Gründer: Fernbedienung des Alltags

Gründer: Fernbedienung des Alltags

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Aka-Aki-Gründer Pfister, Hadler, Kielmann, Hänsler, Hoffmann, Yoran, Kanz, Kartmann (von links)

Das mobile Internet steht vor seinem Durchbruch. Zahlreiche deutsche Gründer nutzen das für neue Geschäftsideen.

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in der U-Bahn und Ihr Handy meldet die Interessen Ihrer Sitznachbarin. Oder Sie zücken Ihr Mobiltelefon und sehen, wo sich gerade Ihre fünf besten Freunde aufhalten. Oder Sie filmen die Theateraufführung Ihrer Tochter und Omi ist von zu Hause dabei – live.

Das alles ist bereits möglich und steht für den Anfang einer Bewegung, bei der Internet und Handy zu einer Art Ökosystem verschmelzen. Eine Gruppe innovativer deutscher Startups treibt diese Entwicklung voran. Sie verknüpfen die Telefone in mobilen sozialen Netzwerken, machen sie zu intelligenten Suchgehilfen und funktionieren sie zu Mini-Fernsehern um.

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Jahrelang enttäuschte das mobile Internet die Netzpropheten mit Flops: Das Portal I-Mode von E-Plus und der Übertragungsstandard Wap sind nur besonders prominente Beispiele. Doch mit einiger Verspätung steht das mobile Internet jetzt vor seinem Durchbruch.

Im vergangenen Jahr hat sich das mobil übertragene Datenvolumen verdoppelt. Vodafone erwartet, mit Datendiensten 2008 erstmals mehr Geld umzusetzen als mit SMS-Nachrichten. Ende des Jahres werden über 20 Prozent der Handybesitzer über schnelle UMTS-Handys verfügen, schätzen Experten, und viele werden die auch nutzen. Denn die Kosten der mobilen Datenübertragung sinken und mit Telefonen wie iPhone und Blackberry surft man unterwegs so einfach wie nie. Das ist eine Basis „auf der erstmals Mobile-Geschäftsmodelle funktionieren können“, sagt Mark Wächter Inhaber der Mobile-Strategy-Beratung MWC.mobi.

Acht Berliner Jungunternehmer haben das erkannt. Mit ihrem Startup Aka-Aki tragen Anja Kielmann, 27, Gabriel Yoran, 30, und ihre Mitgründer die Idee des sozialen Netzwerkens in die mobile Welt. Das 2007 gegründete Unternehmen entstand im Rahmen eines Diplomprojektes an der Berliner Universität der Künste. Aka-Aki-Mitglieder laden sich ein kleines Programm auf das Handy, das sich anschließend in der U-Bahn, auf Messen oder in der Flughafenwartehalle nach anderen Mitgliedern umsieht. Das funktioniert über die in allen gängigen Telefonen vorhandene Funkverbindung Bluetooth.

Nähert sich ein anderes Mitglied, vibriert das Handy. Man kann das Programm aber auch so einstellen, dass sich das Telefon nur dann meldet, wenn ein Mensch in der Nähe ist, der sich für französische Arthaus-Filme interessiert – oder eine Frau, die ihren Status als „Single“ definiert. Wie auch immer: Mitglieder, die in der gleichen Bar sitzen, können gegenseitig ihre Interessen abgleichen. Passt alles, schicken sie eine Nachricht, die persönliche Ansprech-Hürde fällt weg. Damit ist Aka-Aki auch so etwas wie ein Eisbrecher für Schüchterne.

Geld will Aka-Aki durch Kooperationen mit anderen Netzwerken verdienen und mit Bluetooth-Werbung. Stationen, die Handys mit Werbebotschaften beschießen, stehen schon heute in mehreren deutschen Großstädten. Vier Wochen nach dem offiziellen Start haben sich bei Aka-Aki schon einige tausend Mitglieder angemeldet.

Mobile Communities gehören „zu den Top-Themen des Jahres“, sagt Roman Friedrich, Mobilfunk-Experte und Geschäftsführer der Beratungsfirma Booz Allen Hamilton. Von Köln aus knüpft Qeep ein mobiles soziales Netz, und in München wird die Community Itsmy betrieben, eine Art Handy-Myspace. Natürlich entwickeln auch Web-2.0-Größen wie Facebook, Xing und StudiVZ mobile Funktionen. Das Rennen um die Herrschaft im mobilen Mitmach-Netz ist in vollem Gange.

Wer glaubt, mehr Privatsphäre könne man nicht preisgeben, kennt Qiro noch nicht. Das 2006 aus den Labors der Deutsche Telekom ausgegründete Unternehmen treibt die Entwicklung von „Location Based Services“ voran. Dabei meldet das Telefon an einen Zentralrechner, wo sich der Nutzer aufhält. Qiro liefert dazu passende Informationen auf das Handy-Display.

Ortsbasierte Dienste vereinfachen die Suche nach allem möglichen: der nächste Geldautomat, Restaurants in der Nähe des Hotels, das Kinoprogramm und Öffnungszeiten. Wer will, sieht auf einer Karte, welche Freunde gerade in der Stadt sind und ob die Kinder noch im Garten spielen.

Wo sich die Teilnehmer aufhalten, erfahren Dienstleister wie Qiro über den Netzbetreiber oder einen GPS-Empfänger mit dem viele Handys neuerdings ausgestattet sind. Bei der Ortung kann in Zukunft auch eine Technik helfen, die am Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen entwickelt wurde. Sie nutzt drahtlose Internet-Zugangspunkte: Jeder Ort wird über die Signalstärken mehrerer WLAN-Basisstationen definiert.

Das Münchner Startup Aloqa arbeitet mit einem Hybrid aus Funkzellen-, GPS- und WLAN-Ortung. Das Unternehmen stellt seine Plattform Partnern wie sozialen Netzwerken oder Unternehmen zur Verfügung. Im Auftrag eines Medienkonzerns haben die Münchner gerade einen elektronischen Babysitter entwickelt. Eltern klemmen ihrem Kind einen Anhänger an den Rucksack und können dann im Netz verfolgen, wo sich der Spross herumtreibt. Verlässt er die erlaubte Spielzone, den Garten oder den Schulhof, sendet das Gerät eine Textnachricht an die Eltern. Weitere Anwendungsmöglichkeiten, etwa für affären-gefährdete Ehemänner, seien reine Theorie, heißt es bei Aloqa.

EIn Wachstumsmarkt. Die Analysten des Beratungsunternehmens Strategy Analytics erwarten, dass das Geschäft mit ortsbezogenen Diensten von 200 Millionen Dollar im Jahr 2006 auf 1,2 Milliarden Dollar im Jahr 2011 zulegen wird. Zwar fantasieren Mobilfunkspezialisten schon lange von solchen Funktionen. Doch erst jetzt werden die Ideen umgesetzt, weil immer mehr Handys mit Empfängern für das Satellitennavigationssystem GPS ausgestattet sind und weil die Geräte so leistungsstark sind wie nie zuvor.

Mobile, handybasierte Informationsdienste werden laut Experten wie Dan Bieler, Telekommunikationsanalyst beim Beratungsunternehmen IDC, auch in Unternehmen an Bedeutung gewinnen. Mit der Aloqa-Software kann die Zentrale beispielsweise überwachen, wo im Land die Außendienstkollegen stecken. Genauso lassen sich Pflege-Fachkräfte oder die Route der Fahrer von Logistikdiensten steuern.

Im privaten Umfeld dürften sich für ortsbezogene Dienste auf dem Handy zunächst junge Menschen interessieren, „die bereits mit dem Mobiltelefon als multifunktionalem Kommunikationsgerät groß geworden sind“, sagt IDC-Mann Bieler. Die jungen Nutzer werden die mobile Revolution antreiben – so wie sie es schon bei Online-Videos im Internet getan haben.

Die amerikanische Internet-Videoplattform Youtube wächst so schnell wie nie zuvor. Im Dezember 2007 haben die Amerikaner erstmals über zehn Milliarden Videos im Netz angeschaut. Und viel deutet darauf hin, dass sich der Erfolg der Bewegtbilder mobil fortsetzt. Die Experten von Informa Telecoms & Media schätzen, dass die weltweiten Erlöse mit mobil angesehenen Videos von 736 Millionen Dollar im Jahr 2007 auf 4,8 Milliarden Dollar bis 2012 zulegen werden.

Viif ist ein Pionier in dem Geschäft. Das Berliner Startup, dessen Name ein Extrakt aus Video-to-Fon ist, transportiert selbstgedrehte Filme live ins Netz und bringt professionelle Inhalte, wie Nachrichten und Musikclips, auf das Telefon.

Die Video-Dateien werden in Echtzeit per Videoanruf auf die Viif-Plattform übertragen. Dort kann man die Filme speichern, an Freunde weiterleiten oder in einem Weblog abspielen. Die Kosten für so einen Anruf liegen je nach Netzbetreiber zwischen 0 und 58 Cent pro Minute. Rund 20 000 Nutzer haben seit dem Start im Dezember 100 000 solcher Videoanrufe getätigt. Die Viif-Gründer Daniel Höpfner, 31, und Steffen Brünn, 32, lernten sich bei ihrer Arbeit für ein Startup im Silicon Valley kennen. Doch ihr Unternehmen gründeten sie in Deutschland, „weil die Europäer den Amerikanern bei mobilen Geschäftsideen voraus sind“, sagt Höpfner.

Neuland betritt auch das Startup Mando.tv. Mit ihrem Dienst Dailyme.tv bieten sie eine Art Fernsehen à la carte. Die Nutzer stellen ihr Programm im Internet zusammen und schicken es per Mausklick auf das Handy. Inhalte-Lieferanten sind ProSieben, Sat.1, N24, Wetter.com, Deutsche Welle, und der Musiksender MTV. Der Start des neuen Mini-Fernsehens war gut: Dailyme gibt es seit März und nach wenigen Wochen haben Nutzer rund 60 000 Clips auf dem Handy angesehen.

Aber ein Problem haben die Jungunternehmer noch: Nach dem Report  „The Netsize Guide 2008“ nutzen 75 Prozent der Menschen das mobile Internet nicht, weil es ihnen zu teuer ist. Die Kosten der Datenübertragung sind zwar gesunken. Aber damit die Dienste erfolgreich sein können, müssen sich Abo-Modelle durchsetzen. „Das ist für viele Startups überlebenswichtig“, sagt Mobile-Experte Wächter. Er erwartet, dass die Kosten für mobile Datenflatrates noch in diesem Jahr signifikant sinken. Doch selbst dann wird es noch Monate dauern, bis sich die neuen Angebote durchsetzen. So lange müssen die Jungunternehmer durchhalten. Hilfe könnte von den großen Telekommunikationsunternehmen kommen: „Die schauen sich die Startups genau an“, sagt Booz-Allen-Experte Friedrich. „Da werden wir sicher noch einige Beteiligungen sehen.“

Noch Fragen?  Dann schreiben Sie eine SMS an die Nummer 44044. Das 2007 gegründete Berliner Startup Hiogi ist eine Auskunft für unterwegs. Jede Frage kostet 39 Cent – Antworten suchen Nutzer zu Hause am Rechner, die dafür mit Gewinnen belohnt werden.

Auch das ist die neue mobile Welt: Wer unterwegs ist, wird künftig durch Hunderte Suchergebnisse klicken können. Aber das will vielleicht nicht jeder.

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