Arbeitsmarkt: Der so genannte Fachkräftemangel

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Arbeitsmarkt: Der so genannte Fachkräftemangel

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Ein Turm aus Styropor-Bausteinen, der am 31.05.2011 vor dem Arbeitsministerium in Berlin aufgebaut wird, soll den ohne Fachkräfte zusammenbrechenden Arbeitsmarkt symbolisieren.

von Ferdinand Knauß

Skepsis gegen die Fachkräftemangel-Hysterie ist angebracht. Denn hinter dem Begriff stehen Interessen. Tatsächlich ist die Lage noch längst nicht dramatisch.

Wenn Historiker dereinst die wirtschaftspolitische Diskursgeschichte des frühen 21. Jahrhunderts schreiben, dann dürfte der Begriff „Fachkräftemangel“ dabei sicher eine Hauptrolle spielen. Ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte die Thematik 2000 mit der Debatte über den angeblichen Mangel an IT-Spezialisten und die Einführung eines Sofortprogramms zur Deckung des IT-Fachkräftebedarfs“. Auftrieb erhielt sie noch durch die moralische Entrüstung über Jürgen Rüttgers, der dem Ruf nach ausländischen Programmierern die Parole „Kinder statt Inder“ entgegensetzte. In jener Zeit begann die Erfolgsgeschichte des politischen Kampfbegriffs Fachkräftemangel.

Jedenfalls haben diejenigen, die ihn prägten, sich in der öffentlichen Wahrnehmung und vor allem bei den politischen Entscheidungsträgern weitgehend durchgesetzt. Die Behebung des Fachkräftemangels durch Ausbildungsinitiativen und vor allem durch „qualifizierte“ Einwanderung ist längst parteiübergreifendes Politikziel in Deutschland. In der Minderzahl sind die Gegenstimmen: "Der Fachkräftemangel ist die größte Lüge von Wirtschaft und Politik", sagt Roland Günther, Personalberater bei Personal punktgenau.

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Das Erfolgsgeheimnis steckt wie bei jedem Kampfbegriff darin, dass die Behauptung, die er transportiert, als erwiesene Tatsache akzeptiert wird. Dabei beginnen die Unklarheiten schon im Wort selbst. Wer ist eine Fachkraft? Das kann die Altenpflegerin genauso sein wie der Elektro-Ingenieur. Denn eine Fachkraft ist nach der Definition des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung jeder, „der eine Berufsausbildung oder ein Studium abgeschlossen hat.“ Die Fachkraft ist also eine ähnliche rhetorische Allzweckwaffe wie der „Leistungsträger“, mit dem sich jeder arbeitende Mensch identifizieren kann. Ebenso unbestimmt ist der „Mangel“. Ob er herrscht, wird jemand, der das betreffende Gut nachfragt, anders beurteilen als derjenige, der es anbietet. Ein Ingenieur auf Stellensuche wird vermutlich kaum über einen Mangel an Ingenieuren klagen.

Die Frage des Fachkräftemangels ist keine neutrale, objektiv zu beantwortende, sondern immer von Interessen beeinflusst. Aus Arbeitgebersicht sind passende Arbeitnehmer natürlich ein entscheidender, vermutlich der wichtigste Faktor des Erfolges. Arbeitgeber haben immer großes Interesse an einem großen Angebot des Arbeitsmarktes, nicht zuletzt um die Entlohnung niedrig halten zu können. Für Arbeitgeber ist es in jedem Fall mikroökonomisch sinnvoll, einen Fachkräftemangel zu behaupten und den Staat dazu zu veranlassen, das Arbeitskräfteangebot möglichst groß zu machen. Jeder Arbeitnehmer kann sich dagegen freuen, wenn es kleiner wird.

Als vor einigen Tagen eine Prognos-Studie feststellte, dass der befürchtete Mangel weniger dramatisch - angeblich werden bis 2020 nur rund 1,7 Millionen Fachkräfte fehlen - ausfallen werde als gedacht- die Vorgängerstudie hatte bis 2015 eine Lücke von 3 Millionen vorhergesagt  - da zeigte sich der Hauptgeschäftsführer des Bayrischen Wirtschaftsverbandes nicht etwa erleichtert, sondern kommentierte: „Dieser Befund darf uns dennoch nicht dazu veranlassen, die Bemühungen zur Fachkräftesicherung ruhen zu lassen.“

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