Bewerbungen sind schlimmer als Zahnschmerzen

Bewerbung: Anschreiben sind schlimmer als Zahnschmerzen

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Der Lebenslauf ist noch in Ordnung. Das Anschreiben fällt Bewerbern schwer.

Wer in der Metzgerei, der Gastronomie oder der IT arbeiten will, muss keine Essays schreiben können. Außer, man bewirbt sich gerade. Dann erwarten Unternehmen plötzlich feinste Prosa. Die Bewerber sind genervt.

„Ein Anschreiben für eine Bewerbung verfassen ist wie Sauerbraten machen: Ich würde gerne, kann‘s aber nicht.“

1.034 Nichtakademiker hat das Stellenmarkt-Portal meinestadt.de gefragt, wie leicht ihnen das Schreiben von Bewerbungen fällt. Was den Bewerbern dabei in den Sinn kam, ist häufig ziemlich unangenehm. Sie gaben Vergleiche wie „Bügeln müssen“, „eine Strafarbeit in der Schule, „Besuch beim Zahnarzt“ an. Andere sagten gleich, Bewerbungen schreiben sei die Hölle.
Insgesamt bezeichneten 55 Prozent der Befragten das Anschreiben als größte Hürde auf dem Weg zum neuen Job. Er könne sein Potenzial einfach nicht schriftlich rüberbringen, klagte einer.

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Das Problem ist verständlich. Keiner der Befragten ist Schriftsteller, Rhetoriker oder Sprachwissenschaftler. Es handelt sich um Angestellte und Arbeiter, alle mit Berufsausbildung, keiner mit einem abgeschlossenen Studium. Trotzdem verlangen potentielle Arbeitgeber von der Altenpflegerin, dem Fleischereifachverkäufer, der Technikerin und dem Schlosser, dass sie erst einmal schriftlich von sich überzeugen.

Tipps für den ersten Satz im Bewerbungsschreiben

  • Zuverlässigkeit

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    (Quelle der Beispiele: Kienbaum)

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    individuelle Bedürfnisse erkennen und gemeinsam maßgeschneiderte Strategien und Lösungen umsetzen – so stelle ich mir meinen Berufseinstieg als Junior-Berater vor.

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    (eigenes Beispiel)

  • Oder ganz mutig

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    von mir zu Hause bis zu Ihnen sind es zu Fuß genau 15 Minuten. Das bedeutet: Während meine Kollegen noch im Stau stehen, könnte ich morgens schon der erste Mitarbeiter in der Firma sein.

    (eigenes Beispiel)

Bevor es um die handwerklichen Fähigkeiten geht, erwarten die Unternehmen spannende Motivationsschreiben. Der erste Satz soll neugierig machen, der Inhalt fesseln, der Schlusssatz eine Pointe haben. Die Personalabteilungen wollen gute Kurzgeschichten, statt langweiligem Einheitsbrei. Wer „Hiermit bewerbe ich mich als ...“ schreibt, landet auf dem Absage-Stapel.

Natürlich gibt es immer noch 45 Prozent Bewerber, die sagen, dass ihnen das Anschreiben keine Mühe mache. Allerdings greift von denen jeder Vierte auf eine Vorlage zurück, die nur minimal für die jeweilige Bewerbung angepasst wird. Sechs Prozent davon nutzen Anschreiben aus dem Netz, ein Prozent lässt sich das Anschreiben von einem Ghostwriter erstellen.

Bewerbung vom Ghostwriter Wer Bewerbungen vom Auftragsschreiber nutzt

Wann haben Sie eigentlich Ihre letzte Bewerbung geschrieben? Wer mitten im Berufsleben steht, hat häufig weder Zeit noch Lust auf das Formulieren einer Bewerbung. Warum nicht einen Ghostwriter engagieren?

Ghostwriter für Bewerbungen. Quelle: Marcel Stahn für WirtschaftsWoche

Die Aussagekraft eines Anschreibens – besonders bei den Ausbildungsjobs – darf ohnehin bezweifelt werden. Dass ein Kellner sich um einen Job bewirbt, weil er schon als kleiner Junge davon geträumt hat, in diesem einen Restaurant Getränke zu servieren, ist nicht unmöglich, aber unwahrscheinlich. Auch die durchschnittliche Köchin sucht vermutlich einen Job bei einem Arbeitgeber, der pünktlich und fair bezahlt, einfach zu erreichen ist und wo sich die Überstunden im Rahmen halten. „Ich möchte bei Ihnen arbeiten, weil ich hoffe, dass Sie kein Ausbeuterbetrieb sind“, sollte im Anschreiben aber trotzdem nicht stehen. Auch nicht, wenn es stimmt.

Entsprechend sind 60 Prozent der Fachkräfte aus dem Tourismus- und Gastgewerbe davon genervt, Anschreiben verfassen zu müssen. Im Handwerk, in der Produktion, im Rechts- und interessanterweise auch im Personalwesen sind es mehr als 57 Prozent. Also bei denen, die unter anderem für das Lesen und Bewerten von Bewerbungen bezahlt werden.

Wenn selbst die keine Lust mehr haben, eine klassische Bewerbung zu schreiben, sollten Unternehmen vielleicht ihren Bewerbungsprozess überdenken. Das gilt insbesondere für Unternehmen, die stark umworbene Fachkräfte suchen. Die Krankenschwester oder der Elektrotechniker bewerben sich nämlich im Zweifelsfall bei dem Unternehmen, dass sie nicht schon vor dem ersten Gespräch frustriert.

Was Fachkräften mit Berufsausbildung bei einem Job am wichtigsten ist

  • Sicherer Arbeitsplatz

    Auf dem Spitzenplatz mit 63,7 Prozent an „sehr wichtig“-Antworten führt die „Sicherheit des Arbeitsplatzes“ das Ranking an.

    Quelle: Befragung des Stellenportals meinestadt.de unter 42.000 Fachkräften mit Berufsausbildung

  • Pünktlichkeit der Gehaltszahlung

    Die pünktliche Gehaltszahlung wird von 60,3 Prozent sehr hoch priorisiert.

  • Job in der Nähe vom Wohnort

    Fast der Hälfte der Befragten ist die Nähe des Arbeitsplatzes zum Wohnort sehr wichtig (45,2 Prozent). Insgesamt gaben Prozent an, im Umkreis von max. 30 km von ihrem Wohnort nach einem Job zu suchen.

  • Gute Beziehung zu den Kollegen

    Genauso wichtig (45,2 Prozent) wird eine gute Beziehung zu Arbeitskollegen eingestuft.

  • Geregelte Arbeitszeit

    39,9 Prozent wollen geregelte Arbeitszeiten.

  • Bezahlte Überstunden

    36,8 Prozent haben gar nichts gegen Überstunden - so lange diese bezahlt werden.

  • Karriere

    Nur 23,1Prozent geben an, dass die Möglichkeit für den nächsten Karriereschritt sehr wichtig sei.

  • Gehalt

    Ein überdurchschnittliches Grundgehalt ist nur für 20,2 Prozent ein sehr wichtiger Faktor bei der Arbeitsplatzwahl.

Unternehmen wie Telefonica, eismann oder Henkel tun dies bereits. Sie setzen auf mobiles Recruiting, also Bewerben per Smartphone und sogenannte One-Klick-Bewerbungen, mit denen sich Bewerber mit einem Klick über ihr Linkedin- oder Xing-Profil bewerben können. Auch die Daimlertochter Daimler TTS setzt auf die 15 Sekunden Bewerbung. Wenn der Lebenslauf überzeugt, klingelt beim Bewerber das Telefon. Die Mehrheit der deutschen Unternehmen - je nach Untersuchung sind es 63, 80 oder 87 Prozent - besteht jedoch weiterhin auf ein Anschreiben. Dabei wäre dessen Abschaffung nicht der Untergang der deutschen Wirtschaft, sondern eine zeitgemäße Methode, Kosten einzusparen und attraktiver für Fachkräfte zu werden.

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