Gedächtnis: Vergessen ist menschlich

Gedächtnis: Vergessen ist menschlich

von Daniel Rettig

Sie vergessen ständig Namen, Termine und Abgabefristen? Keine Sorge, Sie sind nicht allein. Laut einer neuen Studie leiden selbst Menschen mit außergewöhnlichem Gedächtnis unter Erinnerungslücken.

Der eine vergisst ständig Namen und Gesichter, der andere sucht jeden Morgen verzweifelt seinen Autoschlüssel, wieder andere vergessen Abgabefristen und Termine. So unterschiedlich die Situationen auch sind, das Problem ist dasselbe: Unser Gedächtnis hat manchmal die Konsistenz eines Schweizer Käse.

Doch so ärgerlich das auch sein mag, so universell ist dieses Dilemma. Mehr noch: Erinnerungslücken betreffen selbst Menschen, die über ein außergewöhnliches Gedächtnis verfügen. So lautet das Fazit einer neuen Studie des Psychologen Lawrence Patihis von der Universität von Kalifornien in Irvine.

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Für ein Experiment gewann er 20 Personen, die am so genannten hyperthymestischen Syndrom leiden. Diesen Namen prägte vor einigen Jahren der Gedächtnisforscher James McGaugh. Er entdeckte in verschiedenen Untersuchungen, dass einige Patienten über ein beinahe surreales Gedächtnis verfügten. Sie konnten sich mühelos an die Vergangenheit erinnern – und zwar an beinahe jeden einzelnen Tag.

Fragt man einen Betroffenen etwa, was am 19. Oktober 1987 passiert ist, antwortet er: “Das war ein Montag. Damals fielen die Kurse an den Börsen. Und die Cellistin Jacqueline du Pré starb.“

Patihis unterzog die Freiwilligen verschiedenen Gedächtnistests. Bei einem sehen sie einige verwandte Wörter, zum Beispiel Licht, Schatten, Glühbirne und Tisch. Im Anschluss sollen sie aus einer Liste jene Begriffe ankreuzen, an die sie sich noch erinnern. Etwa die Hälfte der Teilnehmer nennt nun jedes Mal das Wort Lampe – obwohl es zuvor gar nicht auftauchte.

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Nun könnte man davon ausgehen, dass die Aufgabe Menschen mit übernatürlichem Gedächtnis leicht fällt. Weit gefehlt. Denn Patihis testete nicht nur 20 Probanden mit hyperthymestischem Syndrom, sondern auch 38 Menschen mit normalem Gedächtnis.

Und siehe da: Die Ergebnisse glichen sich. Selbst die Supermerker täuschten sich – egal ob es um neutrale Wörter oder emotionale Nachrichtenvideos ging. Einige schnitten sie sogar noch schlechter ab als eine Kontrollgruppe mit 38 Personen, die ein normales Erinnerungsvermögen hatten.

“Falsche Erinnerungen sind allgegenwärtig und normal”, sagt Patihis. Wenn Sie sich also das nächste Mal über eine Erinnerungslücke ärgern, grämen Sie sich nicht: Sie sind nicht allein.

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