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Götz Werner im Interview: „Halte ich meine Mitarbeiter für Tiere oder wirklich für Menschen?“

von cornelius.welp@wiwo.de

Götz Werner, Chef der Drogeriemarktkette dm, über seine Führungsprinzipien und die schädliche Wirkung von Prämien, warum er lieber Fragen stellt, als Anweisungen zu geben, und weshalb er alle Steuern bis auf die Mehrwertsteuer abschaffen würde.

WirtschaftsWoche: Herr Werner, Sie fordern ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bürger und haben in einem Interview erklärt, dass „das manische Schauen auf Arbeit uns alle krank macht“. Wie erklären Sie solche Aussagen Ihren Verkäuferinnen? Fürchten Sie nicht um deren Motivation? Werner: Nein, überhaupt nicht. Mir kommt es vor allem auf das Verständnis von Arbeit an. Ich sehe sie nicht primär als Einkommensquelle, sondern als Quelle von Sinn. Aber auch Ihre Angestellten müssen so viel verdienen, dass sie davon leben können. Natürlich muss das Gehalt stimmen, sonst müssten sie sich schleunigst einen neuen Job suchen. Aber was bekommen sie mit ihrem Einkommen? Den Auftrag zu ihrer Arbeit, die sie einen weiteren Monat machen können. Das Einkommen ist eigentlich die Ermöglichung der Arbeit und nicht die Bezahlung. Es ist nicht rückwärts gewandt, sondern vorwärts. Sie leben schließlich im folgenden Monat davon. Aber welchen Sinn können Sie Ihren Angestellten so vermitteln? Sie sollen den Sinn vor allem in ihrer Arbeit am Kunden entdecken und nicht im Erreichen persönlicher Ziele wie der nächsten Beförderung. Sie sollen sich fragen, ob der Kunde mit dem, was sie tun, etwas anfangen kann, ob sie seine Bedürfnisse so besser befriedigen als andere. Wir wollen, dass möglichst viele bei uns einen Arbeitsplatz haben und nicht bloß einen Einkommensplatz. Dass sie zu uns kommen, weil sie die Arbeit interessiert und nicht,weil sie auf den Job angewiesen sind. Dazu gehört auch die Anerkennung durch die Vorgesetzten. Ohne die gibt es keine Motivation. Mitarbeiter müssen gar nicht so sehr motiviert werden. Das ist eine Frage des Menschenbildes. Halte ich meine Leute für determinierte Reiz-Reaktionswesen oder für Menschen, die sich entwickeln wollen und entwickeln können? Halte ich sie eher für Tiere oder wirklich für Menschen? Daraus leitet sich ab, ob ich sie nur unterhalb der Gürtellinie anspreche, in ihren Reflexen und Süchten, oder in dem, was sie sein könnten, was sie vielleicht werden wollen. Gegen einen ordentlichen Gehaltsbonus werden sie aber auch nichts einwenden. Viele Unternehmen sind sehr stolz auf ihr ausgeklügeltes Belohnungssystem. Aber dadurch werfen sie den Einzelnen immer wieder zurück in die Selbstversorgung, in den Egoismus. Bei uns gibt es deshalb keinen dm-Orden oder sonstige Scherze. Wir zahlen auch keine Prämien, wir hatten bei dm überhaupt noch nie ein Anreizsystem. Das passt nicht zu unserer Kultur. Damit können Sie die Lohnkosten natürlich niedrig halten… Darum geht es nicht. Eine Unternehmenskultur ist ein fragiles Kartenhaus. Wenn Sie eine Karte rausziehen, bricht alles zusammen. Unsere Kultur ist sehr stark auf Zusammenarbeit ausgerichtet. Und mit wenig kann man eine solche Kultur mehr ruinieren als mit einem Anreizsystem, das nur den Einzelnen belohnt. Das ist die Grundlage des Wettbewerbs: Jeder strengt sich an, um der Beste zu sein. Das müssten Sie doch fördern. Nein. Dass die Leute meinen, sie arbeiteten nur für sich, ist heute ein Grundproblem vieler Unternehmen. Wenn ein Unternehmen mit einer solchen Einstellung erfolgreich ist, dann nicht weil es sie fördert, sondern obwohl es sie fördert. Ich muss mir doch klar machen, dass es heute auf jeden Einzelnen ankommt, weil niemand mehr alleine etwas erreichen kann. Viele können das gar nicht denken, dass jeder im Unternehmen vor allem für andere arbeitet. Dabei erbringen alle ihre Leistungen in einer Gemeinschaft. Wirtschaft, das heißt für mich als Erstes, miteinander füreinander leisten. Die meisten Menschen sehen aber erst einmal ihre Interessen. Wie lässt sich eine solche Unternehmenskultur schaffen? Die lässt sich nicht von oben verordnen, Sie können nur einen Rahmen vorgeben. Entscheidend ist, wie man im Unternehmen miteinander umgeht. Wie behandele ich meine Mitarbeiter? Wie verhalten sich die Vorgesetzten im Konfliktfall? Wie reagieren sie, wenn es nicht gut läuft? Sind sie dann auch noch ruhig und objektiv? Über diese Punkte schaffen wir eine Arbeitskultur. Und so wie wir miteinander umgehen, behandeln wir letztlich auch die Kunden.

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