WirtschaftsWoche: Herr Hinrichs, wer braucht eine Internetplattform wie OpenBC, um Kontakte zu pflegen?Lars Hinrichs: Leute zusammen zu bringen, ist für alle Beteiligten ein Gewinn. Es gewinnt derjenige, der vorstellt. Und es gewinnen diejenigen, die vorgestellt werden. Grundsätzlich geht es bei OpenBC darum, schneller die relevanten Leute zu finden und Geschäfte abzuschließen. WirtschaftsWoche: Das geht auch ohne ein Online-Netzwerk. Das sehe ich anders. Die Verweildauer in einem Unternehmen wird kürzer, die Arbeit läuft projektbezogener ab. Deshalb sind Kontakte wichtiger denn je. Hinzu kommt: Die Welt wird flacher, der Konkurrent um meinen Job sitzt nicht mehr Hamburg oder Düsseldorf, sondern in Europa, USA oder Asien. Wir erleben eine Globalisierung des Jedermann. Je verteilter, je dezentraler das Geschäftsleben abläuft, je schneller die Wirtschaft dreht, desto wichtiger wird soziales Kapital in Form von Kontakten. Wir sehen uns als Bank, die dieses Kapital verzinst. WirtschaftsWoche: Die meisten Mitglieder werden nach anfänglichem Eifer zu Karteileichen. Nein. Es stimmt zwar, dass die durchschnittliche Aktivitätskurve eines Mitglieds über die Zeit nachlässt. Wenn aber jemand einen Geschäftspartner gefunden hat oder sogar ein Jobangebot erhalten hat, steigt die Aktivität wieder. 70 Prozent aller Mitglieder waren in den letzten dreißig Tagen aktiv. Pro Tag werden 40 000 Nachrichten versendet. Das sind sehr hohe Werte in dieser Branche. WirtschaftsWoche: Irgendwann ist jeder mit jedem vernetzt. Was soll das bringen? Eine Menge. Wir sind am Anfang eines Trends, der eine Industrie, eine neue Kategorie im Internet darstellt. Wir verlegen jetzt Straßen zu den Leuten, wir schaffen die Infrastruktur. WirtschaftsWoche: Dazu gehört auch, dass man diese Straßen sauber hält. Kritiker sagen, OpenBc sei inzwischen eine Dating-Plattform oder ein Vertriebskanal für Freiberufler. Wir haben klare Regeln. Wenn jemand andere mit Werbung belästigt oder sich ungebührlich nähert, kann das Mitglied dies melden. Wir kümmern uns dann darum. Manchmal kommt es zu einer Verwarnung oder zum Ausschluss. WirtschaftsWoche: Wie oft müssen Sie eingreifen? Es kommt vor. Bei über einer Million Menschen bilden wir die gesellschaftliche Realität ab. Es ist unvermeidlich, dass so etwas passiert. WirtschaftsWoche: Meine Frage war: Wie oft kommt das vor? Die Verstöße steigen linear mit der Anzahl der Nutzer. WirtschaftsWoche: Einige Mitglieder schreiben in ihr Profil, dass sie einen neuen Job suchen. Ist diese Offenheit nicht kontraproduktiv? Schließlich könnte der Chef mitlesen. Dafür ist jeder selbst verantwortlich. Es sind viele Headhunter auf OpenBC unterwegs. Wir wollen das Thema Stellensuche noch verstärken und deshalb im Laufe des Jahres einen Marktplatz bieten. Dort können Mitglieder auch anonym ihre Wechselbereitschaft bekunden. Schon jetzt haben sich die Bedingungen für die Stellensuche dramatisch geändert. Ich beispielsweise schaue mir jeden Bewerber im Netz an. Wenn ich fünf gemeinsame Kontakte mit ihm habe, frage ich einen davon. Diese Informationen waren vorher nicht verfügbar. WirtschaftsWoche: Erstaunlich, dass die Nutzer freiwillig so viel von sich preisgeben. Sie denken zu anachronistisch. Die Leute wollen die Aufmerksamkeit, sie wollen gefunden werden. Schauen Sie sich nur den sprunghaften Anstieg der Onlinetagebücher, der Blogs, an. Oder den Zulauf in den Social Software-Portalen wie myspace.com. Ich zeige damit der ganzen Welt, wo ich gerade bin, was ich mache, was ich denke. Es geht immer auch um Selbstvermarktung, um Aufmerksamkeit und um Anerkennung. WirtschaftsWoche: Als Sie 2003 mit OpenBC starteten, sprach noch keiner über Social Software. Da steckte allen noch der New-Economy-Schock in den Knochen. Stimmt, damals habe ich sämtliche Freunde und Bekannte angeschrieben und gefragt: Bist Du dabei? Nicht wenige haben gesagt: Lars, du spinnst ja wohl völlig. Aber das war mir egal. Ich mache das, was mir Spaß bringt. Ich bin ein Unternehmer, der ungern für andere arbeitet. Die Freiheit, das tun zu können, schafft man nur, wenn man den ersten Schritt wagt. Und dann geht es darum, Menschen einzustellen, die intelligenter sind als man selbst. Ich bin Generalist, ich kann nichts wirklich. WirtschaftsWoche: Warum kommen die zu Ihnen? Mitarbeiter wollen Verantwortung tragen. Das kann ich ihnen bieten. Und es ist die Perspektive, die man hier hat. Wir sind ein junges Unternehmen, das stark wächst. Aber es stimmt, wir haben schon wieder eine Knappheit an guten Köpfen. Es werden derzeit Summen für Social Software-Projekte bezahlt, die in keiner Form der Realität entsprechen. Das verdirbt den Markt für zukünftige Mitarbeiter. Google etwa wird im Silicon Valley als echte Bedrohung gesehen. Sie bieten Juniorprogrammierern jetzt 120.000 Dollar pro Jahr an. Das ist viel Geld für wenig Erfahrung. WirtschaftsWoche: Sie selbst müssten diese Reflexe noch gut aus Ihrer New Economy-Zeit kennen. Sie sind damals kräftig auf die Nase gefallen. Stimmt, das war der teuerste MBA-Kurs aller Zeiten (lacht). Ich habe ein Unternehmen im Bereich PR-Beratung und Software-Entwicklung gegründet und Risikokapital eingesammelt. Leider ist das gründlich in die Hose gegangen. Etwa 3,5 Millionen Euro waren futsch. WirtschaftsWoche: Sie haben vor kurzem wieder Risikokapital in Höhe von 5,7 Millionen Euro aufgenommen. Warum glauben Sie, es dieses Mal zu schaffen? Es haben sich fundamentale Dinge geändert. Wir machen echte Umsätze, die auf Endkunden basieren. Wir arbeiten werbefrei. Mit so vielen zahlenden Kunden hat OpenBC ein funktionierenden Geschäftsmodell. Wir sind profitabel. WirtschaftsWoche: Angeblich liegt der Anteil der zahlenden Kundschaft bei knapp 20 Prozent. Das kommentieren wir nicht. Nicht weit von hier sitzt das Finanzamt, die freuen sich über uns. Wir sind kein börsennotiertes Unternehmen, die Firma ist in privater Hand – ich muss Ihnen das nicht sagen. WirtschaftsWoche: Wozu brauchen Sie das Risikokapital? Das Geld ist eine Art Versicherungspolice. Falls doch mal irgendwas passiert. Wir haben bisher nicht einen einzigen Cent angerührt. Alles ist aus dem laufenden Cash-Flow finanziert. Außerdem sind wir gerade auf Einkaufstour. Wir schauen uns Unternehmen an, die zu uns passen und die wir übernehmen könnten. Wir müssen vor allem im Ausland weiter wachsen. WirtschaftsWoche: Der Versuch, mit OpenBC-Ablegern im Inland zu wachsen, ist gescheitert. Ja, das war eine bittere Erfahrung. Wir haben den Markt falsch eingeschätzt und das Wichtigste vergessen: Den Nutzer. Der hat nämlich keine Lust, sich zwei oder dreimal zu registrieren. Aber jeder kann sich irren. Es geht nur darum, mehr richtige als falsche Entscheidungen zu treffen. Und die falschen nicht zu wiederholen. Deshalb haben wir das Produkt eingestampft und machen jetzt daraus Untergruppen auf OpenBC, zum Beispiel für Accenture oder für die Uni Hamburg. Das neue Produkt kommt deutlich besser an. WirtschaftsWoche: Skeptiker sagen, das Unternehmen sei von dem Zulieferunternehmen Epublica abhängig, das die Software programmiert hat. Wir haben ein gesundes Abhängigkeitsverhältnis geschaffen. Programmierer sind und wollen eigenständig sein. Die Zusammenarbeit könnte nicht besser sein, Epublica sitzt ein Stockwerk über uns. Die Wege sind sehr kurz und effizient. WirtschaftsWoche: Warum heißt das Unternehmen OpenBC? Ist das nicht ein Widerspruch zwischen freiem Zugang und der Abgeschlossenheit eines Businessclubs? Ehrlich gesagt: Mir ist nichts Besseres eingefallen. Doch der Name wird sich ändern. Er wird kürzer, internationaler. In englischsprachigen Ländern steht BC für Before Christ und open wird oft als unsicher wahrgenommen. Wir müssen einen Global Brand aufbauen. Ich werde die Kunden mit auf eine Reise der Umbenennung nehmen. Mehr kann ich dazu noch nicht sagen. WirtschaftsWoche: Sind das schon erste Vorbereitungen für eine Börsengang? Wir können uns in Zukunft vieles vorstellen. Wichtig ist, dass wir ein unabhängiger Player mit einem funktionierenden Geschäftsmodell bleiben.
Lars Hinrichs : „Ich kann nichts wirklich“
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