Wellnessversprechen: Unser Lebenstempo steht dem Genuss im Weg

GastbeitragWellnessversprechen: Unser Lebenstempo steht dem Genuss im Weg

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Müdigkeit, Energielosigkeit und verlorene Lebensfreude werden durch anhaltende Überforderung, Raubbau an unseren Ressourcen und den Mangel an ausreichenden Regenerationszeiten verursacht.

„Die Welt gehört dem, der sie genießt“, heißt es. Doch oft haben Genuss und Wellness bei uns gar keine Chance. Wir gönnen uns schlicht die Zeit zum Genießen und Entspannen nicht.

Ich sitze am Flughafen Düsseldorf und warte auf den Check-In. Da ich gern in Ruhe reise, habe ich Zeit für einen Kaffee und nehme mitten in der Abflughalle im Bistro Platz. An der Wand hinter dem Tresen steht: „Die Welt gehört dem, der sie genießt“. Dabei können Menschen nur noch selten etwas wirklich genießen.

Vor einiger Zeit habe ich eine Online-Befragung zu den wichtigsten persönlichen psychischen Stärken im Beruf durchgeführt. Interessant und zugleich erschreckend: Genussfähigkeit landete auf dem letzten Platz. Offensichtlich führt die vielfältige Anstrengung in diesem Lebensbereich dazu, dass wir kaum Freude an dem empfinden, was wir tun. Und ist dies nicht auch in anderen Lebensbereichen der Fall? Erfreuen wir uns noch so intensiv wie früher an der Gestaltung unseres Gartens, die wir im Winter oft vermissen oder am Kochen und Backen - etwas, wofür wir uns doch einmal begeistern konnten?

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Gewohnheit und Routine, gesteuert von Betriebsamkeit und Tempo, haben deren Platz eingenommen. Wir versuchen in der gleichen Zeit immer mehr Aufgaben zu erledigen. Dies geht nicht nur zu Lasten der Qualität. Es mindert vor allem Freude und  Genuss. Schlinge ich zum Beispiel am Arbeitsplatz anstatt eines Mittagessens ein Brötchen hinunter, werde ich nicht einmal schmecken, was ich esse.

All dies wäre zu verschmerzen, wenn wir unser Lebenskonzept nicht darauf ausgerichtet hätten, uns immer mehr Dinge leisten zu können, die uns Freude bringen sollen. Gehört uns das Objekt unseres Begehrens, gewöhnen wir uns innerhalb kürzester Zeit daran und streben sofort nach dem nächsten. In diesem Prozess bleiben weder Zeit noch Gelegenheit für Freude.

Wellness heißt noch nicht Wohlbefinden

Also investieren wir immer mehr Geld und Zeit in Wellness, die Genuss und Entspannung verheißt. Wir schwören auf Thalasso und Ayurveda, Massagen, Schröpfen, Yoga, Smoothies. All das soll dafür sorgen, dass wir uns erholt und aufgetankt fühlen.

Doch die Einlösung dieser Wellness-Versprechen setzt eine wichtige Fähigkeit beim Empfänger voraus: Er muss sich auf den Genuss einlassen können.

Wie sieht die Realität aus? Während der Kosmetikbehandlung denken wir an die kranke Schwester zu Hause und beim Yoga an die unaufgeräumten Kinderzimmer. Selbst im Urlaub schalten wir nicht ab: Das Handy ist in ständiger Reichweite. Und dann wundern wir uns, weshalb uns kleine Missgeschicke im Hotel über Gebühr aufregen oder in der Familie ein gereizter Tonfall herrscht? Die Gründe liegen auf der Hand: Wir sind erschöpft und überfordert vom täglichen Kampf um Dinge und Situationen – auch, wenn wir uns damit etwas Gutes tun wollten.

Fassen wir den Wellnessbegriff breiter, schließt das auch Maßnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements ein. Wenn die To-do-Listen aus allen Nähten platzen, werden die Angebote schon aus Zeitgründen nicht angenommen. Wenn der Kopf im Stressmodus ist, haben Kurse, mit welchem Ziel auch immer, keinen Sinn. Ist  Wenn die Zeit bereits für Unabdingbares nicht reicht, wird selbst ein bezahlter Gesundheitstag eher als zusätzlicher Stress denn als Gewinn wahrgenommen.

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