Dramatischer Lehrermangel: Rettungsaktion für die berufliche Bildung

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Dramatischer Lehrermangel: Rettungsaktion für die berufliche Bildung

von Ferdinand Knauß

Nicht nur die Schüler, sondern vor allem auch die Lehrer an Berufsschulen werden knapp. Jetzt ruft der Stifterverband zur Umkehr auf: Berufsschullehrer, dringend gesucht!

„Schockiert“ sei er, sagte Volker Meyer-Guckel, Stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbands, am Montag im Westfälischen Industrieclub in Dortmund. Schockiert, nachdem er sich über den Zustand des Systems der dualen Berufsbildung informiert habe. Diesem gehen einerseits durch den Run auf die universitäre Bildung – Stichwort Akademisierungswahn – die Schüler verloren, so dass rund 40.000 Lehrstellen in Deutschland im vergangenen Jahr frei blieben und Tausende Betriebe vergeblich nach jungen Leuten suchen. Doch die wollen lieber studieren. Seit 2013 liegt die Zahl der Studienanfänger über der der Lehrlinge.

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So viel verdienen Auszubildende in den einzelnen Branchen pro Monat

  • Durchschnittsverdienst

    Laut dem aktuellen Azubi-Report 2016 von Ausbildung.de ist der Durchschnittsverdienst eines Azubis während der gesamten Ausbildung von 574 Euro auf 665 Euro brutto pro Monat gestiegen. Befragt wurden über 2000 Neu-Azubis.

    Quelle: Azubi-Report

  • Durchschnittsgehalt nach Schulabschlüssen

    Die durchschnittlichen Monatsgehälter variieren natürlich auch abhängig vom Schulabschluss des Lehrlings. So bekommen Azubis mit Fachabitur im Schnitt 706 Euro brutto im Monat, Realschüler- und -schülerinnen verdienen in der Lehre im Mittel 662 Euro und ehemalige Hauptschüler bekommen durchschnittlich 585 Euro brutto.

  • Handwerk

    Am schlechtesten bezahlt werden Lehrlinge im Handwerk - in der Regel übrigens überwiegend Hauptschüler. Im Schnitt bekommen sie in ihrer Ausbildungszeit monatlich nur 370 Euro brutto.

  • Medien

    Deutlich besser gestellt sind Auszubildende aus der Gestaltungs- und Medienbranche. Sie bekommen durchschnittlich 597 Euro brutto im Monat.

  • Transport & Logistik

    609 Euro brutto im Monat gibt es durchschnittlich für Lehrlinge in der Logistikbranche.

  • Einzelhandel

    Lehrlinge im Einzelhandel bekommen durchschnittlich 610 Euro.

  • Gesundheit & Sport

    Angehende Krankenschwestern, Pfleger, Altenpfleger und Fitness-Kaufleute bekommen durchschnittlich 619 Euro brutto im Monat.

  • Naturwissenschaften & Pharmaindustrie

    Das monatliche Durchschnittsbruttogehalt eines Lehrlings aus dem naturwissenschaftlichen Bereich liegt bei rund 675 Euro.

  • Gastronomie & Tourismus

    686 Euro brutto im Monat gibt es für angehende Köche, Restaurant- oder Hotelfachleute.

  • Technik

    Auszubildende in technischen Berufen verdienen pro Monat 690 Euro brutto.

  • Kaufmännische Berufe

    Wer im Bereich Büro und Personal eine Lehre macht, bekommt im Schnitt 732 Euro brutto pro Monat.

  • Finanzen & Steuern

    Wer sein Geld mit Geld verdienen möchte, bekommt während seiner Ausbildung durchschnittlich 750 Euro brutto im Monat.

  • IT

    Wer eine IT-Ausbildung macht, bekommt während seiner gesamten Lehre pro Monat durchschnittlich 775 Euro brutto.

  • Tierpflege

    Spitzenreiter sind laut dem Azubi-Report jedoch die angehenden Tierpfleger. Sie sind nicht nur die zufriedensten Lehrlinge, mit 777 Euro brutto im Monat bekommen sie auch das meiste Geld.

  • Eltern müssen finanziell mithelfen

    Unabhängig von Branche und Schulabschluss reicht das Ausbildungsgehalt aber alleine nicht aus, um ein unabhängiges Leben zu führen. Aus diesem Grund sind 62,5 Prozent der Auszubildenden darauf angewiesen, von den Eltern oder anderen Familienmitgliedern finanziell unterstützt zu werden. Oft reduzieren Auszubildende ihre Ausgaben, indem sie während der Ausbildung bei den Eltern wohnen. Ein Viertel der Befragten muss auf Ersparnisse zurückgreifen, um sich während der Zeit der Ausbildung zu finanzieren.

Doch die berufliche Bildung steht auch von anderer Seite unter einem existenzbedrohenden Druck. Der Mangel an Berufsschullehrern nimmt mittlerweile dramatische Formen an. Besonders betroffen sind die gewerblich-technischen Fachrichtungen. Es werden nicht einmal ansatzweise ausreichend Lehrer für berufsbildende Schulen an deutschen Hochschulen ausgebildet. Im vergangenen Jahr habe es, so Meyer-Guckel in ganz Deutschland nur zehn Lehramtsstudenten für Mechatronik gegeben. Da die entsprechenden Studiengänge wegen der geringen Studierendenzahlen für die Hochschulen wenig lukrativ seien, würden sie oft abgeschafft. Eine fatale Abwärtsspirale.

Und hier will der Stifterverband jetzt gegensteuern, um das Miteinander von beruflichen Schulen und betrieblichen Ausbildung, das weltweit als ein Hauptgrund für die geringe Jugendarbeitslosigkeit und generell das hohe Qualifizierungsniveau junger Arbeitskräfte in Deutschland gilt, zu retten. Der Stifterverband hat dazu eine „Berufsschullehrerinitiative“ gestartet, die er gestern in Dortmund bei einer „Kick off-Veranstaltung“ vorstellte. Im wesentlichen geht es um die Bündelung verschiedener Reformvorschläge von verschiedenen Hochschulen und Einrichtungen in einem bundesweiten "Innovationsnetzwerk Lehramt berufsbildende Schulen", in dem Hochschullehrer aus allen Bundesländern vertreten sind. Die daraus gewonnenen Erfahrungen sollen letztlich neue bildungspolitische Initiativen anregen.

Berufsleben Schüler wissen nicht, worauf sie sich einlassen

Junge Menschen, die eine Lehre machen, sind sehr zufrieden mit ihrer Ausbildung. Allerdings hatten sie vorher keine Ahnung, was in ihrem Beruf auf sie zukommt. Schuld daran haben die Schulen - und die Unternehmen.

ARCHIV - ILLUSTRATION - Ein Mann liest am 31.03.2015 in der Agentur für Arbeit in Halle (Saale) (Sachsen-Anhalt) in einer Broschüre zur Berufsausbildung. Die duale Ausbildung verliert zunehmend an Bedeutung: Fast um die Hälfte ist die Zahl der Bewerber in den vergangenen Jahren in Sachsen geschrumpft. Foto: Hendrik Schmidt/dpa (zu lsn «Bertelsmann-Studie: Weniger Lehrstellen, weniger Bewerber» vom 30.11.2015) +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa

Das Ziel: die Attraktivität der entsprechenden Lehramtsstudiengänge zu steigern, neue Zielgruppen anzusprechen und dadurch den Lehrernachwuchs langfristig zu sichern. In Deutschland fehlten, so berichtet die Berufsschullehrerin Monika Reusmann, Vorsitzende der Initiative teachmint, bis zu 1200 Lehrer pro Jahr. Die Kultusministerkonferenz gehe unverständlicherweise davon aus, dass die Unterdeckung ab 2018 behoben werden könne. Doch woher die fehlenden Lehrer kommen sollten, sei völlig unklar, wie auch Berit Heintz vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag bestätigt. Man habe keine Ahnung, was die Kultusminister der Bundesländer vorhätten, um das Problem zu beheben.

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