High Energy: Unsere Ängste kriegst du nicht!

kolumneHigh Energy: Unsere Ängste kriegst du nicht!

Kolumne

Sicherheit ist ein grundlegendes Bedürfnis des Menschen, doch die derzeitigen weltpolitischen Ereignisse scheinen das Sicherheitsempfinden zu beeinträchtigen. Dieses hat empfindlichen Folgen für die Motivation.

Wie soll man über Energie schreiben, wenn weltpolitisch der Bär tobt und man permanent am Handy prüft, ob die innere Unruhe relativiert werden kann?

Vielleicht hilft zunächst ein nüchterner Blick auf die Situation: Was passiert da motivational? Und was können wir tun, um uns gegen diese psychischen Anfeindungen zu wehren?

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Bedürfnis nach Sicherheit

Der Stand der Dinge ist klar: Der selbsternannte US-Master of Greatness verunsichert die Staatengemeinschaften, Staaten und Menschen und greift somit unser Sicherheitsbedürfnis an. Sicherheit aber ist ein wirkliches Grundbedürfnis des Menschen: Der anglo-amerikanische Psychologe Abraham Maslow unterscheidet beispielsweise fünf Grundbedürfnisse des Menschen in hierarchischer Abfolge, nämlich körperliche Bedürfnisse, Sicherheit (!), Liebe, Achtung und Selbstverwirklichung.

Die ultimative Erfolgsformel

  • 1. Erstklassigkeit

    Tun Sie das, was Sie absolut erstklassig können.

  • 2. Zweitklassigkeit

    Wenn Sie das nicht wissen, lassen Sie von allem die Finger, was Sie nur zweitklassig können

  • 3. Nische finden

    Gehen Sie damit möglichst in eine Nische; von Me-too-Anbietern haben wir überall genug.

  • 4. Spielfeld finden

    Wählen Sie das richtige Spielfeld – also jenes, auf dem Ihre Erstklassigkeit wahrgenommen und wertgeschätzt wird

  • 5. Spielfeld wechseln

    Wenn Sie sich da verwählt haben, lohnen Blut, Schweiß und Tränen nicht. Dann müssen Sie das Spielfeld wechseln.

Nach der Befriedigung der grundlegenden körperlichen Bedürfnisse - wie Nahrung, Wasser, Sauerstoff, Schlaf, Sexualität und körperlichem Wohlbefinden - erscheint demnach direkt das Sicherheitsbedürfnis: Das Bedürfnis nach Sicherheit, also Stabilität, Geborgenheit, Schutz, Angstfreiheit, sowie Struktur, Ordnung, Gesetz und Grenzen. Und meist, so Maslow weiter, haben wir diese Sehnsucht als Schutz vor Angst und als Antwort auf das Defizit Schutzlosigkeit entwickelt. Kein Mensch will schutzlos sein.

Unsere Ängste werden demnach provoziert durch das Gerede über die "obsolete NATO", Verletzungen der internationalen Wertegemeinschaft, zwischenstaatliche Provokationen gegen Iran, Irak, Mexiko, Nord-Korea und Attacken auf die EU, was zur Folge hat, dass wir so stark mit Sicherheitsfragen beschäftigt sind, dass wir uns unseren weiteren Bedürfnissen - Liebe, Anerkennung, Achtung und Selbstverwirklichung - kaum noch zuwenden. Was für ein erbärmlicher Verlust an humanen Ressourcen.

Abwehr der Schreckstarre

Wollen wir nicht in die lähmende Schreckstarre fallen, sollten wir uns in dem üben, was die Süddeutsche kürzlich als "ängstliche Entschlossenheit" bezeichnete: Bei aller Unsicherheit entschlossen, ja, mutig im Handeln bleiben, z. B. durch Abwehr. Abwehr ist eine meist unbewusste Methode des Ichs, sich selbst und sein Bewusstsein vor Emotionen, Wahrnehmungen, Traumata u. a. zu schützen – also „gefährliche“ innere und äußere Reize abzuwehren. Stehen wir psychisch zu sehr unter Spannung, setz die Abwehr ein - häufig in Form von Reaktanz, es ist die klassische Reaktion, wenn unsere Handlungs- oder Entscheidungsfreiheit bedroht scheint. Wir tuen dann genau das Gegenteil von dem, was gerade erwartet wird oder lassen genau das, was gerade erwartet wird: Reaktanz ist eine der effektivsten Wege, die bedrohte Handlungsfreiheit wiederherzustellen.

Und das gilt für den Umgang mit allen Menschen, die unsere Verunsicherung provozieren, uns nötigen oder drohen: Wer sich hier erwartungskonform verhält, riskiert den Verlust der eigenen Handlungsenergie, denn dominante, unsere Freiheit bedrohende Menschen lehren uns Hilflosigkeit; Passivität folgt.

Bewusst Reaktanz aktivieren

Schaffen wir es jedoch, die Dominanz zu bewältigen und das Gefühl zu erhalten, selbstbestimmt zu handeln (Kontrolle durch das Selbst und nicht durch externe Kräfte), so bleibt die Energie tendenziell stärker erhalten.

Diese Arten von Intelligenz gibt es

  • Emotionale Intelligenz

    Von jeder Führungskraft wird mittlerweile Empathie verlangt – die Fähigkeit, Gefühle zu erkennen und zu verstehen. Nicht nur die der anderen, sondern auch die eigenen.

  • Interpersonale Intelligenz

    Wer die Wünsche seiner Mitmenschen erkennt, besitzt eine besondere Form der Empathie. Das ist auch im Job nützlich: Interpersonal begabte Menschen sind oft gute Verkäufer oder Politiker.

  • Kinästhetische Intelligenz

    Chirurgen, Sportler, Tänzer und Schauspieler können ihren Körper kontrolliert und geschickt einsetzen.

  • Naturalistische Intelligenz

    Erfinder und Entdecker wie Alexander von Humboldt haben ein überdurchschnittliches Gespür für Pflanzen, Tiere und die Zusammenhänge der Natur.

  • Existenzielle Intelligenz

    Nicht nur Philosophen haben ein Talent für die großen Warum-Fragen. Auch Manager benötigen es, um den Sinn bestimmter Prozesse zu verstehen – und zu vermitteln.

  • Intrapersonale Intelligenz

    Nur wenige Personen wissen genau, welche Fähigkeiten sie haben – und dazu zählen intrapersonal intelligente Menschen. Sie schätzen sich selbst und ihre Herausforderungen realistisch ein. Das führt gleichzeitig zu einer hohen (Selbst-)Zufriedenheit.

  • Musikalische Intelligenz

    Rhythmen erkennen, Melodien komponieren, Töne unterscheiden – musikalisches Talent wird oft beneidet.

Was also können wir in stürmischen Zeiten tun? Ein klares: "Unsere Ängste kriegst du nicht!", und voller bewusster Reaktanz starke Gemeinschaften aufbauen, unsere Zuversicht stärken, auf die Selbstbestimmung fokussieren und aktiv im Handeln bleiben, wobei das Handeln besonders stark stimuliert wird, wenn wir den Sinn unseres Handelns und unseren Beitrag zum Großen Ganzen kennen. Europa ist seit rund zweitausend Jahren durch humanistische Tugenden geprägt, also durch den Willen zu einem Handeln in Weisheit, Gerechtigkeit, Mut, Mäßigung und Menschlichkeit.

Darauf sollten wir bauen. Was also tragen wir, unsere Freunde, Familien, Vorgesetzten, Organisationen, Staaten und Staatengemeinschaften zum Wohlergehen des Großen Ganzen bei? Auch der Humanist Erasmus von Rotterdam wusste schon um die Wichtigkeit des Handelns: Am Ende stellt sich die Frage: Was hast du aus deinem Leben gemacht? Was du dann wünscht getan zu haben, das tue jetzt.

Michaela Brohm-Badry ist Professorin an der Universität Trier und forscht zu den Themen Motivation, Leistung und Lernen. Sie schreibt alle vier Wochen eine Kolumne auf WirtschaftsWoche Coach. Die erste Kolumne finden Sie hier.

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