Stress als Statussymbol: Gelassenheit muss man üben

GastbeitragStress als Statussymbol: Gelassenheit muss man üben

Wer busy ist, wird anerkannt. Betriebsamkeit gilt als Maßstab für Leistung. Das macht allerdings nicht glücklich, sondern krank. Aus dem Hamsterrad entkommen Sie mit Gelassenheit. Doch die zu lernen, ist nicht leicht.

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, deren Paradigma der Wettbewerb ist. In der Folge erleben viele Menschen einen Druck zu permanenter Selbstoptimierung. Höher, schneller, weiter – das Bessere ist der Feind des Guten. Die Konsequenz sind mehr und mehr innerlich erschöpfte Menschen, vor allem in der westlichen Gesellschaft.

Je beschäftigter wir wirken, desto mehr Anerkennung und Bestätigung erhalten wir. Die Erfolgskurve zeigt nach oben, die Gefühlskurve und in Folge auch die Leistungskurve bergab. Denn wer stets beschäftigt ist und sich keine Zeiten der inneren Ruhe gönnt, ist schnell im Teufelskreis zunehmender Ineffizienz und innerer Leere bis hin zum Burnout. Menschen haben Angst, die Zügel loszulassen und durchzuatmen. Denn die Konkurrenz lauert und wer einmal den Stempel des Müßiggängers aufgetragen bekommen hat, wird ihn so schnell nicht mehr los.

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Alles eine Frage der Balance

Um aus diesem Kreislauf wieder herauszukommen, muss der Gestresste aber nicht gleich aus der Leistungsgesellschaft aussteigen. Denn zunächst ist es ein völlig natürlicher Zustand, dass sich der Mensch Beschäftigungen sucht. Im Tun kreieren wir Neues, finden Sinn und entwickeln uns. In einem solchen Schaffensprozess können wir innerlich aufgehen und uns verwirklichen.

Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass wir uns selbst, unsere Bedürfnisse und Interessen wahrnehmen. Verlieren wir uns dagegen in rastloser Geschäftigkeit, sind Leere und Sinnlosigkeit die unvermeidbaren Folgen. Es geht also darum, eine Balance zu schaffen: Nicht auf der einen Seite Urlaub und Erholung und auf der anderen Seite Verausgabung. Stattdessen geht es um Gelassenheit und Erfüllung - am Strand und auf dem Sofa genauso, wie im Büro und am Hauptbahnhof.

Über den Autor

  • Nicholas Pesch

    Pesch, Jahrgang 1966, ist Autor, Speaker und Coach. Seit vielen Jahren ist der studierte Sozialwissenschaftler als Berater für Personalentwicklung im deutschen und internationalen Umfeld tätig. Die Kombination seiner eigenen Erfahrungen als Führungskraft von mehr als 1000 Mitarbeitern sowie seine langjährige Tätigkeit als Berater und Coach sind die Basis seiner Arbeit als Experte für Veränderungsprozesse und Persönlichkeitsentwicklung. Sein aktuelles Buch „Ich bin alles, nur nicht busy: 49 Impulse für ein bewusstes Leben und Arbeiten“ erschien am14. Juli im Verlag Herder.

Der Schlüssel hierfür sind unser Bewusstsein und unser Geist: Es ist unsere Entscheidung, kurz vor Meeting-Beginn in ein Gedankenkarussell einzusteigen, wie das anstehende Gespräch verlaufen oder was schief laufen wird. Stattdessen können wir einfach im aktuellen Moment verweilen und ruhig und sortiert auf das Meeting warten. Das spart Konzentration und Kraft.

Was wollen Sie und was die anderen?

Das ist leichter gesagt, als getan. Wer einmal im Hamsterrad der Busyness gefangen ist, dem ist die Befreiung aus der Dauerschleife der Beschäftigung und der damit oft verbundenen Sinnlosigkeit nur schwer möglich. Mit Unterstützung lässt sich der Weg einfacher gehen. Denn Veränderung benötigt mehr als nur einen guten Vorsatz: Wille, Ausdauer und Disziplin sind gefragt, aber auch die Fähigkeit, mit Rückschlägen umzugehen. Denn der Weg zu Ruhe und Gelassenheit fordert Kraft. Gerade zu Beginn fühlen sich Meditation und Bewusstseinsübungen oft alles andere als angenehm an.

Stoische Philosophie als Lebenshilfe Standhalten, ruhig bleiben, Charakter zeigen

Stoische Philosophie war in der Antike eine Anleitung zur Lebensbewältigung in einer unruhigen Welt. Kein Wunder, dass Senecas Lehre der Gelassenheit und inneren Ruhe auch heute höchst aktuell ist.

In der Coolness kaum zu übertreffen: James Dean in dem Film "Giganten" von 1956. Quelle: imago

Wo bisher ständige Betriebsamkeit zur Ablenkung diente, werden nun unangenehme Gedanken und Gefühle bewusst. Aber nur, wer sich dem öffnet, findet antworten auf die Fragen: Wofür stehe ich? Was ist mir wichtig? Was ist meine Vision? Und hierauf aufbauend: Was passiert, wenn ich aufhöre zu machen, was von mir erwartet wird, und anfange mit dem, was ich wirklich will?

Langeweile ertragen Nichtstun will gelernt sein

Selbst in der Freizeit sind wir per Smartphone mit der ganzen Welt in Kontakt. Die Folge: Wir ertragen keine Langeweile. Dabei ist Nichtstun gut für uns.

Sich ab und an etwas Muße und Zeit zum Nachdenken zu geben, schadet nicht. Quelle: Getty Images

Denn wer das tut, was ihn erfüllt, wer den Sinn und das Wofür in seiner Arbeit erkennt, der ist nicht sinnlos beschäftigt und gehetzt, sondern tut, was ihm Spaß macht. Schon beginnt Freude und Erfüllung nicht erst nach Feierabend oder im Urlaub. Und Arbeitszeit ist kein notwendiges Übel und Mittel zum Zweck mehr. Dann wäre sie erreicht, die Balance.

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