10: Stressor Manipulation Kaum einer gibt es zu, aber: Stress ist auch eine veritable Machtstrategie. Unsere Vorfahren wurden aus gutem Grund soziale Wesen. In der Gruppe konnten sie besser jagen, sich gegen Feinde wehren. Den Gruppenvorteil bezahlten sie mit Stress. In der Gemeinschaft entstanden Konflikte um Nahrung, Wohnraum und Sexualpartner und in der Folge Hierarchien. „Stress ist vor allem eine Folge der Sozialisierung“, sagt der Hamburger Psychiater Markus Preiter, der eine Dissertation über evolutionäre Medizin geschrieben hat: „Wir sind immer noch Neandertaler, nur in Nadelstreifen.“ Was allerdings auch bedeutet: Nicht jeder hat Stress, der das vorgibt. Nicht selten wird damit manipuliert. Mit Stress signalisiert der Rangniedrigere entweder Unterwerfung (Du darfst mir Stress machen!) und erwirbt sich so die Gunst des Anführers. Oder der vorgetäuschte Stress moralisiert Fehlverhalten (Das war zu viel!). Dabei werden Erwartungen hin und her geschoben, Schuld zugewiesen und ein schlechtes Gewissen gemacht. „Es gibt so etwas wie eine Macht in der Ohnmacht“, weiß Preiter. Soziologen sind sich allerdings sicher: Ohne ein solches Verhaltensreper‧toire würden Organisationen nicht funktionieren. Zugleich erklärt es, warum Stress auf der Chefetage verpönt ist: Wer führt, der fürchtet nicht – nicht mal Druck. Das heißt nicht, dass Manager keinen Stress hätten, im Gegenteil: Sie leiden nur auf höherem Niveau. So vermuten die US-Ökonomen Daniel Hamermesh und Jungmin Lee hinter Stress wachsenden Reichtum. Ihre These: Wer Stress hat, dem fehle vor allem Zeit. Mit steigendem Einkommen nehme zwar die Zahl der Güter und Freizeitalternativen zu, die Zeitmenge aber bleibt bestenfalls gleich. Die Folge: Frust, weil man den Wohlstand nicht gebührend genießen kann – und in der Folge Stress. Ihre Hypothese konnten die Wissenschaftler mit einer Befragung von zahlreichen Haushalten in den USA, Deutschland, Australien und Südkorea stützen: Jeder Befragte, unabhängig von seiner Arbeitszeit und seinem Einkommen, zeigte mehr Stress, wenn sein Einkommen stieg. Die Gegenstrategie: keine.
Zu diesem Artikel













