Kleiderordnung: Piraten sind aus der Mode

Kleiderordnung: Piraten sind aus der Mode

Die Piraten in den Landtagen sorgen wegen ihres Äußeren für Ärger. Das zeigt, wie wichtig die passende Kleidung genommen wird.

Ein bettelarmer Schneidergeselle kann als reicher Graf durchgehen, wenn er sich nur richtig anzieht. Das erlebt der Held in Gottfried Kellers Novelle „Kleider machen Leute“. In den Parlamenten der Bundesländer ist derzeit eher das umgekehrte Phänomen zu beobachten.

Da sitzen seit dem Siegeszug der "Piraten" junge Menschen in kurzen Hosen, schlabberigen T-Shirts und mit seltsamen Kopfbedeckungen, denen man das würdige Amt wahrlich nicht ansieht. Nun hat sich sogar die Präsidentin des nordrhein-westfälischen Landtages in einem Brief an die Abgeordneten beschwert, dass sie bei aller "individuellen Freiheit" ein "Mindestmaß an Seriosität" erwarte. In dem Brief, aus dem der "Spiegel" zitiert, fordert sie die Männer auf "zumindest ein Jackett tragen" und die weiblichen Abgeordneten sollten ihre Schultern bedecken. Hüte und Kopftücher aller Art hält Gödecke im Parlament für "unangebracht". Der Berliner Pirat Gerwald Claus-Brunner hatte schon vor einiger Zeit mit seinem Palästinensertuch auf dem Kopf eine wütende Kritik von Charlotte Knobloch, Ex-Präsidentin des Zentralrats der Juden, erfahren.

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Auffallend: Der Gesundheits- und Frauenpolitische Sprecher der Piratenfraktion Berlin Simon Kowalewski (l.)

Wie auch immer man zu den modischen Experimenten, Nachlässigkeiten oder Provokationen steht, der Fall zeigt, wie wichtig das Äußere genommen wird. Und das gilt fürs Berufsleben mindestens so wie für die Politik. Denn eines ist klar: Bei sehr vielen Arbeitgebern bekämen Schlabberlook-Piraten mit bunten Haaren oder seltsamen Kopfbedeckungen schnell große Probleme, wenn sie überhaupt jemals eine Stelle ergattert hätten. Was geduldet ist und was nicht, ist davon abhängig, in welcher Branche, in welchem Unternehmen und in welcher Position jemand arbeitet.

Kundenkontakt ist entscheidend

Die IT-Branche, in der auch viele der Parlaments-Piraten tätig sind, hat kaum einen ausgeprägten Dresscode, im Gegensatz zur Finanzbranche oder einem Dax-Konzern. Und branchenübergreifend gilt die bekannte Faustregel: „Wer viel Kundenkontakt hat, darf sich keine Besonderheiten erlauben“, sagt Personal Shopper und Style Coach Andreas Rose. Programmierer haben den bekanntlich seltener als Investmentbanker. Bei Stellen mit Mandantenkontakt gehört es zum guten Ton, sich klassisch und dezent zu kleiden. "Hier werden Dresscodes entsprechend streng ausgelegt", sagt Steffen Laick, Leiter der Abteilung Employer Branding, Recruitment & Talent Development beim Beratungsunternehmen Ernst & Young in einer Befragung der Personalberatung Stepstone. In Forschung und Entwicklung wird dagegen traditionell weniger wert auf das Äußere gelegt. Als Wissenschaftler wird man an Universitäten mit allzu förmlicher Kleidung sogar eher negativ auffallen. Nach dem Motto: Nachdenker legen nicht zu viel Wert auf Äußerlichkeiten. Professoren halten ihre Vorlesung aber eher in Chino-Hose und Cord-Jackett als im dunklen Maßanzug.

Dresscodes lockern sich

Die nach Ansicht von Frau Gödecke "unangebracht" gekleideten Piraten in den Landtagen sind wahrscheinlich auch ein Indiz dafür, dass sich die Dresscodes, die mehr oder weniger festen Kleidungsregeln in Beruf und Freizeit, langsam aber kontinuierlich lockern. Im Berufsalltag tragen Männer und Frauen mittlerweile Hemden auch in anderen Farben als hellblau oder weiß. Die von Stepstone befragten Personalmanager berichten, dass immer öfter Bewerber ohne Krawatte zu Vorstellungsgesprächen erscheinen. Zumindest in einigen Branchen und für Positionen mit mit relativ wenig Außenkontakten falle eine legere Kombination aus Jeans und Hemd heute nicht mehr zwingend negativ auf.

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Selbst in einer nicht-konservativen Branche und auf einer Position ohne viel Außenkontakt sollte man jedenfalls niemals davon ausgehen, dass das äußere Erscheinungsbild völlig bedeutungslos ist. Die bunten Fummel und bedruckten T-Shirts der Piraten in den Landtagen sind vermutlich nicht der absoluten Nachlässigkeit oder modischen Unbedarftheit geschuldet, sondern können als Botschaft an den Kunden, in diesem Fall den potentiellen Wähler der Piraten, gedeutet werden: Seht her, ich bin völlig anders als die grauen Anzugträger der etablierten Parteien. Ob in der Politik oder im Wirtschaftsleben: Die Kleidung verkündet immer eine Botschaft über ihren Träger. Denn es gilt auch hier die Erkenntnis von Paul Watzlawick: "Man kann nicht nicht kommunizieren." Anders gesagt: "Kleider machen Leute."

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