Flüchtlinge in Deutschland: Wie Flüchtlinge an Unternehmen vermittelt werden

Flüchtlinge in Deutschland: Wie Flüchtlinge an Unternehmen vermittelt werden

42,8 Millionen Menschen in Deutschland gehen arbeiten. Doch während es schon vielen Deutschen schwer fällt, Arbeit zu finden, haben Flüchtlinge so gut wie keine Chancen. Neue Jobbörsen und Apps sollen helfen.

Die Zahl der Minijobber und Selbständigen in Deutschland geht zurück, "bei der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung geht es dagegen weiter steil bergauf", wie Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sagt. Im zweiten Quartal 2015 stieg die Zahl der Erwerbstätigen im Vergleich zum Vorjahresquartal um 0,4 Prozent auf gut 42,8 Millionen. Trotzdem sind weiter viele auf der Suche nach einem Job und viele Unternehmen auf der Suche nach Fachkräften. Letztere werden auf das Potenzial der Flüchtlinge aufmerksam, die nach Deutschland kommen. Und nach kleinen und mittelständischen Unternehmen fordern deshalb auch immer mehr CEOs großer Konzerne klare Regeln, was die Beschäftigung von Asylsuchenden angeht.

"Auf dem deutschen Arbeitsmarkt gibt es rund eine halbe Million offener Stellen. Wenn Flüchtlinge rasch Arbeitsbewilligungen erhalten, dann können deutsche Unternehmen dieses Potenzial nutzen", sagte der Deutsche-Post-Chef Frank Appel dem "Handelsblatt". Doch die Beschäftigung dieser Menschen ist bisweilen ein Kampf gegen bürokratische Windmühlen. In Deutschland erhalten Asylbewerber bislang keine normale Arbeitserlaubnis.

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Was Flüchtlinge dürfen

  • Betriebliche Ausbildung

    Wer eine sogenannte Aufenthaltsgestattung bekommt, darf nach drei Monaten in Deutschland eine betriebliche Ausbildung beginnen. Wer geduldet ist, kann vom ersten Tag an eine Ausbildung machen. In beiden Fällen ist jedoch eine Erlaubnis durch die Ausländerbehörde nötig.

  • Praktika

    Gleiches gilt für Praktika oder den Bundesfreiwilligendienst beziehungsweise ein freiwilliges, soziales Jahr: Personen mit Aufenthaltsgestattung können nach drei Monaten ohne Zustimmung der ZAV damit beginnen, wer den Status „geduldet“ hat, darf das ab dem ersten Tag.

  • Hochqualifizierte

    Wer studiert hat und eine Aufenthaltsgestattung besitzt, darf ohne Zustimmung der ZAV nach drei Monaten eine dem Abschluss entsprechende Beschäftigung aufnehmen, wenn sie einen anerkannten oder vergleichbaren ausländischen Hochschulabschluss besitzen und mindestens 47.600 Euro brutto im Jahr verdienen werden oder einen deutschen Hochschulabschluss besitzen (unabhängig vom Einkommen).
    Personen mit Duldung können dasselbe bereits ab dem ersten Tag des Aufenthalts.

  • Nach vier Jahren Aufenthalt

    Personen mit Aufenthaltsgestattung können nach vierjährigem Aufenthalt jede Beschäftigung ohne Zustimmung der ZAV aufnehmen.

Dabei hat jeder fünfte Asylbewerber hat nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit einen Hochschulabschluss, etwa jeder dritte bringt eine Ausbildung mit, die einem deutschen Facharbeiter entspricht. Ihr Talent wird selten genutzt. Sei es wegen fehlender Dokumentation, der Sprachbarriere oder der Duldungszeit, die Flüchtlinge und Asylbewerber teilweise jahrelang in einen Zustand des Nichtstuns zwingt. "Wir sollten die ausgebildeten Fachkräfte, die zu uns gelangen, beruflich nicht ausbremsen, sondern fördern", sagt Thomas Rehder, Geschäftsführer des Personaldienstleisterts iperdi GmbH.

Entsprechend drängen Arbeitgeber auf eine Lockerung der Regel. Die Politik müsse dafür sorgen, "dass Asylbewerber nicht viele Monate vom Arbeitsmarkt ferngehalten werden", sagte der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Ingo Kramer, gerade der "Süddeutschen Zeitung". Arbeitsagentur-Chef Frank Jürgen Weise betonte, Flüchtlinge nähmen den deutschen Arbeitslosen keine Jobs weg. "Die Firmen haben so viele offene Stellen wie noch nie, und es fällt immer schwerer, diese zu besetzen."


Per App zum Job - "Ich kann arbeiten alles"

Und schließlich wollen die Menschen, die nach Deutschland flüchten, arbeiten. So wie der 40-Jährige Maschinenbauingenieur. Fünf Jahre Studium gibt er an. Guter Abschluss, mehrere Jahre Berufserfahrung. Vor sieben Monaten ist der Mann mit den eindringlichen braunen Augen aus Syrien geflohen. Jetzt sucht er einen Job in Deutschland - irgendeinen. „Ich kann arbeiten alles“, schreibt er in seiner Bewerbung. An eine Anstellung als Maschinenbauer glaubt der Ingenieur allerdings kaum. Dabei werden Maschinenbauingenieure laut Bundesagentur für Arbeit in Deutschland gerade überdurchschnittlich häufig gebraucht. Doch die Hindernisse für arbeitssuchende Asylbewerber sind gewaltig. Schon die Aufgabe, 800.000 Flüchtlingen einen Schlafplatz, Decken und Kleidung zu organisieren, droht Gemeinden vielerorts zu überfordern. Ihnen eine Zukunft - also Arbeit - zu geben, noch viel mehr.

Dabei könnte es einfach sein, haben sich zwei Berliner Studenten gedacht. Arbeitssuchende hier, Arbeit da, man müsse sie nur zusammenbringen. David Jacob und Philipp Kühn haben eine Jobbörse im Internet aufgemacht. Sie ist Teil ihrer Abschlussarbeit im Kommunikationsdesign-Studium. Sowohl Bewerber wie Firmen können auf www.workeer.de Profile anlegen. Flüchtlinge geben Beruf, Wohnort, Sprachkenntnisse an, Firmen offene Stellen und das angebotene Gehalt. Viele bieten Mindestlohn, einige unbezahlte Praktika. Doch es sind auch Jobs dabei wie der in einer Apotheke im Sauerland: Unbefristet, 3600 Euro im Monat, "Wir freuen uns auf Sie!".

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Mehr als 640 Bewerber und 780 Stellen sind derzeit öffentlich gelistet, deutlich mehr noch einsehbar für angemeldete Nutzer. Doch wie viele Arbeitsverhältnisse wirklich entstanden sind, können Jacob und Kühn nicht sagen. "Wir können nicht richtig einschätzen, ob überhaupt etwas zustande gekommen ist", erläutert Jacob. Manchmal hörten sie von Bewerbungsgesprächen - nicht aber, wie es weiter gehe.

Auch eine schwedische Firma will Flüchtlingen zu Arbeitsplätzen verhelfen - mit einer App ähnlich der Dating-App Tinder. Passen Arbeitssuchender und Arbeitgeber zusammen, öffnet sich ein Chat. Bislang ging das nur in skandinavischen Sprachen, auf Englisch, Deutsch und Spanisch. Bald sollen Flüchtlinge Lebensläufe auch in der Muttersprache hochladen können. Auch der Chat werde übersetzt, sagt Martin Tall, der Chef des Anbieters "Selfiejobs". Die neuen Funktionen sollen Mitte Dezember startklar sein. Gründe, einen Flüchtling anzustellen, gebe es einige, meinen Jacob und Kühn. Einige listen sie auf ihrer Webseite auf. Darunter: "motivierte und engagierte Arbeitskräfte", eine bereichernde "besondere Lebensgeschichte", Entlastung für das deutsche Sozialsystem. Und nicht zuletzt: "Viele von ihnen verfügen über Ausbildungen oder Studienabschlüsse in Branchen, in denen es in Deutschland an Fachkräften mangelt."

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