Fukushima: "Jetzt geht es um Pflichterfüllung"

Fukushima: "Jetzt geht es um Pflichterfüllung"

Die Arbeiter in den gefährdeten AKW in Japan setzen ihr Leben aufs Spiel. Warum laufen sie nicht weg? Der Arbeitspsychologe Michael Kastner erklärt ihre Motivation.

Herr Kastner, die Situation in dem japanischen Atomkraftwerk Fukushima ist anscheinend kaum noch zu kontrollieren. Dennoch arbeiten dort Ingenieure, Techniker und Arbeiter. Warum setzen Menschen für ihren Job ihre Gesundheit und ihr Leben aufs Spiel?

Michael Kastner: Psychologisch wirken hier mehrere Faktoren. Zum einen werden die Gefahr und das Risiko von Menschen, die in Gefahrensituationen arbeiten müssen, meist anders eingeschätzt als von außen, weil ein Verdrängungsmechanismus einsetzt. Wir bezeichnen dies als den umgekehrten Tunnelblick. Zum anderen überschlagen sich die Ereignisse so rasant, dass kaum Zeit zum Nachdenken und Reflektieren bleibt. Hinzu kommt eine kulturelle Tradition: der starke Glauben, Technik beherrschen zu können, und die japanische Disziplin. Es gilt in Japan als Schande, seine Pflicht nicht zu erfüllen. Es ist anzunehmen, dass die Mitarbeiter der Atomkraftwerke es als großen Gesichtsverlust ansähen, wenn sie ihren Familien diese Schande bereiteten. Für sie geht es jetzt um Pflichterfüllung.

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Sind diese Menschen also besonders mutig?

Kastner: Der Mutige unterscheidet sich vom Tollkühnen nur darin, dass jener Angst hat und sie überwindet. Es ist davon auszugehen, dass die Mitarbeiter Angst haben, sofern sie über das Risiko richtig informiert sind. Von der Katastrophe in Tschernobyl wissen wir ja, dass dort Tausende Arbeiter im Einsatz waren, die über die Gefahr nicht unterrichtet waren. Zudem gibt es in Japan eine andere Führungskultur als in Deutschland. Entscheidungen von Autoritäten werden nicht in Frage gestellt, sondern befolgt.

Was treibt Führungskräfte dazu an, ihre Mitarbeiter in extreme Gefahrensituationen zu schicken? Unter welchem Druck stehen die Entscheider?

Kastner: Der Druck muss unvorstellbar sein. Aus Untersuchungen wissen wir, dass Menschen, die in sehr großen Gefahrensituationen arbeiten und Entscheidungen treffen müssen, häufig in evolutionäre Verhaltensweisen zurückfallen. Sie zeigen die typischen Stress- und Überforderungsanzeichen. Der Mensch ist ein emotionales Wesen. Angst blockiert ihn. Er wird fahrig, handelt unüberlegt und chaotisch, ist nicht mehr dazu fähig, klar nachzudenken. Er handelt schließlich reflexhaft – Flucht oder Angriff.

Wie wirken die Bilder und Informationen auf Menschen, die in Deutschland in Atomkraftwerken arbeiten?

Kastner: Es ist anzunehmen, dass diese Menschen jetzt ein mulmiges Gefühl haben. Allerdings dürfte es nicht lange anhalten. Ein normales Verhalten wäre, die Nachrichtenlage aus Japan zu rationalisieren und sich zu sagen, dass Deutschland kein Erdbebengebiet ist und eine vergleichbare Situation nicht entstehen kann. Das ist auch gesund so. Wir Psychologen sagen oft, dass sich der Depressive vom Gesunden nur durch den Blickwinkel unterscheidet. Der Gesunde sieht die Welt optimistischer, der Depressive aber realistischer. Im Übrigen nehme ich an, dass eine vergleichbare Situation in Deutschland ganz andere Reaktionen und auch ein anderes Krisenmanagement hervorrufen würde, möglicherweise würden hierzulande viel chaotischere Zustände herrschen. Es bleibt zu hoffen, dass wir eine ähnliche Situation niemals erleben werden.

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