Studien zeigen, dass sich die Zahl unserer Freunde und Bekannten in den vergangenen zehn Jahren – dank Internet – verdoppelt hat. Dabei geht es immer öfter auch darum, diese Sozialnetze zu ökonomisieren: Ein paar gute Freunde sind wertvoll; viele Freunde machen wertvoller. Längst mutieren diese Beziehungen zu sozialen Gradmessern. Wer etwa im deutschen Business-Club Xing kaum namhafte Entscheider zu seinem Netzwerk zählt, ist offenbar selbst weder namhaft noch einflussreich. Und wer auf StudiVZ noch nie „gegruschelt“, sprich angemailt wurde, gilt in der Gemeinschaft schnell als Ladenhüter. Das Horrorszenario aller Netzwerker: Stell dir vor, du gehst ins Netz und keiner will dein Freund sein! War die Attraktivität eines Menschen bisher durch körperliche Attribute und beruflichen Erfolg geprägt, so kommen künftig drei weitere Merkmale hinzu: die Fähigkeit im Netz zu kommunizieren, der Verlinkungsgrad sowie dessen Qualität. Aus „Mein Haus, mein Auto, meine Frau“ wird „Mein Space, mein Video, meine Freunde“. Analog muss sich jeder genau überlegen, mit wem er sichtbar Kontakt hält, was er wo und wie mitteilt und welchen Einfluss das auf sein jetziges wie künftiges Image hat. Schließlich ist der Internet-Leumund längst ein wichtiger Karrierefaktor (siehe WirtschaftsWoche 47/2006). Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa hat diesen Effekt zu einem modernen kategorischen Imperativ zusammengefasst: „Handle jederzeit so, dass die Zahl deiner Anschlussmöglichkeiten größer wird, denn du weißt nie, welche Optionen morgen wichtig werden.“ Es ist ein schmaler Grat zwischen Selbstentblößung und Selbstvermarktung, auf dem die Menschen virtuell balancieren. Mit dem Mitmach-Internet verschmelzen zusehends Online- und Offline-Welt und damit auch die Identitäten der Nutzer. Wo sich einst der „Lilalaunebär“ oder „SuesseMaus15“ hinter einem Pseudonym verschanzten, tauchen heute Klarnamen auf: Der Anteil der fiktiven Charaktere auf den Plattformen für Social Networking nimmt kontinuierlich ab. Ein Grund dafür sind sicher auch die zunehmenden Erfolgsgeschichten aus dem Netz. Immer wieder schaffen es Talente im Internet zu einiger Berühmtheit, die ihnen bisweilen auch im realen Leben nützt. So stellen Hobbyfotografen ihre Bilder im Netz vor und hoffen, Jobs von internationalen Magazinen zu bekommen; Rockbands wollen entdeckt werden, und selbst Textautoren finden ein nie gekanntes Forum – sei es in ihren Blogs oder auf Scribd, eine Art Youtube für Geschriebenes. Der Düsseldorfer Rechtsanwalt Udo Vetter wurde beispielsweise erst durch sein „Lawblog“, in dem er seit etwa zwei Jahren über den Anwaltsalltag und das deutsche Rechtssystem schreibt, überregional bekannt. Unter Bloggern zählt er seitdem zu den Stars – und auch die Zahl der Erstmandanten, die ihn aus dem Internet kennen, steigt inzwischen stark an. Katrin Bauerfeind, Moderatorin der Internet-Sendung „Ehrensenf“, wiederum saß schon bei Harald Schmidt auf der Couch. Bei 3Sat moderierte sie im Februar das „Berlinale-Journal“. Die beiden Frankfurter Abiturientinnen Lynne und Tessa sorgten mit ihren Playback-Videos für Furore: Im heimischen Wohnzimmer tanzten und bewegten sie ihre Lippen zu Charthits wie „Livin’ la vida loca“ von Ricky Martin. Dabei schauten ihnen binnen weniger Monate Millionen Zuschauer auf Youtube zu. Die Playback-Gören wurden erst zu Web-Stars und bekamen zu Pfingsten eine eigene Show auf RTL II. Und erst vor wenigen Tagen hat der Sänger und Pop-Produzent Justin Timberlake die 18-jährige Niederländerin Esmée Denters unter Vertrag genommen. Auch sie hatte vor einer Web-cam Hits nachgesungen und ins Netz gestellt. Das Netz als globale Talentprobe. Entscheidend für den beruflichen Erfolg ist künftig vielleicht weniger, wie wir unsere Zeit managen, als vielmehr, wie wir den Grad unserer Aufmerksamkeit und unser Image im Web koordinieren, um aus der Masse hervorzustechen. Dass ein Scheitern dieser Mission im Netz genauso transparent wird, übersehen die meisten lieber.
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