Steve Ayan: "Manager sind prädestiniert dafür, sich zu viel abzuverlangen"

InterviewSteve Ayan: "Manager sind prädestiniert dafür, sich zu viel abzuverlangen"

Weniger Süßes, mehr Konzentration, besseres Zeitmanagement - wir neigen dazu, uns ständig verbessern zu wollen. Der Psychologe Steve Ayan erklärt, warum der Selbstoptimierungs-Trend keineswegs leistungsfähiger macht.

Es bringt gar nichts, sich ständig selbst zu optimieren. Das meint zumindest der Psychologe Steve Ayan. In seinem Buch „Lockerlassen“ erklärt er, warum der Selbstoptimierungs-Trend keineswegs leistungsfähiger macht, sondern eher das Gegenteil bewirkt.

WirtschaftsWoche: „Lockerlassen“ heißt ihr Buch und der Titel klingt wie eine Aufforderung. Sind wir alle zu verbissen?

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Steve Ayan: Erst einmal verfolgen wir alle nur das ganz natürliche Ziel, ein glückliches Leben zu führen. Daran ist an sich nichts Verbissenes, diesen Wunsch hatten auch schon Generationen vor uns. In unserer Zeit ist dieses Ziel nun aber besonders präsent, weil die sogenannte Selbstoptimierung eine richtige Branche geworden ist.

Uns werden von unzähligen Anbietern Methoden offeriert, wie wir uns in allen Lebensbereichen verbessern können. Die vermeintliche Logik dahinter: Nur wenn wir unsere Lebensweise optimieren, erfüllt sich auch der Wunsch glücklich zu sein.

Wie man einen guten Karrierecoach erkennt

  • Kosten

    Karrierecoachings für Privatleute kosten ab ca. 100 Euro pro Stunde. Sie können steuerlich abgesetzt werden.

  • Suche

    Egal, ob Sie übers Internet, andere Medien oder persönliche Empfehlungen suchen, wichtig ist, dass der Coach mit seinen Kenntnissen und Erfahrungen zu den eigenen individuellen Bedürfnissen passt. Eine Abstimmung im Vorfeld ist notwendig.

  • Arbeitsfelder

    Es gibt verschiedene Arbeitsfelder im Karrierecoaching. Neben Bewerbungstraining und Gehaltsverhandlung zum Beispiel auch Konfliktsituationen zwischen Mitarbeiter und Chef. Auch der Einsatz verschiedener Kommunikationstechniken für die Außenwirkung kann Thema sein.

  • Vertrauen

    Vertrauen ist die Grundlage für das Gelingen eines Coachings. Eine positive Grundstimmung ist notwendig. Die meisten Coaches bieten im Vorfeld ein kurzes kostenloses Telefongespräch an. Das sollte man wahrnehmen.

  • Vorbereitung

    Bereiten Sie sich gewissenhaft auf die Sitzungen vor. Wenn Sie genau wissen, was sie erreichen wollen und Materialien (zum Beispiel Bewerbungen) mitbringen, ist die kostbare Gesprächszeit besser zu nutzen.

  • Bedürfnisse

    Der Coach wird durch viel Zeit, aktives Zuhören und sprachliche Fragetechniken ergründen, welche Wünsche dem Klienten am Herzen liegen. Die Bedürfnisse zu äußern, ist deshalb so wichtig, weil diese die Grundlage für die spätere Zielfindung sind.

  • Methoden

    Kluge Fragetechniken und Methoden sind Werkzeuge des Coaches. Dazu gehören zum Beispiel die hypothetische Frage (Was würden Sie tun, wenn sie Chef wären?) oder die Lösungsfrage (Wie haben Sie frühere Herausforderungen gelöst?). Ein guter Coach hat breites Wissen auf diesem Gebiet und viel Erfahrung im Umgang mit Menschen.

  • Plan

    Das Wichtigste beim Karrierecoaching ist die Festlegung eines Plans mit festen Stationen. Denn nur wenn das Beschlossene in die Praxis umgesetzt wird und weitere Schritte verbindlich abgearbeitet werden, kann am Ende das gewünschte Ziel erreicht werden.

Warum nun aber ?

Selbstoptimierung heißt heute, dass wir bewusster leben sollen: Wir sollen bewusster essen, bewusster kommunizieren, bewusster entspannen. Wenn wir uns aber stark auf eine Sache konzentrieren, übersehen wir leicht andere wichtige Dinge drum herum. Außerdem verzerrt die bewusste Konzentration auf Einzelaspekte – etwa auf persönliche Schwächen oder Nöte – unsere Wahrnehmung. Kleinigkeiten erscheinen dann plötzlich bedeutsamer als sie sind. Bei vielen Gelegenheiten fahren wir also besser, wenn wir nicht so sehr nach Innen horchen und alles ganz bewusst tun wollen.

Daran erkennen Sie einen guten Coach

  • Coach setzt klaren Zeitrahmen

    Das Coaching soll vom Volumen her überschaubar sein. "Never-Ending-Stories" sollen vermieden werden auch, um Abhängigkeitsverhältnissen vorzubeugen.

  • Coach prüft, ob die Maßnahme überhaupt sinnvoll ist

    Ein guter Coach prüft, ob Coaching für seinen Adressaten überhaupt die richtige Maßnahme ist. Das Interesse des Auftraggebers (also der Oraganisation oder des Unternehmens) muss sich mit den Interessen des Coachees nicht decken. Ein guter Coach muss aber die Interessen aller Beteiligten berücksichtigen.

  • Der Coach sagt auch "nein".

    Ein guter Coach lehnt Aufträge ab, wenn sie nicht seinen Kompetenzen entsprechen oder sich nicht mit seinen Schwerpunktthemen befassen. Damit gemeinsam definierte Ziele erreicht werden können, muss die Leistungserwartung des Klienten und das Leistungsvermögen des Coaches einander entsprechen.

  • Coach spricht über seine Methoden

    Ein guter Coach benennt die einzelnen Prozessphasen explizit und stellt in Grundzügen sein methodisches und konzeptionelles Vorgehen dar. Der Auftraggeber soll genau überblicken können, worauf er sich einlässt.

  • Coach lässt Zeit zum Nachdenken

    Die Entscheidung für ein Coaching soll der Klient bewusst und ohne Druck treffen - deshalb gibt ein guter Coach dem Klienten nach dem Kennenlerngespräch Bedenkzeit.

  • Coach erkennt seine Grenzen

    Ein guter Coach erkennt Themen und Umstände, die zusätzlicher Beratung bedürfen und leitet diese ein. Dabei kann es sich zum Beispiel um eine Therapie, Eheberatung oder medizinische Behandlung handeln.

  • Quelle

    Deutscher Bundesverband Coaching e.V. (Hrsg.): Checkliste für Auftraggeber und Klienten. Vorgelegt vom Fachausschuss Mittelstand. Osnabrück: 2010.

Gute Vorsätze sollten also ganz schnell wieder aufgegeben werden?

Lockerlassen bedeutet nicht, sich gehen zu lassen. Natürlich kann es sehr vernünftig sein, gute Vorsätze zu haben. Es ist nur die Frage, wie man die auch erreicht. Jemand, der zum Beispiel mit dem Rauchen aufhören will, wird schnell wieder zur Zigarette greifen, wenn er die ganze Zeit über seinen Entschluss nachdenkt und ihn hinterfragt. Viel effektiver ist Ablenkung – etwa durch neue Gewohnheiten, Joggen zum Beispiel. Es ist schon erstaunlich, wie sehr wir heute der Macht der Ablenkung misstrauen. Dabei bietet sie meist den besten Ausgleich vom Stress.

Wir müssen also unsere Routinen durchbrechen?

Ganz wichtig ist es, Routinen zu entwickeln und die eigenen Verhaltensmuster zu ändern. Routinen helfen uns, nicht immer wieder alles von vorne entscheiden zu müssen. Sie machen die ganze Konzentration aufs Ich entbehrlich. Deshalb sind auch nicht alle Angebote und Coachings, die gerade so im Trend sind, nutzlos. Für den ersten Anstoß kann es sinnvoll sein, sich professionell beraten zu lassen. Doch dann kommt es darauf an, das Gelernte auch einzuüben, damit es irgendwann automatisch klappt, ohne bewusstes Nachdenken.

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