Lächle oder stirb: Die Diktatur des positiven Denkens

Lächle oder stirb: Die Diktatur des positiven Denkens

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Die Freiheitsstatue begrüßt in New York traditionell alle Einwanderer und Herkömmlinge mit einem positiven Lächeln

Die amerikanische Bestseller-Autorin Barbara Ehrenreich über die Ideologie des positiven Denkens, die die Wirtschaft zerstört und die Welt verdummt.

Die Amerikaner sind ein "positives" Volk. Dem altbekannten Klischee nach sind wir fröhlich, lustig, optimistisch und oberflächlich, während Ausländer eher als tiefsinnig, voller Weltschmerz und vielleicht auch dekadent gelten. Ob wir es nun als peinlich empfinden oder stolz darauf sind, eine positive Einstellung – in Gemütslage, Stimmung und Zukunftserwartungen – scheint tief in unserem Volkscharakter verwurzelt.

Wenn sich aber Psychologen daran- machen, das subjektive Glücksgefühl einer Nation zu messen, stellen sie überraschenderweise immer wieder fest, dass die US-Amerikaner selbst in Zeiten des Wohlstands und trotz ihrer gerühmten Positivität nicht sonderlich glücklich sind. In dem "Happy Planet Index", um nur ein Beispiel zu nennen, liegen wir in der weltweiten Länderwertung auf Platz 150.

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Wie aber kann es sein, dass sowohl unser Selbstbild als auch das Stereotyp vom Amerikaner so überdurchschnittlich positiv und wir dennoch nicht das glücklichste und zufriedenste Volk auf Erden sind? Meiner Meinung nach ist unsere positive Haltung weniger ein Ausdruck unserer inneren Verfassung oder Stimmung als vielmehr ein Bestandteil unserer Ideologie – der Art und Weise, wie wir die Welt erklären und meinen, uns in ihr bewegen zu müssen. Und diese Ideologie heißt "Positives Denken".

Nährboden Konsum

Gewöhnlich verstehen wir darunter zweierlei. Erstens den positiven Inhalt dieses Denkens, der sich etwa so zusammenfassen lässt: "Im Augenblick ist alles prima, zumindest wenn du bereit bist, den Silberstreif am Horizont zu sehen; wenn du Zitronen kriegst, mach Limonade draus; und außerdem wird alles noch viel besser" und so fort.

Zweitens verstehen wir unter positivem Denken die Praxis oder die Methode, in allem etwas Gutes zu sehen. In der amerikanischen Kultur hat sich jedoch auch die weitaus weniger rationale Theorie verbreitet, dass unsere Gedanken die materielle Welt auf mysteriöse Weise unmittelbar beeinflussen können. Negative Gedanken führen irgendwie zu einem negativen Ergebnis, positive Gedanken hingegen realisieren sich in Form von Gesundheit, Wohlstand und Erfolg.

Während der Frühkapitalismus kein guter Boden für das positive Denken war, steht ihm der "Spätkapitalismus" – oder die Konsumgesellschaft – schon weit näher, da er auf dem persönlichen Verlangen des Einzelnen nach mehr und dem Zwang der Unternehmen zum Wachstum beruht. Die Konsumgesellschaft fördert den individuellen Wunsch nach "immer mehr" – nach mehr Autos, einem größeren Haus, einem neuen Fernseher oder Handy, nach Geräten aller Art.

Und mithilfe des positiven Denkens kann man den Menschen leicht einreden, dieses Mehr stünde ihnen zu; sie könnten es bekommen, wenn sie es wirklich wünschten und zu den entsprechenden Anstrengungen bereit seien. In einem wettbewerbsorientierten Wirtschaftssystem wiederum haben die Unternehmen, welche die Güter produzieren, zugleich aber auch die Gehälter zahlen, mit denen sie erworben werden, gar keine andere Alternative, als zu wachsen. Wenn sie nicht fortwährend Marktanteil und Profit steigern, laufen sie Gefahr, vom Markt verdrängt oder von einem größeren Unternehmen geschluckt zu werden. Ständiges Wachstum aber, sei es eines bestimmten Unternehmens oder einer ganzen Volkswirtschaft, ist natürlich absurd; dennoch suggeriert das positive Denken, es sei möglich.

Befreiende Ideologie - auch für Führungskräfte

Im gleichen Maße, wie das positive Denken selbst zu einem Wirtschaftszweig wurde, wurde die Wirtschaft sein wichtigster Kunde und griff begierig die Verheißung auf, mithilfe mentaler Anstrengungen sei alles möglich. Eine nützliche Botschaft für die Arbeitnehmer, die an der Wende zum 21. Jahrhundert gezwungen waren, für weniger Geld und bei sinkender Arbeitsplatzsicherheit immer länger zu schuften. Es war aber auch eine befreiende Ideologie für die Führungskräfte auf höchster Ebene. Weshalb soll man sich mit Bilanzen und langweiligen Risikoanalysen befassen, warum sich Sorgen wegen der schwindelerregenden Verschuldung und möglichen Zahlungsausfällen machen, wenn für die Optimisten, die daran glauben, ohnehin alles gut werden wird?

Auch die ökonomische Ungleichheit war kein Thema für die Positivdenker, denn schließlich konnten sich alle, ausnahmslos alle, jederzeit durch die Fokussierung ihrer Gedanken in das Lager der Reichen katapultieren. Im Präsidentschaftswahlkampf 2008 gelangte ein gewisser Joe Wurzelbach, genannt "Joe der Klempner", kurzzeitig zu Ruhm, als er Barack Obamas Plan kritisierte, für Großverdiener mit einem jährlichen Einkommen von mehr als 250.000 Dollar die Steuern zu erhöhen. Er habe vor, erklärte der Klempner, die Installationsfirma zu kaufen, für die er gegenwärtig arbeite, und werde bald selbst zu dieser beneidenswerten Gruppe gehören. Wie sich dann herausstellte, besaß er keine Zulassung als Handwerker, und die Firma war ein Zweimannbetrieb, der wohl kaum jemals unter der vorgeschlagenen Steuer leiden würde.

Doch warum die anschwellende Oberschicht angreifen – die Vorstände mit einem durchschnittlichen Jahresgehalt von elf Millionen Dollar, die Besitzer von Inseln und Yachten –, wenn man darauf abzielt, sich demnächst selbst in ihren Kreis einzureihen? In Wahrheit sind die Aussichten, in eine höhere Schicht aufzusteigen, für Amerikaner um einiges geringer als für Deutsche, Kanadier, Finnen, Franzosen, Schweden, Norweger oder Dänen. Doch unterstützt von kräftigen Dosen positiven Denkens, kann sich der Mythos weiter behaupten. "Der unerschütterliche Glaube an Chancen und Aufstieg", bemerkten zwei Wissenschaftler der Brookings Institution 2006 etwas trocken, "wird oft als Erklärung für die hohe Toleranz der Amerikaner gegenüber Ungleichheit angeführt. Die Mehrheit der befragten Amerikaner glaubt, sie werde in Zukunft mehr als das Durchschnittseinkommen zur Verfügung haben (obwohl das mathematisch unmöglich ist)."

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