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Arbeitsmarkt: Der so genannte Fachkräftemangel

20. Dezember 2012
Ein Turm aus Styropor-Bausteinen, der am 31.05.2011 vor dem Arbeitsministerium in Berlin aufgebaut wird, soll den ohne Fachkräfte zusammenbrechenden Arbeitsmarkt symbolisieren. Quelle: dpaBild vergrößern
Ein Turm aus Styropor-Bausteinen, der am 31.05.2011 vor dem Arbeitsministerium in Berlin aufgebaut wird, soll den ohne Fachkräfte zusammenbrechenden Arbeitsmarkt symbolisieren. Quelle: dpa
von Ferdinand Knauß

Skepsis gegen die Fachkräftemangel-Hysterie ist angebracht. Denn hinter dem Begriff stehen Interessen. Tatsächlich ist die Lage noch längst nicht dramatisch.

Wenn Historiker dereinst die wirtschaftspolitische Diskursgeschichte des frühen 21. Jahrhunderts schreiben, dann dürfte der Begriff „Fachkräftemangel“ dabei sicher eine Hauptrolle spielen. Ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte die Thematik 2000 mit der Debatte über den angeblichen Mangel an IT-Spezialisten und die Einführung eines Sofortprogramms zur Deckung des IT-Fachkräftebedarfs“. Auftrieb erhielt sie noch durch die moralische Entrüstung über Jürgen Rüttgers, der dem Ruf nach ausländischen Programmierern die Parole „Kinder statt Inder“ entgegensetzte. In jener Zeit begann die Erfolgsgeschichte des politischen Kampfbegriffs Fachkräftemangel.

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Jedenfalls haben diejenigen, die ihn prägten, sich in der öffentlichen Wahrnehmung und vor allem bei den politischen Entscheidungsträgern weitgehend durchgesetzt. Die Behebung des Fachkräftemangels durch Ausbildungsinitiativen und vor allem durch „qualifizierte“ Einwanderung ist längst parteiübergreifendes Politikziel in Deutschland. In der Minderzahl sind die Gegenstimmen: "Der Fachkräftemangel ist die größte Lüge von Wirtschaft und Politik", sagt Roland Günther, Personalberater bei Personal punktgenau.

Das Erfolgsgeheimnis steckt wie bei jedem Kampfbegriff darin, dass die Behauptung, die er transportiert, als erwiesene Tatsache akzeptiert wird. Dabei beginnen die Unklarheiten schon im Wort selbst. Wer ist eine Fachkraft? Das kann die Altenpflegerin genauso sein wie der Elektro-Ingenieur. Denn eine Fachkraft ist nach der Definition des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung jeder, „der eine Berufsausbildung oder ein Studium abgeschlossen hat.“ Die Fachkraft ist also eine ähnliche rhetorische Allzweckwaffe wie der „Leistungsträger“, mit dem sich jeder arbeitende Mensch identifizieren kann. Ebenso unbestimmt ist der „Mangel“. Ob er herrscht, wird jemand, der das betreffende Gut nachfragt, anders beurteilen als derjenige, der es anbietet. Ein Ingenieur auf Stellensuche wird vermutlich kaum über einen Mangel an Ingenieuren klagen.

Die Frage des Fachkräftemangels ist keine neutrale, objektiv zu beantwortende, sondern immer von Interessen beeinflusst. Aus Arbeitgebersicht sind passende Arbeitnehmer natürlich ein entscheidender, vermutlich der wichtigste Faktor des Erfolges. Arbeitgeber haben immer großes Interesse an einem großen Angebot des Arbeitsmarktes, nicht zuletzt um die Entlohnung niedrig halten zu können. Für Arbeitgeber ist es in jedem Fall mikroökonomisch sinnvoll, einen Fachkräftemangel zu behaupten und den Staat dazu zu veranlassen, das Arbeitskräfteangebot möglichst groß zu machen. Jeder Arbeitnehmer kann sich dagegen freuen, wenn es kleiner wird.

Als vor einigen Tagen eine Prognos-Studie feststellte, dass der befürchtete Mangel weniger dramatisch - angeblich werden bis 2020 nur rund 1,7 Millionen Fachkräfte fehlen - ausfallen werde als gedacht- die Vorgängerstudie hatte bis 2015 eine Lücke von 3 Millionen vorhergesagt  - da zeigte sich der Hauptgeschäftsführer des Bayrischen Wirtschaftsverbandes nicht etwa erleichtert, sondern kommentierte: „Dieser Befund darf uns dennoch nicht dazu veranlassen, die Bemühungen zur Fachkräftesicherung ruhen zu lassen.“

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Kommentare | 9Alle Kommentare
  • 21.12.2012, 11:58 UhrMargrit

    Der Begriff Fachkräftemangel war von Anfang an eine Lüge und sollte nur dazu dienen, die Gehälter zu senken. Den Ruf nach Zuwanderung halte ich für Landesverrat, wenn man Studienabgänger nur als unbezahlte Praktikanten beschäftigt.
    Die Gehaltsabsenkung der v. d. Leyen für angebliche Zuwanderer-Fachkräfte war ja nichts weiter als eine generelle Gehalsabsenkung, d. h. auch ein junger Ing. bei uns wird nun nicht mehr Gehalt bekommen. Das ist Zynismus und menschenverachtend und dient ja nur der Gier unsrer Firmen.
    Nachdem junge Leute und andere, auch Ältere, hier keine Jobs fanden, trotzt Ing.-Studium oder ähnlichem, haben in den letzten 3 Jahren mehr als 500.000 Deutsche unser Land verlassen, darunter viele Ärzte und Krankenschwestern. das war der Politik bis heute nicht eine Diskussion wert. Die Grünen dürfte dies freuen, denn sie wollen ja Deutschland abschaffen.
    Und wenn Betriebe nicht endlich wieder ausbilden, müssen sie nicht nach Fachkräften aus dem Ausland rufen, wer das immer noch tut, gehört für meine Begriffe vor Gericht.
    Aber da die Politik nicht Willens ist, unsere Schulen endlich wieder dahingehend zu reformieren, dass dort wieder ein ordentliches humanistisches Wissen gelehrt wird, wird sich wohl nichts ändern.
    In die Schulen muß wieder Disziplin und Ordnung einkehren und dann klappt es auch wieder. Und das ist keine Frage von Geld
    Aber der Wille ist leider nicht vorhanden.
    Deutschland schafft sich ab, bleibt wohl nicht nur ein Buchtitel, sondern wird Wirklichkeit

  • 21.12.2012, 15:13 Uhrxyz

    ich find den Frontbericht gut. Endlich wird es mal gesagt. Diese ganzen Weltuntergangsberichte gehen mir nur noch auf den Keks. Und noch mal speziell zum "MINT-Mangel" --- das sorgt für etliche Missverständnisse. Nicht jede Naturwissenschaft wird gleich gesucht. Bei Biologen liegt meines Wissens die fachbezogene Arbeitslosigkeit bei ca. 12% immernoch!

    das wird falsch kommuniziert und kommt bei vielen Leuten falsch an, diese studieren das denn, weil es ja "MINT"ist und finden nachher nichts.
    man hätte viel mehr differenzieren müssen, wo genau denn auf dem Arbeitsmarkt Mangel herrscht fachbezogen. Das wird aber erschwert, weil auch die ARGE in ihrer Statistik manche Berufen zusammengruppiert.

    einer der Hauptpropagandisten des Mangels ist ja das arbeitgebernahe IW Köln, dort hieß es aber selbst zum Ingenieursmangel, dass dieser v.a. im schlechtzahlenden Osten sein wird und erst ab 2020! In West-DE soll sogar ein leichtes Überangebot bestehen. Das gilt wohl selbst dann, wenn zusätzliche Stellen geschaffen werden bzw. Höherqualifizierung erfolgt.
    Der Osten hat wg. niedriger Löhne selbst schuld, wenn dort Arbeitnehmer abhauen.

    und insgesamt sind seit 2000 nur ca. 2,3% Jobaufbau gewesen in Deutschland lt. einer mir bekannten Studie- nicht gerade viel. Im mittleren und unteren Segment sind Stellen weggefallen.

  • 21.12.2012, 18:28 Uhrthamouz

    Zitat : "...Der vom Prognos-Institut erstellten Untersuchung zufolge werden bundesweit bis 2020 rund 1,7 Millionen Fachkräfte fehlen, bis 2035 rund 4 Millionen...."

    Die Frage ist doch, was ist in Deutschland heutzutage eine "Fachkraft"?

    Jemand, der mit Ach und Krach Deutsch lesen und schreiben kann und bereit ist, unter dem branchenueblichen Durchschnittslohn ohne Urlaubs- und Weihnachtsgeld mit viel unbezahlten Ueberstunden zu malochen, oder ist eine "Fachkraft" jemand, der in der Regelstudienzeit ein Hochschulstudium in Deutschland mit mindestens Diplom abgeschlossen hat und nach 2 - 3 Jahren Berufspraktikum eine angemessene Bezahlung einfordert.

    Letztere sind offensichtlich der deutschen Wirtschaft zu teuer und zu gut ausgebildet, und wuerden zu den in der Mehrzahl minderqualifizierten Eigentuemern und Konzernbossen eine geistige Konkurrenz darstellen.

    Deshalb setzen die "Wirtschaftsfuehrer" auf Zuwanderung billiger "Fachkraefte" aus dem Ausland und die deutschen studierten Fachkraefte gehen mangels angemessener Bezahlung ins Ausland.

    Auf diese Weise wird Deutschland in Baelde im wissenschaftlich-technischen Niveau zwischen den Schwellen- und Entwicklungslaendern zu finden sein.

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