Ernährungsstudie: Essen ohne Sanktionen

Ernährungsstudie: Viele Deutsche zu bequem und daher zu dick

Essen ohne Sanktionen


"Häufig fehlt es an der Zeit für den Einkauf und die Zubereitung von frischen Lebensmitteln. Die Menschen greifen dann aus Bequemlichkeit zu Fertiggerichten oder Snacks, die häufig zu viel Fett, Salz oder Zucker enthalten", erklärt die Gesundheitspsychologin Annegret Flothow von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. "Nur ein Viertel der Befragten gibt an, dass sie nicht genug über gesunde Ernährung wissen", sagt sie.
Aus diesem Grund müsse das Thema gesunde Ernährung nach Meinung von Experten nicht zwangsläufig in ein Unterrichtsfach umgewandelt werden.

Dass Salat und Vollkornbrot besser für den Körper und das Gewicht sind, als Pizza und Currywurst, weiß auch ein Teenager. Ob 45 Minuten Unterricht pro Woche reichen, um dem Zehnjährigen beizubringen, dass er beim nächsten Kindergeburtstag lieber nach Möhren statt nach Muffins greifen sollte, ist ohnehin fraglich. Denn zumindest Kinder essen in der Regel das, was es zuhause gibt oder was sie von zuhause gelernt haben.


Wer mit Süßigkeiten und Limo groß gezogen wurde, greift mit 13 im Freibad eben nicht zum mitgebrachten Apfel, sondern holt sich eine Pommes rot-weiß. Und selbst wenn später das Bewusstsein einsetzt, dass gesündere Ernährung besser wäre, wird es den Verbrauchern nicht leicht gemacht. "Die gesunde Wahl wird uns unnötig schwer gemacht. Der Großteil der Erfrischungsgetränke ist überzuckert, die Kennzeichnung von Fett, Zucker und Salz ist eine Zumutung, und selbst Süßigkeiten werden wie gesunde Produkte beworben“, sagt Oliver Huizinga von der Verbraucherorganisation foodwatch.

Wie isst Deutschland? Erkenntnisse aus dem Ernährungsreport

  • Der Ernährungsreport 2017

    Wer nascht wieviel in der Republik? Was kommt in der Kita auf den Tisch? Und wie wichtig ist den Deutschen ihr Pausenbrot? Einige Erkenntnisse aus dem Ernährungsreport 2017.

  • Wessis naschen mehr

    Menschen in Westdeutschland greifen häufiger täglich zu Süßigkeiten (23 Prozent) als Ostdeutsche (11 Prozent).

  • Ältere trinken mehr Kaffee

    Je älter die Deutschen sind, desto häufiger trinken sie täglich Tee oder Kaffee - bei den über 60-Jährigen etwa 97 Prozent.

  • Veganes Essen

    Veganes Essen ist für eine breite Mehrheit nicht nur ein vorübergehender Modetrend: 71 Prozent der Befragten halten vegane Lebensmittel langfristig für relevant.

  • Deutschland ist Fleischland

    Deutschland bleibt ein Land der Fleischesser: 53 Prozent der Deutschen essen am liebsten Fleischgerichte, gefolgt von Nudeln (38 Prozent). Auf dem abgeschlagenen dritten Platz folgen Gemüsegerichte (20 Prozent.)

  • Mit der Brotbox ins Büro

    57 Prozent der Erwerbstätigen, Schüler oder Studenten bringen sich täglich oder sehr häufig für die Mittagspause Essen von zu Hause mit. Nur jeder Fünfte geht häufig in die Kantine. Knapp ein Fünftel lässt die Mittagspause sogar ganz ausfallen.

  • Weg mit der Wegwerfgesellschaft

    Ein Mindesthaltbarkeitsdatum bei Lebensmitteln, die - wie etwa Salz - gar nicht verderben können, finden neun von zehn Befragten (89 Prozent) verzichtbar. Nur jeder Zwanzigste entsorgt abgelaufene Lebensmittel sofort.

  • Tüv für das Kita-Essen

    Eine Art Tüv für das Kita-Essen: Neun von zehn Deutschen wünschen sich verbindliche Qualitätsstandards für Essen in Kitas und Schulen. 80 Prozent finden, dass Schulessen steuerlich begünstigt werden sollte.

  • Ernährung als Schulfach

    Fast neun von zehn Deutschen finden wichtig oder sehr wichtig, dass Ernährung auch als Schulfach gelehrt wird, wie Mathematik oder Deutsch.

Auch Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK, sagt: „Wenn ich für den Besuch im Supermarkt ein Biochemiestudium benötige, um Zucker in der Zutatenliste überhaupt identifizieren zu können, wenn ich Licht und Lupe brauche, um diese Liste überhaupt lesen zu können, läuft etwas falsch.“
Ein weiterer Aspekt, der zu ungesundem Essverhalten führt, sind wir allerdings selbst. Denn die Pommes im Freibad oder das Stück Torte sind kein Problem. Genauso wenig wie Chips am Abend oder eine Pizza am Mittag. So lange es nicht jeden Mittag Pizza, jeden Nachmittag Torte und jeden Abend Chips gibt. Und so lange man sich nicht alles verbietet und verkneift, was man gerne isst – nur um dann mit schlechtem Gewissen eine ganze Tafel Schokolade auf einmal aufzuessen.

Sich den Genuss nicht verbieten

Entsprechend wirbt auch TK-Chef Jens Baas für einen bewussteren Lebensmittelkonsum – und zwar ganz ohne Verbote und Sanktionen. „Essen ist viel mehr als nur Nahrungsaufnahme. Es ist Kultur, Genuss und bringt Menschen zusammen. Beim Familienessen oder im Stadion möchte niemand Kalorien zählen“, sagt er. „Aber wir sollten uns das bewusst gönnen, wissen, was wir essen und gute Lebensmittel angemessen wertschätzen.“
Gerade wer körperlich hart arbeitet oder viel Sport treibt, braucht Energie, die er seinem Körper nicht vorenthalten sollte. Und selbst der Büroangestellten, die wenig Sport treibt, tut ein Völlerei-Tag in der Woche nicht weh, wenn sie sonst auf ihre Ernährung achtet. Oder wie es so schön heißt: Es kommt nicht darauf an, was man zwischen Weihnachten und Neujahr isst, sondern auf das, was man zwischen Neujahr und Weihnachten isst.

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