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Recrutainment: Zocken für den Wunschberuf

von Jan Willmroth, Sara Zinnecker und Annika Jaschke

Die Gaming-Kultur erobert die Personalabteilungen: Mit spielerischen Tests im Internet suchen Unternehmen nach geeigneten Kandidaten. "Recrutainment" wird bei der Personalauswahl zum Standard.

BMW

Sowohl bei den Ingenieuren als auch bei den Wirtschaftswissenschaftlern sind die Bayrischen Motoren Werke der beliebteste Arbeitgeber. Diesen Platz hatte der Autobauer auch schon im vergangenen Jahr inne. Bei den Wirtschaftswissenschaftlern wählten ihn 14,1 Prozent der Befragten, bei den Ingenieuren 17,0 Prozent.

Bild: dpa

Um viertel vor fünf klingelt der Wecker. Der angehende Postbote steht auf, duscht, putzt seine Zähne und zieht sich an. Er gönnt sich ein kleines Frühstück, nimmt seine Tasche und schaut auf die Uhr: gerade noch pünktlich. Es ist Donnerstag, der vierte Tag seiner Ausbildung und der erste draußen auf der Straße. Briefträgerkluft an, Tasche aufs Fahrrad, ab die Post.

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Das alles macht der angehende Postbote durch Klicks auf den Bildschirm. Denn er ist ein in Flash programmierter Avatar, das Spiel ist sein Tagesablauf und das Ziel für den Spieler eine Anstellung beim privaten französischen Postdienstleister Formaposte im Großraum Paris. Wer sich dort bewerben will, muss neuerdings zuerst in der virtuellen Welt beweisen, dass er früh aufstehen, in der Schule aufpassen und Briefe in die richtigen Briefkästen werfen kann.

Christian Püttjer von der Karriereakademie Püttjer & Schnierda spricht von "E-cruitment", elektronischer Personalbeschaffung. "Die Unternehmen stellen sich spielerisch vor. Sie führen den Bewerbern vor Augen, um welche Aufgaben es geht und fragen: Habt ihr Lust dazu?“

Auf virtuellem Rundgang durchs Unternehmen

Immer mehr Unternehmen nutzen die interaktiven Möglichkeiten des Internets, um interessierten Bewerbern das eigene Haus vorab vorzustellen. So zeigt Tchibo im virtuellen Rundgang unter anderem den Weg der Kaffeebohne vom Feld im Ursprungland bis zur Lagerhalle in Deutschland. Der Lebensmittelkonzern Unilever gewährt Einblick in die Produktion seiner Eismarke Ben & Jerry’s. Unter dem Motto "Probier-dich-aus" lässt die Commerzbank den User einen Tag als Berater durchspielen: den Kunden begrüßen, persönliche Ebene schaffen, Anliegen erfragen, Angebote auswählen, Kreditformular durchgehen.

"E-cruitment dient mehr dem Marketing der Unternehmen als der eigentlichen Auswahl der Kandidaten", sagt Püttjer. Doch die Methode liefert auch ganz handfeste Erfolge. Formaposte etwa konnte die Abbruchquote der jungen Azubis nach eigenen Angaben von 25 auf acht Prozent drücken. Und das, weil die typische Briefträgerwoche im Vorhinein realistisch dargestellt wird.

Der beste Weg, eine Firma kennenzulernen, sei zwar nach wie vor das Praktikum, sagt der Karriereberater. "Aber das fällt heutzutage bei Bachelor und Master oft flach. Bewerber haben immer weniger Kontakt zu Firmen und Arbeitsfeldern, weil ihnen einfach die Zeit fehlt." Die Möglichkeit, die Studien-Abschlussarbeit bei einer Firma zu schreiben, werde so immer rarer. Statt Arbeitsprozesse also direkt kennenzulernen, simuliere man sie ein wenig im Internet.

E-cruitment ist nur eine Variante des übergeordneten Begriffs "Recrutainment", der derzeit unter Personalern kursiert. Das englische Kunstwort bezeichnet eine Mischung aus "Recruiting" (Personalbeschaffung) und "Entertainment" (Unterhaltung). Dazu gehören auch das sogenannte "Self-assessment" (Selbstbeurteilung) und das „E-assessment“ (elektronische Beurteilung). Diese beiden Instrumente wenden Personaler in der Regel bei Interessenten an, die sich bereits registriert haben. Erst dann gelangen sie zu einem Persönlichkeitsbogen, den sie ausfüllen (Self-assessment) oder zu einer Fallstudie, die sie lösen müssen (E-assessment).  

1 KommentarAlle Kommentare lesen
  • 18.10.2012, 17:50 UhrJoDiercks

    Sehr schöner Arikel über Recrutainment. Der Ratschlag allerdings, sich unter einem Fake-Account zu einem eAssessment anzumelden, ist nicht wirklich zielführend, unter Umständen sogar riskant. Manipulation kann durchaus erkannt werden (Manipulationsvorkehrungen, Re-Tests vor Ort, Äquidistanzberechnung etc.). Das sollte der hier zitierte Karrierecoach dann doch besser nicht empfehlen, denn es kann dabei zu bösen Überraschungen für Kandidaten kommen.
    Auch ist es keineswegs so, dass einen Online-Test im Prinzip jeder schafft, so er sich nur hinreichend vorbereitet. Das gilt für SelfAssessments oder Berufsorientierungsspiele, definitiv nicht für Online-Tests zur Auswahl. Wenn dem so wäre, wäre der Test Unsinn. Firmen beziehen das Testergebnis selbstverständlich in ihre Auswahlentscheidung ein - ein schlechtes Testergebnis kann dabei sehrwohl dazu führen, dass man nicht mehr dabei ist. Auch ein eher "gewagter" Ratschlag von Herrn Püttjer...

    Weiterführende Infos zu Recrutainment finden sich übrigens im Recrutainment Blog: http://blog.recrutainment.de/

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