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Kreativität: Die Ideenfabrik von Procter & Gamble

von andreas.henry@wiwo.de (New York)

Der Konsumgüterkonzern Procter & Gamble und die Stadt Cincinnati im US-Staat Ohio – eine einzigartige Symbiose aus Kreativität und Erfindergeist.

Procter & Gamble-Zentrale: Ständige Suche nach bisher unentdeckten Kundenwünschen,  Reuters
Procter & Gamble-Zentrale: Ständige Suche nach bisher unentdeckten Kundenwünschen, Foto: Reuters

Zweimal lässt Kapitän Chuck Woods die Signalpfeife der General Jackson tönen, während der rund 85 Meter lange Raddampfer vom Ufer ablegt. Die eine Hälfte der 1000 Passagiere drängelt sofort in den viktorianischen Showroom des Boots, wo chinesische Artisten bald darauf während des Dinners ihre Balance- und Jonglierkünste zeigen. Die andere Hälfte verteilt sich über die Decks, schlürft Cocktails und trinkt Budweiser aus Dosen. Am Ufer spielt eine Country-Band. Tausende von Zuschauern beobachten das rege Treiben auf dem Fluss. Insgesamt 16 Nachbauten oder authentische Boote mit den roten Schaufelrädern am Heck sind Anfang Oktober für das Tall Stacks Music, Arts & Heritage Festival nach Cincinnati gekommen. Sie locken eine Viertelmillion Besucher an. Die Stadt feiert ihre Vergangenheit und freut sich auf ihre Zukunft als eines der wichtigsten Zentren für Forschung, Entwicklung und Kreativität in den USA und auf der Welt – eine Zukunft, die vor allem von einem Unternehmen abhängt: dem weltgrößten Konsumgüterkonzern Procter & Gamble (P&G). Cincinnati hat Schwein gehabt – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Raddampfer erschlossen den Ohio als Transportweg in beide Richtungen und machten die Metropole in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem der großen Schlachthäuser des Mittleren Westen – Porkopolis, so lautet noch heute ihr Spitzname. Die Nebenprodukte der Fleischproduktion, vor allem das Fett, zogen Seifen- und Kerzenmacher an. Auch die beiden Einwanderer James Gamble, ein irischer Seifenmacher, und William Procter, ein englischer Ladenbesitzer und Kerzenmacher, die 1837 gemeinsam P&G gründeten. In den folgenden Jahrzehnten leistete das Unternehmen immer wieder Pionierarbeit – erfand neue Produkte, neue Managementmethoden und neue Marketingstrategien. Und es lockte mit seinem rasanten Wachstum vor allem in den Jahren nach 1970 wie ein Magnet viele andere Firmen an. Heute haben sich rund um P&G Zulieferer, Beratungsfirmen, Werbe- und Designagenturen angesiedelt – der eigentliche Reichtum der Stadt, in deren Einzugsgebiet rund zwei Millionen Menschen leben. So genau weiß heute niemand mehr, wie der erste Verkaufsschlager von P&G erfunden wurde: Ivory, die schwimmende Seife. War das nur Zufall? Oder doch das Ergebnis gezielter Anstrengungen? Viele der Arbeiter wuschen sich damals nach der Arbeit an den Piers im Fluss. Da war es schon ärgerlich, wenn die Seife aus der Hand flutschte und auf Nimmerwiedersehen verschwand. Kundenbedürfnis erkannt, die Forschungsabteilung in Bewegung gesetzt und ein neues Produkt entwickelt – so würde die Reaktion eines innovativen Unternehmens in modernen Zeiten ablaufen. Unter den Mitarbeitern des Multis kursiert allerdings noch heute die Geschichte, dass die Lösung des Problems einem Zufall zu verdanken ist. Ein Arbeiter in der Seifenmanufaktur soll eine Maschine nicht korrekt bedient haben, Luft mischte sich unter die noch flüssige Seifensubstanz und bildete beim Trocknen tragfähige Blasen.

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In der eigenen Firmenchronik ist die Entstehung von Ivory, dem ersten Markenprodukt von P&G, ganz anders dargestellt. Mindestens zwölf Jahre habe James Norris Gamble, der Sohn des Gründers, am Problemfall „schwimmende Seife“ herumexperimentiert, dann noch die Rechte für ein Rezept gekauft, das ein junger Mann entwickelt hatte, der statt des bis dahin für die Seifenproduktion üblichen Talgs von Tieren pflanzliche Öle nutzte. Diese Formel modifizierte Gamble und entwickelte sie weiter. Doch er war der festen Überzeugung, dass nicht die gekaufte Rezeptur, sondern „unsere Mischmethode das Ergebnis produziert hat“. Die Forschungslabors des Unternehmens waren für die Söhne und Enkel der beiden Gründer immer mindestens genauso wichtig wie Produktion und Vertrieb. Neue, bessere, billiger zu produzierende Seifensorten, Seifenflocken für die ersten Waschmaschinen, erste synthetische Waschmittel, dann, nachdem elektrisches Licht das Kerzengeschäft ruiniert hatte, die Diversifizierung in den Lebensmittelbereich mit der ersten reduzierten Gemüsebrühe – den Produktentwicklern von P&G gingen die Ideen nie aus. Heute macht der Konzern weltweit fast 70 Milliarden Dollar Umsatz, beschäftigt rund 130.000 Menschen und ist mit einem Börsenwert von rund 200 Milliarden Dollar mit deutlichem Abstand vor Unilever der größte Konsumgüterhersteller der Welt. Zahlreiche Übernahmen haben bekannte Marken unter dem P&G-Dach versammelt, darunter Braun, Pringles, Pampers, always, Blendax, Lenor, Pantene, Duracell, Gillette, Tampax und Wella. Allerdings holt sich P&G heute – das ist Teil der aktuellen Unternehmensphilosophie – Ideen, Anregungen, Rat und vor allem Marketing- und Design-Know-how in viel größerem Umfang als je zuvor von außerhalb. So wie es einst mit dem Rezeptkauf für die Schwimmseife geschehen ist. Der Nachschub an Kreativkräften kommt vor allem vom College of Design, Architecture, Art, and Planning (DAAP). In dem verschachtelten Bau auf dem Gelände der University of Cincinnati sitzen in vielen Ecken Studenten auf weiß getünchten Bänken. Mit Apple-Computern auf den Knien arbeiten sie an Entwürfen und Konzepten. Einer mit Baseballkappe und großen Löchern in der Jeans ist sogar auf einen hoch gelegenen Vorsprung geklettert. Sein Mac droht herunterzurutschen. „Es gab schon Besucher, die versucht haben, ihn zu überreden, von dort doch runterzukommen“, sagt Robert Probst, ein deutscher Professor an der Design-Schule, „doch er ist nicht echt, es ist Kunst.“

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