
Jetzt ist er also hier. Die gleißende Sonne Floridas brennt ihm auf die beige Baseballmütze, der Himmel über Palm Beach Gardens strahlt dunkelblau, und noch bevor das Foto in seiner Online-Imageanzeige auf Ikarma.com landet, grinst August B. Schnabel, 55, so breit unter dem Schatten seiner Kappe in die Kamera, dass man in dem jugendlich gestylten Siegertypen kaum noch den Mann erkennt, der in Deutschland einmal Bodo A. Schnabel hieß. Das war wohl auch der Plan. Schnabel ist einschlägig vorbestraft. Im November 2002 wurde der ehemalige Chef des Telematik-Unternehmens Comroad vom Landgericht München wegen Betrugs zu sieben Jahren Haft verurteilt. Bodo Schnabel hatte 99 Prozent seines Umsatzes frei erfunden und die Luftnummer an die Börse gebracht. Seit September 2005 ist der Neue-Markt-Münchhausen allerdings wieder auf freiem Fuß und auch wieder unternehmerisch aktiv – als Gründer des Telekom-Unternehmens Nanomatic Ltd. mit Sitz in Florida. Auf der Web-Seite nanomatic.net schmückt sich Schnabel nicht nur mit den leicht geänderten Vornamen August B., sondern auch mit mehr als 25 Jahren Erfahrung im Entwickeln von privaten und öffentlichen Geschäften in Europa, Asien und den USA. Dass der selbsternannte „Pionier der Telematik-Branche“ auch ein Pionier der kreativen Buchführung ist, steht dort freilich nicht. Die Tarnung flog trotzdem auf – im Internet: Ein Online-Forum machte unter dem Titel „Bodo is back“ auf Schnabels neue Geschäfte und Vornamen aufmerksam. Der Versuch, sich ein strahlendes Image zuzulegen, war gescheitert. Wieder einmal. Allwissendes Archiv. Das Internet wächst und wächst. Ob Karrierewege, Kommentare zum Klimawandel oder Rezepte für Bœuf Stroganoff: Das Web kennt Antworten und Informationen zu allen Fragen und Problemen, die Menschen beschäftigen. Und immer öfter weiß es auch Wissenswertes über die Fragesteller selbst. Eine wachsende Schar von Nutzern füttert das neue Internet, kurz Web 2.0, mit immer mehr persönlichen Daten über sich – und das lockt zunehmend Neugierige an. Selbstdarstellung und Exhibitionismus sind zur Freizeitbeschäftigung für Millionen geworden. Ein paar Klicks reichen aus, um ein eigenes Web-Journal zu betreiben, private Bilder hochzuladen oder in Blogs und Fachforen munter mitzuplappern. Die Daten der Nutzer füllen Kontaktnetzwerke wie Myspace, Businessclubs wie OpenBC (demnächst „Xing“), virtuelle Visitenkarten wie Ikarma, Bildarchive wie Flickr oder Videoplattformen, wie das kürzlich von Google für 1,65 Milliarden Dollar gekaufte Unternehmen YouTube. Hauptarchivare aber sind die großen Suchmaschinen, allen voran das Trio Google, Yahoo und MSN. Allein Google katalogisiert nach Expertenschätzungen Informationen von mehr als zwölf Milliarden Web-Seiten.
Bildergalerie: Die neuen Handymodelle 2006
Dazu kommen neue Spezialdienste. Zoominfo.com zum Beispiel konzentriert sich darauf, personenbezogene Daten zu recherchieren, ebenso das Portal mit der passenden Bezeichnung Stalkerati.com. Blog-Einträge durchwühlt wiederum Technorati.com besonders gründlich. Selbst Sprachaufnahmen in Podcasts oder Netzvideos lassen sich bereits von automatischen Datenfahndern wie Podzinger.com, TVEyes.com und Blinkx.com auswerten. Was da entsteht, ist ein gigantisches globales Zentralarchiv, ein Online-Gedächtnis, das alles sieht und weiß und fast nichts mehr vergisst. Denn einmal gespeichert, bleiben die Daten für Jahre öffentlich und von jedermann abrufbar. Und genau das ist das Problem. So bemerkte Norbert G. gar nicht mehr, wie das Internet seine berufliche Zukunft beendete. Der Leiter eines süddeutschen Konzerns war der Favorit für eine Vorstandsbesetzung. Sein bisheriger Werdegang war steil, „geradlinig und makellos“, erinnert sich Timo Kracht, Deutschlandchef der Personalberatung Heidrick & Struggles (demnächst Geschäftsführer bei Kienbaum). Bis die Headhunter im Langzeitgedächtnis des Internets, dem Google-Cache, den Bericht einer Lokalzeitung fanden. Rund acht Jahre alt. Der 45-Jährige stand da noch am Anfang seiner Laufbahn, trotzdem wurde sein Name zusammen mit Veruntreuung genannt. Ob er Mitwisser oder Mittäter war, ließ der Artikel offen. Doch das reichte, die weiße Weste war beschmutzt. Norbert G. hat seitdem den Status „nicht vermittelbar“. Oder Gisela M. Die Wirtschaftsprüferin galt als aussichtsreichste Kandidatin für den Geschäftsführerposten in einem öffentlichen Unternehmen. Schließlich hatte sie zuvor bereits in einem vergleichbaren Job brilliert – wohl auch, weil sie die nötige Durchsetzungskraft besitzt: Während ihrer Amtszeit hatte die Niedersächsin Unregelmäßigkeiten in der Bilanzierung des öffentlichen Betriebes aufgedeckt. Es kam zum Eklat mit dem Bürgermeister und zu einem öffentlichen Ränkespiel, das sogar vor Gericht landete. Am Ende setzte sich Gisela M. durch. Die Medien feierten sie als Heldin – zu ihrem Nachteil. Den Lokalbericht fand jetzt auch ihr potenzieller Arbeitgeber im Netz. Sein Urteil: „Sicherlich eine hochkompetente Managerin, aber eben auch sehr wehrhaft und korrekt.“ Zu korrekt. Den Job bekam sie nicht.













