Nichtstun als Chance: Wir müssen Innehalten neu lernen

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Nichtstun als Chance: Wir müssen Innehalten neu lernen

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Liessmann, 61, lehrt Philosophie und Ethik an der Universität Wien. 2006 wurde er in Österreich zum „Wissenschaftler des Jahres“ gewählt.

Muße ist eine Chance, Dinge zu reflektieren. Doch es erfordert Mut und Kraft, einmal nichts zu tun – um dann vielleicht dorthin aufbrechen zu können, wo man tatsächlich auch hin will.

Wer aufbrechen möchte, muss vorher irgendwo gewesen sein. Wer sich ohnehin bewegt, bricht nicht auf, sondern geht einfach weiter. Nur aus einem Ruhezustand, einer Phase relativer Stabilität lässt sich aufbrechen. Das Mindeste, was einem Aufbruch vorhergehen muss, ist die Rast. Das Äußerste, was zu ihm treibt, kann ein Zustand sein, der ein Verweilen zunehmend unerträglich macht.

Wer den Ort, an dem er sich befindet, so schnell wie möglich verlassen will, bricht nicht auf, er flieht – vor einer Katastrophe, einem Feind, einem Verhängnis. Ein Aufbruch bedarf zumindest eines Moments von Freiheit – nur der bricht auf, der auch bleiben könnte.

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Wir können nicht leben, ohne nicht immer wieder zu etwas Neuem aufzubrechen. Und doch durchzieht so manchen Aufbruch auch die Trauer des Abschieds: Dass es Zeit sei, aufzubrechen – wer in geselliger Runde diese Mahnung hört, spürt das unangenehm Fordernde des Aufbruchs. Man würde ja noch gerne etwas länger bleiben, aber der Aufbruch darf nicht mehr hinausgezögert werden.

Manchmal bricht man auch auf – aus einem Restaurant, aus einer Gesellschaft, aus dem Urlaub, aus der Fremde –, um zurückzukehren. Man war aufgebrochen, um sich nach einem Abend, einer Nacht, einigen Wochen, einem halben Leben wieder auf den Weg zu machen – dorthin, von wo man aufgebrochen war.

Das Pathos des Aufbruchs lebt vom Gestus des weiten Horizonts: aufbrechen ins Offene, das Sichere zurücklassen, zu neuen Ufern gelangen, sich dem Risiko und Wagnis einer Fahrt ins Unbestimmte und Ungewisse aussetzen, Neuland erkunden. Ins Unbekannte aufzubrechen versetzt uns in eine andere Spannung als ein routinierter Wechsel des Ortes. Der Aufbruch oszilliert so zwischen Erwartung und Abschied, zwischen Zukunft und Herkunft, zwischen Hier und Dort, zwischen Stillstand und Bewegung – allesamt Metaphern für unser Denken und Leben.

Allerdings: Die Moderne versteht sich als Gesellschaft in Bewegung. Sie ist immer schon aufgebrochen, hat erstarrte Verhältnisse hinter sich gelassen, alles Stehende und Ständische zum Verdampfen gebracht. Und seitdem heißt es: nur nicht verharren, nur nicht innehalten, immer dynamisch bleiben, immer vorwärts.

Eine Gesellschaft in Bewegung kann allerdings nirgendwohin mehr aufbrechen, denn sie ist immer schon unterwegs. Sowenig der Reisende, der sich mit hoher Geschwindigkeit auf einer vorgezeichneten Bahn bewegt, sich fragen kann, wohin er nun aufzubrechen gedenkt, sowenig kann sich eine Gesellschaft, die sich in einer Phase der rasanten, beschleunigten Veränderungen wähnt, fragen, ob es nicht allmählich an der Zeit wäre, aufzubrechen.

Die schöne Spannung zwischen Stillstand und Bewegung, zwischen Innehalten und Weitergehen, zwischen Verweilen und Aufbrechen, zwischen Muße und Aktivität geht in einer Zeit verloren, in der Unterwegssein zur einzig legitimen Daseinsform erklärt wird.

Um in solch einer Gesellschaft überhaupt wieder aufbrechen zu können, müssten erst die Orte und Zeiten der Ruhe, der Muße, der Kontemplation wieder geschaffen und aufgesucht werden können, die jene Erfahrung erlauben, die jeden Aufbruch grundiert: Jetzt, nach einer Phase des Verweilens, ist es Zeit zu gehen. Erst dann könnten wir auch wieder fragen: Und wohin soll es gehen?

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