Jobsuche: "Bewerber müssen bewusst Regeln brechen"

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Jobsuche: "Bewerber müssen bewusst Regeln brechen"

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Bewerbung: Mit Regelbruch zum Traumjob.

Networking, Personal Branding, LinkedIn: Karriereberater lieben Trends aus den USA. Aber wie finden Menschen heute tatsächlich Arbeit? Ein Interview mit der Anthropologin Ilana Gershon.

WirtschaftsWoche: Frau Gershon, Sie haben für Ihr Buch 165 Personen befragt, die Stellen suchen und Bewerber einstellen oder beraten. Wie hat sich die Jobsuche verändert?
Ilana Gershon: Früher lag die Schwierigkeit darin, von einer freien Stelle überhaupt zu erfahren. Der Soziologe Mark Granovetter fand in den Siebzigerjahren heraus, dass wir viel häufiger über entfernte Kontakte von einer freien Stelle erfahren, statt über Freunde und Familie. Heute ist das ganz anders: Jeder weiß von einer freien Stelle, sobald sie online ist.

Zur Person

  • Ilana Gershon

    Ilana Gershon ist Anthropologin an der Indiana University in Bloomington (USA). Um herauszufinden, wie Menschen heute Arbeit finden, führte Gershon 165 Interviews mit Jobsuchenden, Recruitern, HR-Mitarbeitern und Karriereberatern und besuchte 54 Job-Workshops in der Region um San Francisco. Das Forschungsprojekt sei ernüchternd gewesen, sagt sie. Ihr Buch „Down and Out in the New Economy. How People Find (or Don´t Find Work Today)” ist im April erschienen.

Das Problem ist nicht mehr, dass der Bewerber vom Job erfährt, sondern dass das Unternehmen vom Bewerber erfährt. Viel stärker als entfernte Kontakte helfen da persönliche Empfehlungen von ehemaligen Arbeitskollegen. Netzwerkpflege bereitet vielen gerade deshalb Mühe, weil sie solche Kontakte enger pflegen müssen.

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Arbeit Was den Deutschen bei der Jobsuche Sorgen macht

Die Deutschen machen sich kaum Sorgen um ihre berufliche Zukunft: den Arbeitsmarkt halten sie für stabil, ihre Jobchancen für gut. Es gibt nur eine Sache, die ihnen Kopfschmerzen bereitet: ihr Netzwerk.

Ein Mann betrachtet Arbeitsplatzangebote in der Arbeitsagentur Erfurt. Quelle: dpa

Also wen ein Bewerber kennt, wird wichtiger, als was er kann.
Nicht nur wen, sondern auch wie er ihn kennt. Das übliche Bewerbungsverfahren deckt nicht auf, wie ein Mensch ist und was er kann. Stattdessen gießt der Bewerber eine lange Lebensgeschichte in ein kurzes Dokument und gibt verpackte Antworten auf vorhersehbare Fragen. Das sind völlig andere Fähigkeiten, als später bei der Arbeit gefragt sind. Daher sprechen Recruiter oft mit jemandem, der mit dem Bewerber gearbeitet hat. Das sagt ihnen weit mehr als die standardisierten Bewerbungsformen und Interviewfragen.
Auf manche Stelle melden sich Hunderte Bewerber. Da ist allein die Vorauswahl eine Herausforderung.
Recruiter haben mir erzählt, dass sie sich manchmal pro Bewerbung nur sieben bis zehn Sekunden Zeit nehmen. Einer meinte, er gehe durchs Alphabet, bis er genug geeignete Kandidaten habe, und schmeiße dann den Rest weg. Das nächste Mal startet er dann bei einem anderen Buchstaben.
Wie können Bewerber da dennoch auf sich aufmerksam machen?
Indem sie bewusst Regeln brechen. Ein Bewerber versah seine Bewerbung mit einem Zitat aus Star Wars („Möge die Macht mit dir sein!“) – und kriegte den Job. Der Recruiter hatte schon 20 Bewerbungen durchgesehen und war erschöpft, da brachte ihn das Zitat zum Lachen. Er fand, diese Art von Humor passe gut in sein Team.

Zugegeben: Das Beispiel ist extrem und würde kaum ein zweites Mal funktionieren. Es verdeutlicht aber, wie ein Bewerber durch einen Regelbruch auffallen und etwas über seine Person aussagen kann. Weil viele Bewerbungen sich immer ähnlicher sehen, fallen schon dezente Regelbrüche auf. Das vermindert auch das Risiko, übersehen zu werden oder negativ hervorzustechen.

Bewerbungsstrategien für den Traumjob

  • Angebotsstrategie

    Analysieren Sie, was Ihrem Traumarbeitgeber fehlt. „Das kann alles Mögliche sein, vom Youtube-Werbevideo über neue Vertriebsmethoden bis hinzu Beziehungen in einen interessanten Auslandsmarkt“, schreibt Karriereexpertin Svenja Hofert in Ihrem Buch „Die Guerilla Bewerbung“, das im Campus Verlag erschienen ist. Die Kunst ist, das Defizit vor dem Arbeitgeber zu erkennen und ihn davon zu überzeugen, dass er es mit Ihrer Hilfe beheben kann.

  • Die Kettenbrief-Strategie

    Schlagen Sie Ihr Adressbuch auf und suchen Sie zehn Kontakte heraus, die Ihnen bei der Suche nach Ihrem neuen Job behilflich sein könnten. Wichtig sind nicht nur Menschen, die direkt einen Arbeitsplatz für Sie haben könnten, sondern auch Personen, die viele interessante Kontakte haben. Schreiben Sie ein prägnantes Kurzprofil, schicken Sie es an Ihre Kontakte mit der Bitte es wiederum an zehn Kontakte weiterzuleiten.

  • Die Terminstrategie

    Persönlich miteinander in Kontakt kommen, das ist die Idee hinter dieser Strategie. Suchen Sie sich Ihren Wunscharbeitgeber und überlegen Sie, wer vor Ort der beste Ansprechpartner sein könnte. Rufen Sie einfach an, erklären Sie Ihr großes Interesse an dem Unternehmen und bitten Sie um einen kurzen Termin zum Kaffeetrinken. So ist der erste Kontakt hergestellt.

  • Die Anti-Aging-Strategie

    Suchen Sie sich eine Aufgabe, die Ihrem Alter entspricht. Das hört sich erstmal hart an, ist aber ganz plausibel. Bewerben Sie sich nicht auf Inserate, die mindestens zwei bis drei Jahre Berufserfahrung voraussetzen, denn hier liegen nicht Ihre Stärken. Für viele ältere Führungskräfte, die es am Ende der beruflichen Laufbahn nochmal wissen wollen, ist die Position des Interimsmanager eine geeignete Aufgabe. Die Arbeitsagentur oder private Vermittler helfen gerne weiter.  

  • Die Projektstrategie

    Oftmals ist Projektarbeit der Einstieg in die Festanstellung. Deshalb überlegen Sie sich genau, erstens welches Projekt Sie realisieren könnten und zweitens für welche Institutionen oder Firmen es interessant sein könnte. Treten Sie an die potentiellen Interessenten heran und überzeugen Sie sie von Ihrer Idee. Die Bereitschaft in ein Projekt einzuwilligen ist höher, als eine neue Stelle zu schaffen. So können beide Seiten herausfinden, ob es passt.

  • Die Baumeister-Strategie

    Schaffen Sie sich Ihren Traumjob einfach selbst. Entdecken Sie den Bedarf an einer bestimmten Dienstleistung oder einem Produkt und schlagen Sie einem Träger vor, sich darum zu kümmern. Das funktioniert besonders gut im öffentlichen Bereich. Sind Sie von der Idee restlos überzeugt, können Sie es sogar wagen, einen eigenen Verein oder eine Stiftung zu gründen.

  • Die Power-Mail-Strategie

    Schreiben Sie eine E-Mail, die der Leser nicht ignorieren kann. Finden Sie heraus, an welchen Stellen Ihr Lieblingsunternehmen Nachholbedarf hat und präsentieren Sie sich als Lösung. Das funktioniert natürlich nur, wenn Sie in der Branche schon Erfahrungen und Kontakte haben. Für diese Variante muss „Ihr Können und Ihr Hintergrund“ sehr interessant sein.

  • Die Expertenstrategie

    Sie kennen sich mit einer speziellen Aufgabe oder einem Themengebiet gut aus und haben mindestens fünf Jahre Berufserfahrung in diesem Bereich? Dann könnte die Expertenstrategie die richtige sein. Wichtig ist, ihr Spezialgebiet so umfassend zu definieren, dass sie auf viele Angebote passen, aber gleichzeitig so viel Expertise zu besitzen, dass nicht viele mit Ihnen konkurrieren können. Die Autorin nennt sich zum Beispiel Expertin für neue Karrieren und nicht Spezialistin für MBA-Programme.

Was muss ich tun, um heute meinen Traumjob zu finden?
Informieren Sie sich. Reden Sie mit Menschen, die in der angestrebten Firma oder Position arbeiten. Sie müssen herausfinden, wie die Firma neue Mitarbeiter auswählt und wie der Job wirklich ist. Ein erfolgreicher Bewerber kennt die sozialen Abläufe und weiß, was hinter der Bühne geschieht. Dazu stellt er Fragen wie ein Anthropologe.
Experten raten Jobsuchenden, ihre eigene Marke zu pflegen.
Personal Branding wird heute in Kasachstan, Ägypten und Kambodscha angeboten. Jobsuchende weltweit lernen in Workshops, ihre Persönlichkeit in drei bis vier Worten zu beschreiben. Und sie sollen dann ihre gesamte Onlineaktivität danach ausrichten. Das Ziel: ein klares Profil, das in jedem Kontext gleich rüberkommt. Karriereberater und Jobsuchenden mögen diese Idee. Ich halte es für einen der schlimmsten Business-Exporte aus den USA überhaupt. Mir hat kein einziger Recruiter, mit dem ich gesprochen habe, gesagt, er achte auf die Marke eines Bewerbers.

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