Gerd Gigerenzer im Interview: "Launen haben eine Funktion"

Gerd Gigerenzer im Interview: "Launen haben eine Funktion"

Der Psychologe Gerd Gigerenzer über Stimmungsschwankungen und Manipulationsversuche damit.

WirtschaftsWoche: Herr Gigerenzer, sind Sie gerade gut drauf?

Gerd Gigerenzer: Danke, bestens! Ich komme gerade aus Chicago, hatte einen langen, aber sehr entspannten Flug. Deshalb fühle ich mich wunderbar.

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Zufall – oder müssen Sie gewöhnlich etwas für Ihre gute Laune tun?

Solche Stimmungen sind vor allem eine Frage, wie man sein Leben interpretiert. Wenn ich will, kann ich jeden Tag zig Gründe finden, schlecht gelaunt zu sein. Aber ich finde lieber solche, die mir gute Laune machen.

Klingt gut. Begeistern Sie mich!

Ich fliege sehr viel in der Welt herum und sehe dabei, wie gut es uns hier in Deutschland geht – finanziell, kulturell. Hinzu kommt die soziale Sicherheit. Ich sehe bei meinen Reisen aber auch, welche guten Forschungsbedingungen wir bei uns in der Max-Planck-Gesellschaft haben. Die sind fast durchweg besser als überall sonst auf der Welt. Die Deutschen gelten oft als chronische Miesepeter und Jammerlappen, sicher auch nicht ganz zu unrecht. Das liegt aber vor allem an unserer selbstgewählten Sicht und dem Mangel an Vergleichbarkeit: Viele Menschen wissen gar nicht, wie gut es ihnen tatsächlich geht – verglichen etwa mit den meisten anderen Menschen auf der Welt oder historisch mit den Menschen vor 100 Jahren.

Aber wer vergleicht sich schon im Alltag mit den Hungernden in der Dritten Welt? Oft reicht allein der Anblick eines unglaublich gut gelaunten Kollegen und seines neuen Sportautos, um sich den Tag zu vermiesen.

Sehen Sie, und genau solche falschen Vergleiche und Vorbilder sind die Hauptursachen für schlechte Laune. Ein Beispiel: Viele Frauen haben ein schlechtes Verhältnis zu ihrem Körper, weil sie sich ständig mit diesen elektronisch retuschierten Supermodels aus der Werbung vergleichen. Dabei sind das völlig unrealistische Ansprüche. Kein Mensch sieht so aus. Weil Sie aber gerade von Kollegen sprachen: Der Hauptauslöser von schlechter Laune im Job sind übrigens nicht die Kollegen, sondern das Gegenteil: soziale Isolation. Überall dort, wo Menschen alleine arbeiten und mit Kollegen nicht interagieren können, etwa indem sie mal eine Tasse Kaffee trinken oder nett plaudern, fühlen sie sich besonders schlecht. Schlechte Laune hat aber nicht nur Ursachen...

...sondern?

Sie hat auch eine Funktion. Man kann schlechte Laune haben, um etwas erreichen zu wollen.

Sie meinen manipulativ: Ich zeige dir, wie mies ich mich fühle, damit du dich mehr um mich kümmerst?

Genau. Bei ganz vielen Ehepaaren funktioniert das exakt nach diesem Muster. Der eine Partner ist ständig schlecht gelaunt, schimpft, nörgelt – um den anderen dadurch emotional zu steuern. Etwa, um bei ihm Schuldgefühle zu wecken, die er dann abarbeiten muss. Im Berufsleben funktioniert das nicht anders.

Sie meinen beim Chef?

Manager haben enormen Einfluss auf das Betriebsklima und können die Emotionen ihrer Mitarbeiter stark steuern. Ein Vorgesetzter, der mit nichts zufrieden ist, der ständig droht und kritisiert und seine eigene miese Laune zur Schau stellt, erzeugt vor allem Angst. Und verunsicherte Mitarbeiter lassen sich leichter herumkommandieren.

Lässt sich denn mit guter Laune besser manipulieren als mit schlechter?

Ja sicher. Angst ist kein guter Motivator. In dem Moment, wo Sie weg sind, funktioniert der ganze Laden nicht mehr. Mit guter Laune hingegen können Sie ein Klima der Kooperation und Kommunikation schaffen, wo sich die Mitarbeiter freuen, Herausforderungen zu meistern – und eben keine Angst davor haben. Ich selbst habe 25 wissenschaftliche Mitarbeiter, noch mal acht nichtwissenschaftliche und einige Dutzend studentische Hilfskräfte. Als deren Vorgesetzter kann ich eine Menge machen, um ihr Wohlbefinden positiv zu beeinflussen.

Zum Beispiel?

Wir treffen uns jeden Tag um 16 Uhr zu Kaffee und Kuchen und reden miteinander, überwiegend über Fachthemen. Und ich versuche jedes Mal, dabei zu sein.

Um aufzupassen, dass auch jeder kommt und fröhlich bei der Sache ist? 

Auf keinen Fall! Es gibt keinen Zwang, das ist sehr wichtig. Wichtig ist nur, dass die Mitarbeiter zusammen sind und miteinander reden. Meine Anwesenheit zeigt ihnen lediglich, wie wichtig mir diese Treffen sind. In vielen Betrieben wird so etwas als verschwendete Zeit gesehen. Das ist falsch. Diese Runden schaffen mehr Effizienz als viele andere Motivationsmethoden. Dabei können alle voneinander lernen und wissen hinterher genau, was der andere macht und wen man bei einem speziellen Problem fragen kann.

Nun können große Konzerne kaum ihre Belgschaften zu Kaffee und Kuchen einladen.

Das nicht. Aber sie können kleinere Gruppen, Abteilungen, Projektteams ermutigen, solche Treffen abzuhalten und sich über ihre Arbeit auszutauschen. Als Vorgesetzter ist es dann nur wichtig, selbst gute Laune mitzubringen, als eine Art Basiskomponente, auf die die Mitarbeiter vertrauen können. Und damit das nachhaltig wirkt, sollten Sie die Sache noch mit einem Anspruch kombinieren.

Moment, wollen Sie Chefs etwa raten, die gute Laune zu verordnen?

Ich würde es nicht verordnen nennen. Aber als Unternehmen können Sie auf Dauer keine Miesmacher gebrauchen. Sie brauchen zwar Leute, die Sie davor warnen, Fehler zu machen. Aber nicht den unkonditionalen Miesmacher, der überall schlechte Stimmung verbreitet. Gute Laune ist vor allem eine soziale Emotion. Man ist ja nicht einfach nur für sich privat gut gelaunt, sondern sendet damit ein Signal an seine Umwelt und sucht sich so Mitstreiter, die ebenfalls gut gelaunt sind.

So wie: Stimmungskanone und Stimmungskanone gesellt sich gern?

Wenn Sie in eine Gruppe kommen, in der alle Mundwinkel nach oben zeigen, nur ihrer schaut nach unten, dann müssen Sie entweder ihre Stimmung verbessern oder Sie laufen Gefahr, ausgegrenzt zu werden.

Kann man denn an seiner Laune arbeiten?

Das geht schon. Der erste Schritt ist allerdings, sich zu fragen: Warum habe ich gerade diese Laune? Will ich damit etwas erreichen? Habe ich Angst vor etwas? Oder will ich andere damit tyrannisieren? Oft spielen wir damit nur eine Rolle, die von anderen vielleicht sogar verursacht wurde. Wenn Sie merken, dass sich Ihr Chef jedes Mal mit Ihnen beschäftigt, wenn Sie schlecht drauf sind, und es laufen lässt, solange Sie gute Leistungen bringen, wird Sie das in Ihrem negativen Verhalten bestärken. Dieses Prinzip können sich Manager übrigens auch zunutze machen: Oft verändern sich die Launen der Leute schon zum Positiven, wenn sie öfters mal mit Anerkennung auf positives Verhalten reagieren.

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