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Karriere: Erfolg im Schlaf

von Noch Fragen? christian.schlesiger@wiwo.de und jochen mai

Je hektischer das Arbeitsleben, desto mehr wird ein gesunder Schlaf zum kritischen Erfolgsfaktor. Dennoch wird seine Bedeutung weithin völlig verkannt. Zum Schaden der eigenen Karriere und der Gemeinschaft.

Ein Börsenhändler entspannt sich für einen kurzen Moment in einer Kabine am Parkett der Deutschen Börse in Frankfurt,  dpa
Ein Börsenhändler entspannt sich für einen kurzen Moment in einer Kabine am Parkett der Deutschen Börse in Frankfurt, Foto: dpa

Die letzte Auslandsreise von Kerstin Geiger hatte es in sich. In zwei Wochen besuchte die Managerin des Softwarekonzerns SAP drei Länder, acht Städte und 13 Kunden, absolvierte drei Pressekonferenzen in China, Japan und Südkorea und stieg in sechs Hotels ab. Mit allem, so die Vizepräsidentin des Bereichs Discrete Industries, zu dem die Branchen Automobil, Luftfahrt und Anlagenbau gehören, mit dem Leistungsdruck, dem Klimawechsel könne sie gut leben. Doch der Schlafmangel während einer Dienstreise sei „einfach zermürbend“. „Ich bin keine gute Schläferin“, sagt Geiger. Im Flugzeug könne sie allenfalls dösen. Sie komme dann auf maximal ein bis zwei Stunden Schlaf. Während Kollegen Knock-out-Tabletten einwerfen, die sie für sechs Stunden ausschalten, verzichtet sie aus Angst vor Nebenwirkungen auf Medikamente. Dafür zahlt sie einen anderen Preis: Sie ist chronisch übermüdet. Wie Geiger geht es ungezählten Managerinnen und Managern. Zeitzonenwechsel bei Auslandsreisen verkürzen die Nächte. Termin- und Arbeitsdruck fressen sich unbemerkt in den Abend hinein. Immer mehr Produktionsstätten rund um den Globus arbeiten rund um die Uhr. Die 24-7-Kultur (24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche) und das dazugehörige Gerät, der Blackberry, fordern ihren Tribut: Schlafmangel wird zum Massenphänomen. Die Folgen sind gravierend und werden weithin unterschätzt. Wir schmunzeln vielleicht, wenn wir jemanden sehen, der im Meeting einschlummert, auf der Hinterbank eines Kongresses, während der andere seine Podiumsrede hält. Doch Dauermüdigkeit ist alles andere als zum Lachen: Schlaflose sind gereizter, unaufmerksamer, machen mehr Fehler als ihre ausgeruhten Kollegen. Die Leistungsfähigkeit sinkt, räumliches Verständnis schwindet, Konzentration und Merkfähigkeit leiden, Reaktionsgeschwindigkeit und Entscheidungsstärke fallen ab. Aus der Forschung ist längst bekannt: Wer zu wenig schläft, bekommt seine Tagesaufgaben kaum noch geregelt, leidet häufiger an Herzerkrankungen und neigt zu Depressionen, wie etwa Michael Perlis, Direktor des Neurophysiologischen Forschungslabors der Universität von Rochester, 2005 nachweisen konnte. Was kaum einer weiß: Mangelnder Schlaf verwüstet regelrecht Hormonhaushalt. Wer jede Nacht weniger als vier Stunden schläft, stört die Ausschüttung wichtiger Hormone, wie Cortisol, Melatonin, Leptin oder Prolactin. Das Immunsystem wird geschwächt, die Menschen altern schneller und werden dick. Eine Studie von Virginie Godet-Cayré vom Centre for Health Economics and Administration Research in Frankreich zeigte ganz konkret, dass Schlaflose öfter krank werden und auf der Arbeit fehlen als Durchschläfer: Wer sich nachts um den Schlaf wälzte, blieb im Schnitt 5,8 Tage im Jahr zu Hause, die ausgeruhten Kollegen nur an 2,4 Tagen. Insgesamt kosteten die Dauermüden ihre Unternehmen knapp dreimal so viel wie Ausgeschlafene.

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Und sie stören den Betriebsfrieden. Eine erst im vergangenen Jahr von Managementprofessor Timothy Judge veröffentlichte Untersuchung der Universität Florida dokumentierte, wie Schlafmangel Arbeitnehmer dazu brachte, ihren Beruf regelrecht zu hassen. Bei dem dreiwöchigen Experiment loggten sich die Probanden täglich auf der Forschungswebseite ein, machten Angaben zu ihrem Schlaf und zur Arbeitszufriedenheit. Ergebnis: Je schlechter und weniger sie schliefen, desto murriger wurden sie, der Ärger über Chef und Arbeitgeber wuchs, am Ende hassten sie ihren Job. Aus vielen anderen Studien ist bekannt, dass derart Frustrierte das Arbeitsklima enorm belasten: Sie senken die Motivation von allen, bremsen Innovationen und dämpfen den Unternehmenserfolg. Die persönlichen Kosten für permanente Mattheit liegen freilich weit darüber: Schlaflosigkeit bedroht zwischenmenschliche Beziehungen, die eigene Gesundheit, den Job, sogar die Karriere. Schon Mitte der Achtzigerjahre konnte das Forscherduo Johnson/Spinweber in einer Studie unter Navy-Angehörigen belegen, dass 84 Prozent aller „Gutschläfer“ innerhalb von drei bis sechs Jahren mindestens einmal befördert wurden, „Schlechtschläfer“ dagegen nur in 67,9 Prozent der Fälle. Und die Deutschen? Rund 42 Prozent der Bevölkerung haben Probleme mit ihrem Schlaf, 15 Prozent sogar behandlungsbedürftige Schlafstörungen. In einer repräsentativen Schlafstudie untersuchte die Familienforscherin Uta Meier von der Universität Gießen aus welchen Bevölkerungsschichten und Berufsgruppen die Schlaflosen kommen. Ergebnis: 24 Prozent der Frauen ringen um mehr Schlaf, aber nur 13 Prozent der Männer. Die besten Schläfer sind Beamte – nur elf Prozent klagten über Schlafstörungen. Freiberufler, Angestellte und Selbstständige schlummern deutlich schlechter. Am schlimmsten aber trifft es die Arbeiter: 22 Prozent von ihnen finden nachts keine Ruhe. Interessant auch: 62 Prozent der Ostdeutschen können abends nur schwer abschalten, im Westen sind es nur 44 Prozent. Vor allem die 35- bis 55-Jährigen (65 Prozent) plagt die Insomnia – und damit jene, die im Beruf gefordert sind. Wissenschaftler schätzen die durch kollektive Übermüdung verursachten gesamtwirtschaftlichen Schäden auf mehrere Hundert Milliarden Euro jährlich: Unternehmen beklagen Fertigungsfehler und müssen mangelhafte Produkte zurückrufen. Sowohl der Absturz der Raumfähre Challenger wie das Unglück des Öltankers Exxon Valdez waren Folgen von Übermüdung. Dennoch taucht Schlafmangel als Unfallursache in Statistiken kaum auf. So ist Übermüdung offiziell in weniger als einem Prozent für Verkehrsunfälle ursächlich. Tatsächlich sei jedoch jeder vierte Blech- und Personenschaden in Deutschland darauf zurückzuführen, schätzt der ADAC. Grund für diese Differenz: Unfallverursacher schönen den Unfallhergang, um ihren Versicherungsschutz nicht zu verlieren.

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