Anonymbewerbung: Die Schere im Lebenslauf

Anonymbewerbung: Die Schere im Lebenslauf

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Anonymisierte Bewerbungen verbessern die Kandidatenauswahl

von Manfred Engeser

Erste Erfahrungen in Unternehmen und Behörden zeigen: Anonymisierte Bewerbungen verbessern die Kandidatenauswahl – wenn ein effizientes Verfahren gewählt wird.

Abgeschlossenes Ingenieurstudium, Berufserfahrung, ansprechendes Anschreiben: Die Bewerbung auf die Traineestelle bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) macht einen guten Eindruck auf Gertraude Brunenberg. Also lädt die Psychologin den Bewerber zum Assessment-Center ein.

Erst als sie die Einladung verschickt, sieht Brunenberg, die im psychologischen Dienst der BA Nordrhein-Westfalen über Neueinstellungen mit entscheidet, wer hinter der Bewerbung steckt: Mit Anfang 40 und mehr als zehn Jahren im Job passt der Kandidat nicht recht in das übliche Schema der Trainee-Bewerber.

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„Der Kandidat hat fachlich überzeugt“, sagt Brunenberg. „Aber hätte er sich ein Jahr früher beworben, hätte er es wohl schwerer gehabt.“

Der Grund: Die BA NRW hat die Traineestellen 2011 erstmals im anonymisierten Verfahren vergeben. Dafür löschten drei Mitarbeiter der Personalabteilung in tagelanger Kleinarbeit und Hunderten Bewerbungsmappen jegliche Hinweise auf Persönliches. Sie schwärzten Foto, Name, Alter, Geburts- und Wohnort sowie sämtliche Jahreszahlen, die Rückschlüsse auf den Bewerber ermöglicht hätten. Dessen Identität wurde erst enthüllt, nachdem er zur nächsten Runde zugelassen war – aufgrund seiner fachlichen Qualifikationen.

„Die Schere im Kopf muss weg“, sagt Christine Lüders. Deshalb hatte die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes im Herbst 2010 ein Pilotprojekt für anonymisierte Bewerbungsverfahren gestartet. Neben der BA NRW sammeln derzeit Telekom und die Deutsche Post, die deutschen Töchter des Kosmetikkonzerns L’Oréal und des Konsumgüterriesen Procter & Gamble, der Münchner Mittelständler Mydays, das Bundesfamilienministerium und die Stadt Celle Erfahrungen mit den verfremdeten Bewerbungen.

111 Jobs wurden in den ersten Monaten des Projekts nach diesem Verfahren vergeben, 4000 Bewerber schickten ihre Unterlagen ins Rennen. Resultat: Nicht nur die Unternehmen begrüßen eine „Fokussierung auf Qualität“, auch die Bewerber sind angetan: 45 Prozent halten anonyme Bewerbungen für besser, 44 Prozent sehen darin keinen Mehraufwand.

Angesichts des Fachkräftemangels bleibt auch keine Wahl: Ob Ältere, Frauen, Migranten – um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen Unternehmen qualifizierte Mitarbeiter in allen Schichten suchen. „Manchmal“, sagt Lüders, „löst aber schon der Blick auf ein Bewerbungsfoto unbewusst Vorurteile aus.“

Handicap gutes Aussehen

Das bestätigt eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München: Welche Bewerber zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden, ist auch abhängig von der Selbstwahrnehmung des Chefs. Hält sich dieser für gutaussehend, haben äußerlich attraktive Bewerber größere Chancen auf den Job. Stuft er sich weniger attraktiv ein, ist er neidisch auf gut aussehende Bewerber und sein Blick auf wichtigere Qualifikationen getrübt.

Laut einer Untersuchung des Instituts für die Zukunft der Arbeit schmälert ein türkisch klingender Name die Chance auf einen Praktikumsplatz um 14 Prozent, bei Mittelständlern gar um 24 Prozent.

Ein Risiko, das Tamara Hilgers ausschalten will. „Wir sind zwar eine bunte Truppe“, sagt die Personalchefin des Geschenkedienstleisters Mydays, der derzeit 70 Mitarbeiter aus zehn Ländern beschäftigt. Doch wolle Mydays sein Personal künftig „noch objektiver auswählen“.

Also forderte Mydays Bewerber auf, ihre Angaben auf zwei Online-Formularen getrennt zu erfassen: hier die beruflichen Fähigkeiten, dort Alter, Geburts- und Wohnort oder Nationalität. Weil Hilgers’ Team auf die persönlichen Angaben keinen Zugriff hatte, konnte es sich ausschließlich auf die Beurteilung fachlicher Kompetenzen konzentrieren.

Ein Verfahren, dem sich wohl bald auch NRW-BA-Chefin Christiane Schönefeld anschließen wird. Denn ihr ist klar: „Nachträglich schwärzen ist zu aufwendig.“

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