Dauerhafte Erreichbarkeit: Das Pflichtgefühl lässt uns Mails beantworten

Dauerhafte Erreichbarkeit: Ein Plädoyer für den Smartphone-freien Urlaub

Das Pflichtgefühl lässt uns Mails beantworten

Wir erleben im Alltag unserer Agentur: Es ist immer selbstverständlicher geworden, von Entscheidern spätabends Mails zu bekommen. Oder am Sonntag. Und kaum macht es „Pling“, zuckt in mir die bange Frage: jetzt sofort antworten oder doch erst am Montagmorgen? Eigentlich ist ja Wochenende, doch erwartet es der Kunde vielleicht? Als selbstbewusster Alpha-Chef könnte mir das völlig egal sein. Doch kennen Sie das auch? Wenn man erst mal auf das Smartphone geschaut hat, entsteht dieses verdammte Gefühl, zu etwas verpflichtet zu sein. Schließlich ist in der Mail-Kommunikation ein halber Tag das, was bei Briefen früher mindestens zwei Tage waren.

Wie schwer es mir fällt, dieses „Mail-Internet-Taschenrechner-Uhr-Radio-und-noch-so-viel-mehr-Telefon“ aus der Hand zu legen, spüre ich tatsächlich in den ersten Tagen der Ferien: Früher, als es noch teure Roaming-Tarife gab, bereits nach der Landung am Flughafen. Einschalten? Oder aus Kostengründen doch lieber ausgeschaltet lassen! Heute, im Roaming-freien Europa, spätestens auf dem Weg zum Strand, wenn die Frage aufkommt: Smartphone in den Safe legen oder unters Kopfkissen? Oder fürs Hörbuch mit in die Strandtasche packen? Wie auch immer die Entscheidung ausfallen mag: Ein Smartphone beschäftigt auch im Urlaub. Allerspätestens wenn die erste Mail „Pling“ macht.

Alltag eines Psychotherapeuten Wenn uns das Pflichtbewusstsein den Schlaf raubt

Schlafstörungen und Burnout gehören quasi fest zusammen, wie Psychotherapeut Geritt Müller häufig erlebt. Seine Diagnose: Stress, Druck und Pflichtbewusstsein rauben uns den Schlaf. Was er seinen Patienten rät.

Schlafstörungen quälen Millionen Deutsche. Oft ist die Arbeit schuld. Quelle: dpa

Wer erlebt hat, wie verrückt bereits zweijährige Kinder nach dem „Heyja“ vom Papa sind, fasst sich – wie dieser WiWo-Kolumnist – schnell an die eigene Nase. Mit „Heyja“ meint mein Sohn mein iPhone. Er kennt mittlerweile meine Verstecke in der Hemdtasche oder in der Gesäßtasche. Und offensichtlich hat er als Baby zu oft mitbekommen, wie Papa beim glücklichen Schieben des Kinderwagens durch den Stadtwald mal eben schnell die Mails checkte. Und da kommt nun wieder Dr. Winterhoff ins Spiel: Wenn Kinder für „Heyas“ ein so feines Gespür haben, ist ihnen garantiert auch nicht entgangen, dass Papa beim Wald-Spaziergang irgendwas zur Bespaßung in Richtung Baby gebrabbelt hat, während seine tatsächliche Aufmerksamkeit woanders lag.

Handys ruinieren die Produktivität

Was für Kinder gut ist, muss für Erwachsene nicht schlechter sein: „Wenn ich alle 20 Minuten auf mein Handy sehe, leidet meine Produktivität und mein Glücksempfinden“, warnt der Informatiker Alexander Markowetz pünktlich zum zehnten Geburtstag des iPhones in mehreren Interviews. Er hat eine App namens „Menthal“ entwickelt, um das Nutzungsverhalten von mehr als 300.000 Smartphone-Nutzern zu erforschen. Markowetz warnt vor dem digitalen Burn-Out.

Deshalb mein Rat: Entgehen Sie dieser Falle, in der Glückshormone in Stresshormone umschlagen. Probieren Sie es doch in Ihrem Sommerurlaub einfach mal aus: Smartphone zuhause lassen oder nach der Ankunft direkt wegschließen. Für den Notfall ist es so griffbereit. Und für das besonders Wichtige hat Ihr Hotel oder der Vermieter vielleicht auch eine Festnetznummer. So werden Sie garantiert nicht wegen jeder Kleinigkeit belästigt.

Endlich mal für ein paar Tage kein Internet, keine News, keine Mails, keine „Freunde“ bei Facebook. Endlich mal dem Gegenüber richtig zuhören: Sei es den Kindern, dem Kellner oder der eigenen Frau. Und: Einfach mal so rumliegen, ohne erreichbar zu sein. So wie es fast nur noch in der Sauna möglich und nötig ist. Das ist ein Gefühl, das so abenteuerlich wie ursprünglich ist, aber unterm Strich für echte Erholung sorgt. Ihr Kopf wird es Ihnen danken. Und im besten Fall sogar Ihre Familie, die nicht nur in Time-Slots des Berufsalltags mit Ihnen sprechen kann.

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Übrigens: Wer nicht stark genug für dieses Experiment ist, kann sich auch ein Reiseziel suchen, an dem es per se keinen Mobilfunkempfang gibt. Sogenannte „Funklöcher“ gibt es tatsächlich noch. Nicht unbedingt auf Mallorca, wo sogar das Tramuntana-Gebirge gut vernetzt ist. Dafür aber vielleicht im Schwarzwald. Ich war erst kürzlich nicht weit weg von Freiburg und darf Ihnen verraten: der perfekte Ort zum Abschalten!

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