Beförderung: Plötzlich Chef – was nun?

GastbeitragBeförderung: Plötzlich Chef – was nun?

Bei Karrieresprüngen braucht es vor allem Achtsamkeit - und zwar für sich selbst. Sonst stehen Überforderung und Burnout vor der Tür. Ingenieure scheinen dabei besonders betroffen zu sein.

Michael Römer (Name geändert) ist ein begnadeter Ingenieur und seine ruhige Art kommt bei Kunden gut an. Kein Wunder, dass er über die Jahre vom Projekt- zum Bereichsleiter bei einem Autobauer aufsteigt, wo er Führungs- und Budgetverantwortung für 80 Kollegen hat. Aufkommende Probleme und Zielkonflikte sowie deutlich längere Arbeitszeiten tut der 42-Jährige damit ab, dass dies in einer Einarbeitungsphase normal sei. Doch besser wird es nicht. Nach 18 Monaten findet er nur noch mit Schlafmitteln nachts Ruhe. Schließlich zerbrach seine Partnerschaft, weil er kaum noch Zeit für seine Lebensgefährtin fand.

Oskar Medenbach (Name geändert), Ingenieur bei einem Triebwerkshersteller, übernachtete sogar manchmal im Büro. Er kam erst zur Besinnung, als seine 30 Mitarbeiter sein Verhalten kopierten, Familie und Hobbies vernachlässigten und kaum noch schliefen. Das Team ging weit über die persönlichen Grenzen hinaus, um die immer ambitionierteren Vorgaben der Geschäftsleitung zu erfüllen.

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In einem anderen Fall kam eine Führungskraft erst nach einem gescheiterten Suizidversuch zu der Erkenntnis, sich zu viel zugemutet zu haben.

Zur Person

  • Leonhard Fromm

    Leonhard Fromm ist Business Coach, Gestalttherapeut und Kommunikationsberater.

Die Erfahrung lehrt, dass sich Männer in MINT-Berufen noch schwerer mit Gefühlen tun als andere Männer. Das ist leider Fakt. Sie sind tendenziell Vermeider, sobald es um sie selbst geht. Würden sie sich selbst nur halb so viel warten wie ihre Autos, viele Depressionen und Burnouts würden vermieden.

Doch gerade Veränderung - sei es nun im Privaten oder bei einer Beförderung - braucht Achtsamkeit (Awareness), Selbstliebe (Resilienz) - und Zeit. Das gilt auch für Ingenieure und Naturwissenschaftler. Statt auf sich zu achten, quälen die sich in der wenigen Freizeit aber lieber weiter mit Ausdauersport, Ernährungsplänen und dergleichen.

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Jahrelang galt die Kunst, auf seine Mitarbeiter einzugehen, als Heiliger Gral des Managements. Doch inzwischen stellen Psychologen, Organisationsforscher und Manager fest: Zu viel Menschlichkeit stresst, hemmt und lähmt.

Führen statt fühlen Quelle: Getty Images, Illustration: Dmitri Broido

Alte Verhaltensweisen hinterfragen

Dieses Streben nach Perfektion ist häufig in der eigenen Biografie verwurzelt. Römer musste beispielsweise erkennen, dass er immer der brave Sohn geblieben war, der es der Mama recht machen wollte. Dieses Verhalten legte er auch nach seiner Beförderung an den Tag.

Zwar ist das verkürzt dargestellt, aber im Kern geht es darum, die Verhaltensmuster zu dechiffrieren, die unserem Denken und Handeln zu Grunde liegen. Denn diese Verhaltensweisen können - wie in den dargestellten Fällen - auf Dauer hinderlich bis zerstörerisch sein.

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Quelle: Getty Images

Sowohl Römer als auch Medenbach mussten lernen, dass es sehr klug ist und sich sogar gut anfühlt, auch mal Nein zu sagen. Sich überhaupt vor einer Entscheidung bewusst zu werden, was man wirklich will und dabei auch das Warum zu klären.

Das erfordert Mut, klärt, schenkt Freiheit und verleiht Macht. Um dahin zu kommen, braucht es sehr viele Übungen und Experimente in kleinen Schritten, die zum Beispiel heißen: Heute achte ich darauf, in welcher Kommunikation eine Forderung an mich gestellt wird. Oder: Bei jeder Entscheidung, vor die ich heute gestellt werde, erbitte ich mir bis morgen Bedenkzeit.

Wir müssen also entschleunigen, statt aktionistisch zu werden. Denn wenn die Richtung falsch ist, ist ein höheres Tempo Quatsch. Und je mehr uns bewusst ist, desto souveräner können wir reagieren. Deshalb sind reflektierte Führungskräfte empathischer, gesünder, beliebter, produktiver und vieles mehr.

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