Kreativitätsberater de Bono: "Das größte Problem der Menschheit ist armseliges, unkreatives Denken"

Kreativitätsberater de Bono: "Das größte Problem der Menschheit ist armseliges, unkreatives Denken"

Bild vergrößern

Edward de Bono ist einer der wichtigsten Lehrer des kreativen Denkens weltweit

von Jens Tönnesmann

Armseliges Denken ist das größte Problem des Planeten, behauptet Edward de Bono in seinem neuesten Buch. Im Interview verrät der Kreativitätsvordenker, wie wir auf bessere Ideen kommen.

WirtschaftsWoche: Herr de Bono, auf wie viele Ideen kommt man bei konzentriertem Nachdenken?

Edward de Bono: Das ist unterschiedlich. Bei einem Seminar in Südafrika haben wir an einem Tag rund 21.000 neue Ideen entwickelt.

Anzeige

Die werden ja wohl kaum alle umgesetzt.

Natürlich nicht. Sie sollten in aller Ruhe diejenigen auswählen, die nützlich sind und sich am besten realisieren lassen.

Wovon hängt ab, ob man gute Einfälle hat?

Kreatives Denken ist vor allem eine Frage der Disziplin, nicht der Inspiration. Das Wetter, meine Gefühlslage und meine Umgebung sind irrelevant. Auch das Alter ist unwichtig: Selbst 80-Jährige können ihr Denken noch verändern. Jeder kann Kreativität lernen, wie Tennis.

Und was verstehen Sie unter Kreativität?

Der Begriff ist missverständlich: Er umfasst sowohl künstlerische Kreativität als auch jene gedankliche Kreativität, von der ich spreche. Viele Schulen behaupten, sie würden Kreativität lehren, nur weil sie die Schüler ein bisschen singen lassen. Aber sie bringen ihnen so nicht bei, auf neue Ideen zu kommen. Dazu brauchen sie schöpferische Techniken.

Zum Beispiel?

Etwa die Denkhüte-Methode. Sie ist relativ leicht zu lernen. Mitglieder einer Gruppe nehmen bestimmte Rollen ein, die durch sechs farbige Hüte symbolisiert werden. Wer etwa den schwarzen Hut auf hat, darf Kritik und Ängste äußern und weist auf Risiken und Probleme hin. Wer den weißen Hut trägt, versucht möglichst objektiv zu analysieren. Und derjenige mit dem gelben Hut macht sich besonders optimistische Gedanken.

Und so werden selbst Nörgler konstruktiv?

Ja, weil die meisten Menschen ungern schweigen, gibt jeder sein Bestes. Das bewirkt, dass jeder Blickwinkel eingenommen und kein Aspekt übergangen wird.

In Ihrem neuen Buch liefern Sie 23 Gründe dafür, warum unser Denken armselig ist. Geben Sie uns bitte eine Kurzfassung.

Weil die Software, die die meisten Menschen für ihr Denken verwenden, von der Dreiergang Plato, Sokrates und Aristoteles entwickelt wurde. Sie sind schuld an einem Denksystem, das auf Analyse und Urteilen beruht. Daran haben sich westliche Universitäten und Schulen mehr als 2000 Jahre lang orientiert. Deswegen kennen wir viele exzellente Techniken, um die Wahrheit zu finden, aber nur wenige, um neue Dinge zu kreieren.

Heute ist das größte Problem der Menschheit nicht Klimawandel, Krieg oder Krise, sondern armseliges, unkreatives Denken.

In der Vergangenheit wurde aber eine Menge kreiert: Der Mensch fliegt und telefoniert über Kontinente hinweg, auf dem Mond waren wir auch schon...

...wir könnten aber noch mehr erreichen, wenn wir kreativer denken. So fällt es uns etwa noch immer schwer, kreative Auswege aus Konflikten zu finden.

Wie würden Sie denn den komplexen Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern lösen?

Die Länder, die Israel zum Staat verholfen haben, sollten die Palästinenser mit einer Milliarde Dollar im Jahr unterstützen. Und für jede Rakete, die nach Israel geschossen wird, sollten sie 50 Millionen abgezogen bekommen. Dann wird es dort sehr schnell friedlicher.

Das klingt nicht kreativ, sondern naiv.

Weil Sie die Dinge auf Ihre gewohnte Weise wahrnehmen. Aber diese Lösung wäre logisch – Sie müssen nur die Perspektive ändern.

Lassen sich die Menschen darauf ein?

Nicht immer. Ich habe zum Beispiel versucht, bei den Vereinten Nationen eine Gruppe zu bilden, die auf kreative Weise nach neuen Ideen für mehr Frieden suchen sollte – ohne Erfolg. Alle sagten: Wir sind hier, um unsere Länder zu vertreten, und nicht, um kreativ zu denken.

Was also raten Sie, wenn gute Vorschläge per se boykottiert werden?

Die Kunst besteht darin, die Interessen der anderen schon bei der Suche nach einer neuen Idee einzukalkulieren. Dann werden die Nein-Sager eher dazu neigen, zuzustimmen – weil sie selbst davon profitieren. Aber je mehr Parteien involviert sind, desto schwerer wird das.

Sie beraten viele große Konzerne wie IBM oder Siemens – also ausgerechnet solche Unternehmen, in denen es viele verschiedene Interessen gibt. Was versprechen Sie den Unternehmen?

Das ist unterschiedlich. Vor etwa 30 Jahren habe ich 70 Führungskräften von Nokia im Seminar beigebracht, wie sie kreativer werden können. Danach wurde Nokia von einem auf Klopapier spezialisierten Papierhersteller zum größten Handyproduzenten der Welt.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%