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Internet: Werd! Mein! Freund!

von jochen.mai@wiwo.de und sebastian matthes

Das Internet wird zum Schauplatz permanenter Aufmerksamkeitssuche und Selbstentblößung. Wissenschaftler prophezeien dramatische Veränderungen für die Kommunikation, für Beziehungen – und unser Denken.

Das Internet hat die zwischenmenschliche Kommunikation bereits in weiten Teilen verändert,  dpa
Das Internet hat die zwischenmenschliche Kommunikation bereits in weiten Teilen verändert, Foto: dpa

Jenna aus Deutschland versucht gerade, „ihren verkaterten Kopf zur Produktivität zu zwingen“. Luijt aus Holland fragt sich, was ein digitales Büro ist, kurz darauf notiert Bonzai aus Japan, er werde gleich Essen gehen und sich danach eine Weile ins Gras legen. Camskee aus England wiederum findet nur: „Das Leben ist... hart. Haha.“ Das ist das Protokoll von zehn Sekunden Internet. Zehn Sekunden ungeniertes Geschnatter – eine chaotische Abfolge von Alltagsbanalitäten in maximal 140 Zeichen, die der Welt mitteilen, was Hinz und Kunz gerade machen. Das ist Twitter.com. Eine Art virtueller Gedankenlokus, der vom Laptop, Mobiltelefon oder Blackberry aus befüllt wird und der überquillt. Die Nutzerzahlen der US-Seite verdoppeln sich im Monatstakt, dabei ist sie nur eine von zahlreichen dieser Art. Vielen gilt das Phänomen nach Google, Myspace und Youtube bereits als das nächste große Ding im World Wide Web. Dabei ist es nur der nächste Schritt. Explosionsartig steigt die Zahl der Kommunikationskanäle im Internet, analog dazu steigt der Mitteilungsdrang. Das Ergebnis: Rauschen statt Relevanz. Wie ein Virus breiten sich Belanglosigkeiten, flüchtige Notizen und peinliche Eingeständnisse aus und beseelen das Web mit Meinungskakophonie und Blabla. So weit die Betriebsoberfläche. Was für Kritiker bloß Ausdruck kollektiver Langeweile und Publicity für Profilneurotiker ist, stellt für Psychologen und Kommunikationswissenschaftler jedoch den Beginn einer neuen Ära dar: Was da entsteht, sei eine neue Form des Miteinanders – mit deutlich weniger Privatsphäre, neuen Statussymbolen und bedenklichen Auswirkungen auf unser Denken. E-Mail, Mobiltelefon, Blackberry, Instant Messenger, Weblogs, Podcasts, Videoclips, virtuelle Clubs und Netzwerke, Chatrooms, Online-Fotoalben, Foren und jetzt: Twitter – wir kommunizieren mittlerweile rund um die Uhr und rund um den Globus. Es piept, es klingelt und vibriert überall und gleichzeitig, und viele machen das alles freiwillig mit. Begeistert geradezu. So wie Kai Müller. Der 29-jährige WebDesigner aus Köln arbeitet schon berufsbedingt parallel mit Grafiksoftware, Web-Seiten-Editor und FTP-Programm zum Hochladen seiner Seiten. Gleichzeitig kommuniziert er alle zehn Minuten per Instant Messenger mit seinen Kollegen, beantwortet rund 80 Mails am Tag (ohne Spam), liest per Feedreader rund 400 individuell ausgewählte Web-Seiten, sobald diese neue Artikel veröffentlichen, und schreibt parallel zwei eigene Blogs, etwa Stylespion.de. Auch hierbei hat er eingehende Kommentare und Besucherzahlen ständig im Blick. Alles in allem also mindestens zehn Bildschirmfenster, aus denen es ununterbrochen bimmelt, blinkt und brummt. „Es macht mir nichts, an mehreren Baustellen gleichzeitig zu arbeiten“, sagt Müller. Andererseits weiß er auch: Wenn er sich nur einen Tag ausklinkt, muss er am nächsten „schon die doppelte Infomenge bearbeiten“. Schon heute bleibt deshalb sein privater Rechner mitten im Wohnzimmer ständig an. Kaum eine Fernsehsendung flimmert über den Schirm, ohne dass er gleichzeitig Mails beantwortet oder bloggt. „Wenn ich einen Film am Stück sehen will, muss ich ins Kino gehen“, gibt Müller zu. Erst kürzlich ergab eine Studie unter amerikanischen Internet-Nutzern, dass die Zahl der Medien, die sie parallel einsetzen, stärker steigt als die Zeit, die sie online verbringen. Es ist nur eine Frage von Monaten, bis die Preise für die mobile Internet-Nutzung purzeln. Dann werden auch die letzten Winkel unseres Lebens mit der Cyberwelt verdrahtet sein – das Warten an der Bushaltestelle genauso wie der Flug nach London oder der Familiennachmittag am Baggersee.

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