Arbeitsmarkt: Immer mehr Deutsche suchen ihre Zukunft im Ausland

Arbeitsmarkt: Immer mehr Deutsche suchen ihre Zukunft im Ausland

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Reisepass

von Andreas Henry

Noch nie sind so viele Deutsche ins Ausland ausgewandert – am beliebtesten sind die Schweiz, USA und Polen. Doch die Krise bremst die Arbeitsmärkte fast überall und erschwert Migranten den Start. Wer trotzdem noch gefragt ist und wo.

Jetzt oder nie. Mit 33 Jahren stellte der Diplom-Kaufmann Dennis Kuhlmann fest, dass er drauf und dran war, ein Abenteuer zu verpassen. Seine Freunde waren schon während des Studiums an der Uni Kiel für mehrere Semester ins Ausland gegangen. Er dagegen hatte daheim seine Scheine gemacht und fleißig für Regatten trainiert. Aber könnte er als Segel-Leistungssportler nicht genauso gut in Sydney die Nase in den Wind halten?

Kuhlmann ging aufs Ganze. Anfang 2008 kündigte er seinen Job, besorgte sich ein australisches Touristenvisum und packte seine Koffer. Im Nachhinein wundert er sich über seine Hals-über-Kopf-Aktion: „Ich kannte niemanden, mein Englisch war nicht perfekt, und ich hatte kaum recherchiert, wie gut der Arbeitsmarkt da unten wirklich sein würde.“ Dafür wusste er von früheren Reisen, wie Australier ticken: Wer selbstbewusst auftritt, gute Laune verbreitet und gern über Sport redet, hat schon halb gewonnen.

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Mit Networking zum Erfolg

Perfekte Voraussetzungen für den Segler, der sich strategisch geschickt erst in einer Sprachschule einschrieb, danach dann in den beiden renommiertesten Yachtclubs von Sydney. Von dort aus netzwerkte er. So lange, bis ihm jemand eine feste Stelle in einer Unternehmensberatung anbot. Den Vertrag unterschrieb er im Juli 2008 – zwei Wochen, bevor er das Land hätte verlassen müssen.

Glück gehabt? „Wer in Australien etwas kann und eine klare Vision hat, findet auch Arbeit“, sagt Kuhlmann. „Gute Leute werden hier trotz Krise immer noch gesucht.“ Solche Sätze hört man in Deutschland derzeit selten. Kein Wunder.

Kurzarbeit hier, Einstellungsstopps und Entlassungen dort treffen Arbeitnehmer aller Fachrichtungen und Ebenen. Doch auch ehrgeizige Berufseinsteiger haben es schwer. Nur ein Drittel der 18- bis 34-Jährigen findet nach Ausbildung oder Studium nahtlos einen Job, 43 Prozent gelingt dies erst auf Umwegen.

Erstmals mehr Aus- als Einwanderer

Wer den Einstieg schafft, kann häufig trotzdem nicht langfristig planen. Über 30 Prozent der Erwerbstätigen unter 35 haben befristete Arbeitsverträge, bei Berufseinsteigern unter 24 Jahren sind es gar 40 Prozent, so eine TNS Infratest-Umfrage.

Nicht wenige mischen daher die beruflichen Karten neu, anstatt auf ein gutes Blatt zu warten.

Erstmals seit fast einem Vierteljahrhundert haben in 2008 mehr Menschen Deutschland verlassen als eingewandert sind. Insgesamt 738.000 Menschen wanderten aus, gab das Statistische Bundesamt im Juli bekannt.

Zugegeben, die Zahlen sind etwas unscharf – denn dort versteckt sich der Immigrant mit deutschem Pass, der als Rentner in sein Heimatland zurückkehrt, ebenso wie ein Student, der für ein Jahr nach Tokio geht.

Daher listen die Statistiker auch explizit die Bundesbürger auf, die hier zur Welt kamen: Insgesamt verließen von denen rund 175.000 im vergangenen Jahr das Land – die höchste Zahl seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1954. Nur etwa 108.000 kamen wieder zurück.

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