Arbeitsmarktintegration: Flüchtlinge als Unternehmer?

Arbeitsmarktintegration: Flüchtlinge als Unternehmer?

Integration funktioniert nicht ohne Job, da sind sich alle einig. Doch die Flüchtlinge, die bleiben dürfen, in den Arbeitsmarkt zu integrieren, wird sehr lange dauern. Es sei denn, sie wagen die Selbstständigkeit.

"Wir sollten nicht zu hohe Erwartungen haben", sagt Detlef Scheele, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit (BA). Er geht davon aus, dass die Eingliederung von Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt ein langwieriger Prozess sein wird. "Wenn es gut läuft, werden im ersten Jahr nach der Einreise vielleicht zehn Prozent eine Arbeit haben, nach fünf Jahren ist es die Hälfte, nach 15 Jahren 70 Prozent", so Scheele gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Die Kinder, die jetzt hier in in die Schule kommen, hätten gute Perspektiven, die Fachkräfte von übermorgen zu werden. "Wer unter 35 ist, hat gute Chancen, sich für eine Arbeit zu qualifizieren. Für Menschen, die deutlich über 40 sind, wird es schwierig", sagte Scheele.

Die BA gehe deshalb davon aus, dass in diesem Jahr 350.000 Flüchtlinge auf die staatliche Grundsicherung, also Hartz IV, angewiesen sein werden.

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Mehrheit der Flüchtlinge hat keine Chance

Mit dem durchschnittlichen Arbeitnehmer in Deutschland könnten die Flüchtlinge in absehbarer Zeit nicht in Konkurrenz treten. "Dafür ist ihr Aufholweg viel zu lang." Das sagte vor wenigen Wochen auch der Direktor des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), Klaus Zimmermann. "Die meisten Flüchtlinge haben keine Ausbildung, können kein Deutsch und haben kaum eine Chance. Wenn wir von einer Million Flüchtlingen ausgehen, kommen davon langfristig nicht mehr als rund 200.000 für den deutschen Arbeitsmarkt infrage", so Zimmermann gegenüber der WirtschaftsWoche.

Was Flüchtlinge dürfen

  • Betriebliche Ausbildung

    Wer eine sogenannte Aufenthaltsgestattung bekommt, darf nach drei Monaten in Deutschland eine betriebliche Ausbildung beginnen. Wer geduldet ist, kann vom ersten Tag an eine Ausbildung machen. In beiden Fällen ist jedoch eine Erlaubnis durch die Ausländerbehörde nötig.

  • Praktika

    Gleiches gilt für Praktika oder den Bundesfreiwilligendienst beziehungsweise ein freiwilliges, soziales Jahr: Personen mit Aufenthaltsgestattung können nach drei Monaten ohne Zustimmung der ZAV damit beginnen, wer den Status „geduldet“ hat, darf das ab dem ersten Tag.

  • Hochqualifizierte

    Wer studiert hat und eine Aufenthaltsgestattung besitzt, darf ohne Zustimmung der ZAV nach drei Monaten eine dem Abschluss entsprechende Beschäftigung aufnehmen, wenn sie einen anerkannten oder vergleichbaren ausländischen Hochschulabschluss besitzen und mindestens 47.600 Euro brutto im Jahr verdienen werden oder einen deutschen Hochschulabschluss besitzen (unabhängig vom Einkommen).
    Personen mit Duldung können dasselbe bereits ab dem ersten Tag des Aufenthalts.

  • Nach vier Jahren Aufenthalt

    Personen mit Aufenthaltsgestattung können nach vierjährigem Aufenthalt jede Beschäftigung ohne Zustimmung der ZAV aufnehmen.

Scheele räumte aber ein, dass Flüchtlinge mit einheimischen Langzeitarbeitslosen um Jobs konkurrieren könnten. Das könne im Einzelfall so sein, wenn keine besondere Qualifikation gefragt sei. "Einheimische Arbeitslose haben vor allem den Sprachvorteil. Flüchtlinge punkten durch Motivation, ihr jugendliches Alter und ihre Zielstrebigkeit. Die Menschen sind ja nicht hier her gekommen, um in einem Zeltlager zu bleiben. Sie wollen doch vorankommen", sagte Scheele.

Migranten gründen häufiger

Das bestätigt auch eine Sonderauswertung des Gründungsmonitors 2015 der Förderbank KfW. Demnach treffen Migranten überdurchschnittlich häufig die Entscheidung für eine Selbstständigkeit. Im Jahr 2014 haben sich 179.000 Migranten in Deutschland selbstständig gemacht. Rund jeder fünfte Gründer hat eine ausländische Staatsbürgerschaft oder die deutsche Staatsbürgerschaft erst nach der Geburt erworben, heißt es im Bericht der KfW. Das liegt allerdings nicht an einem Gründergen, sondern ist meist eher der Verzweiflung geschuldet: Migranten werden häufig zu Unternehmern, weil sie keine attraktivere Erwerbsalternative haben, wie der Bericht zeigt.

Warum die Deutschen gründen

  • Der eigene Chef sein

    43 Prozent der 5.508 Unternehmen, die in der Zeit von 2005 bis 2007 gegründet wurden, entstanden, weil die Gründer selbstbestimmt arbeiten wollten.

    Quelle: Statista

  • Gute Geschäftsidee

    Eine konkrete Geschäftsidee umsetzen wollten 22,5 Prozent der von KfW und ZEW befragten Neugründer.

  • Notgründung

    Die Gründung als Ausweg aus der Arbeitslosigkeit liegt mit 12,8 Prozent auf Platz drei.

  • Ermüdende Jobsuche

    Für gut zehn Prozent gab es keine alternative Beschäftigung in einem Unternehmen.

  • Marktlücken füllen

    8,5 Prozent sahen ihre Chance, eine Marktlücke auszunutzen.

  • Druck vom Chef

    Rund zwei Prozent sagten, ihr ehemaliger Arbeitgeber habe eine Gründung forciert.

  • Steuergründe

    Steuerliche Anreize waren für 1,5 Prozent ausschlaggebend.

Lieber Kioskbetreiber als arbeitslos, scheint hier die Devise zu sein. Und diese Entscheidung zahlt sich häufig aus. "Migranten gehen ihre Gründungsprojekte offensiver an, selbst wenn die Gründung eine Entscheidung aufgrund fehlender Erwerbsalternativen war. Mit ihrer größeren Gründungsneigung und höherem Beschäftigungseffekt leisten Migranten somit einen wichtigen Beitrag zum Gründungsgeschehen in Deutschland", sagt Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der KfW Bankengruppe.

Und das, obwohl Migranten bei der Unternehmensgründung mehr Steine in den Weg gelegt werden: So hatten im Zeitraum 2009 bis 2014 deutschlandweit 16 Prozent aller Gründer beim Start Finanzierungsschwierigkeiten zu überwinden, bei Migranten waren es 24 Prozent.

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Migranten sind nach ihrem Start allerdings schneller bereit, ihr Unternehmen auch wieder aufzugeben: Drei Jahre nach Gründung bestehen 70 Prozent aller Start-ups noch, bei Migranten sind es nur 60 Prozent. Die KfW erklärt sich das damit, dass Migranten jünger sind, wenn sie gründen, oft aus der Not heraus zum Unternehmer werden und häufig im Handel gründen. All das seien Indikatoren für das Scheitern einer Existenzgründung. Mit der Nationalität habe das aber nichts zu tun, so Zeuner. Junge Deutsche, die aus der Not heraus gründen, fallen genauso häufig auf die Nase.

Und: "Migranten beenden ihre Selbstständigkeit eher wieder, wenn sich attraktive Jobmöglichkeiten bieten." Insofern könnte die Selbstständigkeit eine Chance für Flüchtlinge sein, die auf dem regulären Arbeitsmarkt keine Anstellung finden. Zur Not als Übergangslösung.

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