Ernährung: In der digitalen Welt ist Essen Ersatzreligion

Ernährung: In der digitalen Welt ist Essen Ersatzreligion

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Die richtige Ernährung ist in der westlichen Welt zur Ersatzreligion geworden.

Essen dient längst nicht mehr nur der Sättigung. Und je digitaler unser Leben wird, desto wichtiger wird die soziale Funktion des Essens. Weil es das einzige ist, das wir noch selbst herstellen können.

Starbucks verkauft in den USA pinke Einhorn-Frappuccinos, Ikea bietet neben Hotdogs und Köttbullar schon lange komplette Menüs oder Frühstück an und jetzt steigt auch noch Amazon mit seinem Online-Supermarkt Amazon Fresh in das lukrative Geschäft mit Essen ein. Amerikanische Teenager geben mittlerweile mehr Geld für Essen als für Kleidung aus.

All das ist Teil eines Phänomens: Essen ist das Zentrum unserer Kultur geworden. Es geht dabei nicht mehr nur darum, das körperliche Bedürfnis nach Nahrung zu stillen, es ist Statussymbol, Kontrolle und ein Zeichen von Bildung in einem. In ihrem Buch über die Beziehung der Millenials zu Nahrung, "A Taste of Generation Yum", beschreibt Autorin Eve Turow Paul unter anderen die Nahrungsmittel-Tabus der jungen Generation: vegan, paleo, glutenfrei. All diese Ernährungsformen seien ihr zufolge Symptom für dasselbe Bedürfnis nach Kontrolle über Ernährung und Körper - das im Zweifelsfall zu Essstörungen führen könne.

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Alternative Ernährungsformen

  • Flexitarier

    Flexitarier sind Menschen, die gesundheitsbewusst leben und sich auch so ernähren. Für sie gibt es nicht unbedingt grundsätzliche Bedenken, Fleisch zu konsumieren. Das kommt bei Flexitariern nämlich durchaus auf den Teller - aber nur selten. Und wenn, dann stammt das Tier meist aus artgerechter Bio-Haltung, wenn möglich aus der näheren Umgebung. Flexitarier sind nämlich oft unter den sogenannten Lohas* zu finden. Neben dem Wissen, dass eine einseitig fleischlastige Ernährung für den modernen Stadtmenschen ungesund ist (und manchmal auch der zelebrierten Vorfreude auf den Sonntagsbraten als etwas Besonderem!) sind sich Flexitarier auch der Umweltschädlichkeit extensiven Fleischkonsums bewusst.

    *Menschen, die einen gesundheitsbewussten und nachhaltigen Lebensstil pflegen (Lifestyle of Health and Sustainability)

  • Freeganer

    Freeganer zeichnen sich weniger durch strenge Regeln der Form "Das darf ich essen - das darf ich nicht essen" aus, als durch den Willen, mit dem Ort ihres Nahrungsmittelbezugs ein Zeichen zu setzen. Freeganer gehen nicht in den Supermarkt, sondern dahinter. Sie holen sich ihr Essen aus dem Müll der Supermärkte und Discounter und setzen sich damit gegen die Wegwerfgesellschaft und Lebensmittelverschwendung ein.

  • Frutarier

    Frutarier pflegen eine besonders strenge Form der pflanzenbasierten Ernährung. Die Ernte der von ihnen gewählten Pflanzen(-bestandteilen) darf den Gesamtorganismus der Pflanze weder beschädigen noch seinen Tod zur Folge haben. Manche Frutarier verzehren Äpfel beispielsweise nur als Fallobst. Knollen etwa (wie Kartoffeln) sind nicht erlaubt: Sie sind der Energiespeicher der Kartoffelpflanze und daher für sie auf Dauer lebenswichtig.

  • Lacto-Vegetarier

    Lacto-Vegetarier nehmen keine Eier zu sich. Milchprodukte dürfen neben Lebensmitteln nicht-tierischen Ursprungs aber verzehrt werden.

  • Ovo-Lacto-Vegetarier

    Ovo-Lacto-Vegetarier praktizieren eine relativ weit verbreitete und im täglichen Leben eher unkomplizierte Form des Vegetarismus. Neben rein pflanzlichen Produkten wie Obst oder Gemüse nehmen Ovo-Lacto-Vegetarier auch Eier und Milchprodukte zu sich, also Lebensmittel, für deren Gewinnung keine Tiere geschlachtet werden müssen.

  • Ovo-Vegetarier

    Keine Milchprodukte, aber Eier (und pflanzliche Speisen) dürfen Ovo-Vegetarier zu sich nehmen. Unter anderem eine Lösung etwa für Vegetarier, die kein moralisches Problem mit dem Verzehr von Eiern haben, aber an einer Lactose-Intoleranz leiden.

  • Pescetarier

    Pescetarier sind Menschen, deren Ernährungsplan Fisch (je nach Ausprägung auch Weichtiere, Milch und/oder Eier) und vegetarische Kost kombiniert. Pescetarismus ist oft, wie andere alternative Ernährungsformen auch, mit einem Unbehagen der Massentierhaltung gegenüber verbunden.

  • Veganer

    Vegane Ernährung bedeutet: Weder Fisch noch Fleisch, noch Eier oder Milchprodukte stehen auf dem Speiseplan. Stattdessen gibt es Obst und Gemüse. Für die Eiweißversorgung nutzen Veganer (wie viele andere Vegetarier übrigens auch) pflanzliche Proteine, enthalten etwa in Tofu (Sojaeiweiß) oder Seitan (Weizeneiweiß - Gluten). Strengen Veganern ist der Veganismus aber mehr als eine Ernährungsform: Sie lehnen die Nutzung von Tieren (und daher auch tierischer Produkte) ab. Das heißt für einen strengen Veganer: Neben den oben aufgezählten Produkten meidet er auch Honig und Wachsprodukte, Kosmetika mit tierischen Inhaltsstoffen sowie Leder. Wer streng vegan orientiert ist, kann im Supermarkt nicht einfach zu Fertig-Produkten greifen - oft verstecken sich in der langen Zutatenliste solcher Gerichte Milchpulver, Butterreinfett oder Hühnerei-Eiweißpulver. Ein strenger Veganer braucht daher ein gewisses Maß an Durchhaltevermögen und Akribie.

Auch diejenigen, die sich nicht einzelne Lebensmittel verbieten, bestehen darauf zu wissen, woher jede einzelne Zutat eines Gerichts kommt. Das gibt ihnen das erfreuliche Erlebnis, sich zu beherrschen. "Es ist wirklich bereichernd", zitiert die Autorin die 27-Jährige Lola Milholland, die ihr Essen selbst herstellt. "Je mehr man züchtet, zieht und kocht, desto besser wird es. Man zieht daraus eine konstante Belohnung."

Wenn Verbraucher verarbeitete Lebensmittel ablehnen, so die Autorin, liege es nicht an gesundheitlichen Bedenken. Vielmehr rebelliere die junge Generation damit gegen die gesellschaftliche Ignoranz. Und sie wolle an einem physischen Prozess teilhaben - als Pendant zu ihrem digitalen Alltag.

Deswegen reicht es ihnen nicht, einfach nur Bio-Produkte zu kaufen. Essen habe bei der jungen Generation einen viel stärkeren sozialen Kontext. Die Jungen rotten sich in Restaurants zusammen, so Turow Paul, weil sie „Menschen sehen wollen, andere umarmen und mit ihnen essen wollen. Sie wollen am Ende eines Tages, den sie überwiegend in virtuellen Realitäten verbracht haben, etwas Konkretes tun.“

Wie isst Deutschland? Erkenntnisse aus dem Ernährungsreport

  • Der Ernährungsreport 2017

    Wer nascht wieviel in der Republik? Was kommt in der Kita auf den Tisch? Und wie wichtig ist den Deutschen ihr Pausenbrot? Einige Erkenntnisse aus dem Ernährungsreport 2017.

  • Wessis naschen mehr

    Menschen in Westdeutschland greifen häufiger täglich zu Süßigkeiten (23 Prozent) als Ostdeutsche (11 Prozent).

  • Ältere trinken mehr Kaffee

    Je älter die Deutschen sind, desto häufiger trinken sie täglich Tee oder Kaffee - bei den über 60-Jährigen etwa 97 Prozent.

  • Veganes Essen

    Veganes Essen ist für eine breite Mehrheit nicht nur ein vorübergehender Modetrend: 71 Prozent der Befragten halten vegane Lebensmittel langfristig für relevant.

  • Deutschland ist Fleischland

    Deutschland bleibt ein Land der Fleischesser: 53 Prozent der Deutschen essen am liebsten Fleischgerichte, gefolgt von Nudeln (38 Prozent). Auf dem abgeschlagenen dritten Platz folgen Gemüsegerichte (20 Prozent.)

  • Mit der Brotbox ins Büro

    57 Prozent der Erwerbstätigen, Schüler oder Studenten bringen sich täglich oder sehr häufig für die Mittagspause Essen von zu Hause mit. Nur jeder Fünfte geht häufig in die Kantine. Knapp ein Fünftel lässt die Mittagspause sogar ganz ausfallen.

  • Weg mit der Wegwerfgesellschaft

    Ein Mindesthaltbarkeitsdatum bei Lebensmitteln, die - wie etwa Salz - gar nicht verderben können, finden neun von zehn Befragten (89 Prozent) verzichtbar. Nur jeder Zwanzigste entsorgt abgelaufene Lebensmittel sofort.

  • Tüv für das Kita-Essen

    Eine Art Tüv für das Kita-Essen: Neun von zehn Deutschen wünschen sich verbindliche Qualitätsstandards für Essen in Kitas und Schulen. 80 Prozent finden, dass Schulessen steuerlich begünstigt werden sollte.

  • Ernährung als Schulfach

    Fast neun von zehn Deutschen finden wichtig oder sehr wichtig, dass Ernährung auch als Schulfach gelehrt wird, wie Mathematik oder Deutsch.

Und wie auch Sport oder Musik sei Essen etwas, über das man sich mit Freunden und Fremden austauschen könne. „Es gibt so viele Geschichten über Essen“, bestätigt die 29-Jährige Elie Ayrouth, Gründer von Foodbeast. Foodbeast ist eine Plattform, bei der sich alles ums Essen dreht – von Rezepten über Trends bis zu Ernährungsrichtlinien. „Für viele ist selber kochen ein soziales Erlebnis“, beobachtet er. „Es geht darum, dass Freunde zu mir kommen und wir gemeinsam kochen oder dass ich für andere koche.“
Der Enthusiasmus für das Kochen und Essen ist allerdings kein reiner Eskapismus aus dem digitalen Leben. Beide bedingen sich gegenseitig. Denn die Bilder unseres Essens landen dann wieder bei Instagram und Co. Und die digitalen Trends, die dort stattfinden, schlagen sich wiederum in unserem Essverhalten nieder. Deshalb verkauft Starbucks jetzt auch pinken Einhorn-Frappuccino – weil das Internet Einhörner liebt.

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