Expat: Indien: Kollektives Hochgefühl durch rasanten Fortschritt

Expat: Indien: Kollektives Hochgefühl durch rasanten Fortschritt

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Florian Dötzer

Florian Dötzer baut Niederlassungen für die Technologieberatung Altran in Indien auf.

Oberflächlich betrachtet leben meine indischen Kollegen fast so wie meine europäischen. Sie arbeiten von Montag bis Freitag mit gleichen Mitteln und Methoden an ähnlichen Projekten. Sie reden in der Kantine über das Wetter, das Essen, ihre Hobbys und die Liebe. Am Wochenende geht man aus, gerne in eine amerikanische Bar oder ins Kino – nicht zwingend in einen Bollywood-Film. Ein Familienpicknick in einem der vielen städtischen Parks ist auch sehr beliebt. Der Schritt nach Delhi ist gar nicht so gewaltig, dachte ich kurz nach meiner Ankunft.

Einige Wochen später sah die Welt anders aus. Denn unter dieser Oberfläche aus westlich orientierten Verhaltensformen, kamen weitere Ebenen zum Vorschein. Die Ebene der Familie, der Tradition und der Religion. Typisch Indisches eben, das nicht auf den ersten Blick zu verstehen ist, und das mich in meiner Arbeit manchmal behindert – und manchmal auch ungeahnt schnell voranbringt.

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Ich bin nach Indien gegangen, um das Offshore-Geschäft der Technologieberatung Altran im Luftfahrt-Bereich zu unterstützen. Wir arbeiten für große Flugzeughersteller. Eine Verlagerung von Produktionskapazitäten ist da ein Thema mit konstant wachsender Relevanz. Und das nicht nur wegen der Kosten: Um im Boom-Markt Indien verkaufen zu können, muss zumindest ein Teil der Produktion auch in Indien stattfinden. Neben der Verantwortung für den technischen Bereich betreue ich mittlerweile auch den Vertrieb und das Recruiting von Fachkräften vor Ort.

Was mich hier begeistert, ist diese unglaubliche Lust der Inder aufs Geschäftemachen. Man schickt hier keine zaghaften Kontaktgesuche über Netzwerk-Plattformen, hier greift man zum Telefonhörer. In Deutschland ist der Austausch einer Visitenkarte meist nicht mehr als ein Ritual – nehmen und einstecken. In Indien studiert man jedes einzelne Wort. Rasch ergibt sich dann ein Gespräch und sehr oft ein neues Geschäft.

Was sind die Gründe für dieses interessierte Aufeinander-Zugehen? Ich vermute, Inder haben gelernt mit verschiedenen Sprachen und Kulturen umzugehen. Allein in der Verfassung sind offiziell 22 Sprachen („scheduled languages“) gelistet und es kursieren zudem eine Reihe weiterer Schriftzeichen-Alphabete. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich als Deutscher – wir gelten als technologisch führend – mit Vorschusslorbeeren überhäuft werde. Ein atemberaubendes Wirtschaftswachstum von etwa neun Prozent im Jahr sorgt freilich ebenfalls für eine wirtschaftliche Unbekümmertheit.

Apropos: „Beat the System“ scheint ein indischer Volkssport zu sein. Jedes Regelwerk, jedes Konzept und vor allem jeder Zeitplan werden erst einmal nach eigenem Gutdünken interpretiert. „Beat the System“ bedeutet aber auch, dass die Inder Weltmeister im Auffinden kreativer Lösungswege sind. Selbst zwölf Stromausfälle am Tag bringen einen indischen IT-Spezialisten nicht aus der Ruhe. Und wenn sich ein führender Mitarbeiter in der heißesten Projektphase für ein paar Tage verabschiedet, um in einem Hindu-Tempel für den verstorbenen Onkel zu beten, dann zeigt sich, wie gut man selbst das Auffinden kreativer Lösungswege gelernt hat.

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