundheit schlafen unter der Woche durchschnittlich 7,09 Stunden und am Wochenende 8,11 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • Befriedigende Gesundheit

    Personen mit befriedigender Gesundheit schlafen unter der Woche durchschnittlich 6,99 Stunden und am Wochenende 7,78 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • Schlechte Gesundheit

    Personen mit schlechter Gesundheit schlafen unter der Woche durchschnittlich 6,75 Stunden und am Wochenende 7,33 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • Hohes Bildungsniveau

    Personen mit einem hohen Bildungsniveau schlafen unter der Woche durchschnittlich 7,01 Stunden und am Wochenende 7,88 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • Mittleres Bildungsniveau

    Personen mit einem mittleren Bildungsniveau schlafen unter der Woche durchschnittlich 7,00 Stunden und am Wochenende 7,85 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • Niedriges Bildungsniveau

    Personen mit einem niedrigen Bildungsniveau schlafen unter der Woche durchschnittlich 7,00 Stunden und am Wochenende 7,78 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • Kinderlose

    Kinderlose schlafen unter der Woche durchschnittlich 7,05 Stunden und am Wochenende 7,84 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • Personen mit einem Kind

    Personen mit einem Kind schlafen unter der Woche durchschnittlich 6,92 Stunden und am Wochenende 8,06 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • Person mit zwei Kindern

    Personen mit zwei Kindern schlafen unter der Woche durchschnittlich 6,87 Stunden und am Wochenende 7,93 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • Personen mit drei und mehr Kindern

    Personen mit drei und mehr Kindern schlafen unter der Woche durchschnittlich 6,85 Stunden und am Wochenende 7,87 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • 15- bis 20-Jährige

    Personen im Alter von 15 bis 20 Jahren schlafen unter der Woche durchschnittlich 7,26 Stunden und am Wochenende 9,20 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • 21- bis 30-Jährige

    Personen im Alter von 21 bis 30 Jahren schlafen unter der Woche durchschnittlich 7,10 Stunden und am Wochenende 8,56 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • 31- bis 40-Jährige

    Personen im Alter von 31 bis 40 Jahren schlafen unter der Woche durchschnittlich 6,92 Stunden und am Wochenende 8,01 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • 41- bis 50-Jährige

    Personen im Alter von 41 bis 50 Jahren schlafen unter der Woche durchschnittlich 6,83 Stunden und am Wochenende 7,93 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • 51- bis 60-Jährige

    Personen im Alter von 51 bis 60 Jahren schlafen unter der Woche durchschnittlich 6,84 Stunden und am Wochenende 7,72 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

  • Über 60-Jährige

    Personen über 60 Jahre schlafen unter der Woche durchschnittlich 7,10 Stunden und am Wochenende 7,61 Stunden.

    Quelle: DIW, SOEP

Aktuelle Studien verdeutlichen: Das ist schlicht falsch. Es gibt keine Kosten-Nutzen-Abwägung zwischen einem guten Leben und hoher Leistung. Leistung lässt sich vielmehr steigern, wenn es gelingt, Zeit zur Erholung, Weisheit und Empathie einzuplanen.

Ein großer Teil der Manager und Politiker in Deutschland schläft weniger als fünf Stunden pro Nacht. Ist das ein globaler Trend?

Ja, aber gleichzeitig gibt es eine globale Bewegung in die entgegengesetzte Richtung. Wir haben eine wachsende Anzahl von Führungskräften, die verstehen: Ausgeruhte Mitarbeiter sind bessere Mitarbeiter. Im Sport, in Schulen, in der Medizin, und am Arbeitsplatz bahnt sich Schlaf seinen Weg zurück in die bedeutsame Position, die er verdient. Das beginnt damit, wie wir über Schlaf nachdenken, indem wir Schlafmangel nicht weiter mit Leistung und Erfolg gleichsetzen.

Können Führungskräfte überhaupt verantwortungsvolle Entscheidungen treffen, wenn sie übermüdet sind?

Nein. Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton hat einmal gesagt: „Jeden bedeutenden Fehler, den ich in meinem Leben je gemacht habe, habe ich gemacht, weil ich zu müde war.“ Vieles von dem, womit unsere Führungskräfte konfrontiert werden, liegt jenseits ihrer Kontrolle. Aber das ist umso mehr ein Grund, die Faktoren zu optimieren, die sie unter Kontrolle haben.

Fakten rund um das Thema Schlaf

  • Gewicht

    Zu den vielen Dingen, die dick machen wie Schokolade oder Chips gehört laut kanadischen Forschern auch zu viel Schlaf. Wer neun bis zehn Stunden pro Nacht schläft nimmt häufiger fünf Kilo zu als jene, die bei gleicher Aufmerksamkeit für die eigene Ernährung nur sieben bis acht Stunden schliefen.

  • Depression

    Zu viel Schlaf erhöhe das Risiko eine Depression zu bekommen. Das zumindest ist das Ergebnis einer Studie mit erwachsenen Zwillingen. Die Teilnehmer mit bis zu acht Stunden Schlaf zeigten zu 27 Prozent eine Veranlagung zu einer Depression, die mit neun und mehr Stunden zeigten zu 49 Prozent eine solche.

  • Tod

    Zu wenig Schlaf oder zu viel Schlaf - beides schlecht. Das zumindest legt eine Meta-Analyse 16 verschiedener Studien aus dem Jahr 2010 nahe. Demnach haben alle die ein höheres Risiko früher zu sterben, die regelmäßig zu kurz oder zu lang schlafen.

  • Schwangerschaft

    Die Schlafgewohnheiten von 650 Frauen untersuchten Forscher in Korea, die sich in einer Hormonbehandlung befanden in Vorbereitung auf eine künstliche Schwangerschaft. Die Erfolgsquote war bei denen am höchsten, die sieben bis acht Stunden schliefen und am geringsten bei denen mit Schlafdauer zwischen neun bis elf Stunden.

  • Herz

    Kardiologen empfehlen ebenso eher sechs bis acht Stunden Schlaf statt mehr. Aber während Schlafmangel das Risiko von Schlaganfall und Herzinfarkt steigere, sei der Schlafüberfluss verantwortlich für ein höheres Risiko an Angina zu erkranken.

Das Wichtigste: die eigene Entscheidungsfähigkeit zu verbessern, indem man mehr Schlaf bekommt. Wird das die Probleme der Welt lösen? Natürlich nicht. Aber werden unsere Führungskräfte besser vorbereitet sein, um diese Problemen mit mehr Kreativität und Verantwortung anzugehen? Ohne Zweifel.

Sie haben 2005 die „Huffington Post“ gegründet und sie schnell in ein sehr erfolgreiches, kommerzielles, digitales Medienunternehmen verwandelt. Wie schaffen Sie es, Geschäftsanforderungen, wie einen 18-Stunden-Tag, mit dem Bedürfnis nach ausreichend Schlaf zu vereinbaren?

Die „Huffington Post“ war eine Erfolgsgeschichte des schnellen Wachstums. Ich war fast überall auf den Titelseiten und wurde von „Time“ als eine der 100 weltweit einflussreichsten Personen gewählt. Dann kam der Absturz. Durch dauernden Schlafmangel erschöpft, fiel ich in Ohnmacht, schlug mit meinem Kopf auf den Schreibtisch und brach mir mein Jochbein. Da habe ich mich gefragt: Sieht so Erfolg aus? War das das Leben, was ich wollte? Ich habe 18 Stunden pro Tag gearbeitet, sieben Tage die Woche, darum bemüht, ein Unternehmen aufzubauen, unsere Reichweite zu vergrößern und Investoren zu akquirieren. Aber mein Leben war außer Kontrolle geraten. Nach den traditionellen Maßstäben des Erfolgs, Geld und Macht, war ich sehr erfolgreich. Aber das sind Maßstäbe für einen ungesunden Erfolg. Ich wusste, dass ich etwas radikal verändern musste.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%