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AufsichtsräteKontrolleure kämpfen um mehr Einfluss

Die Machtbalance zwischen Vorständen, Aufsichtsräten und Wirtschaftsprüfern ist nicht austariert. Vor allem die Kontrolleure wollen mehr Mitsprache – ein neuer Berufsverband soll ihnen dabei helfen.Julia Leendertse 26.05.2012 - 06:00 Uhr

„Der Abstand zwischen Wirtschaftsprüfer und Aufsichtsrat ist häufig noch zu groß“, so der Aufsichtsratschef der Commerzbank Klaus-Peter Müller

Foto: AP

Eigentlich hatte er nur einen Vortrag vor gleichgesinnten Spezialisten halten wollen. „Was erwartet ein Konzern wie die Deutsche Telekom bei Ausschreibungen von Abschlussprüfern?“, fragte Telekom-Finanzvorstand Timotheus Höttges in die illustre Runde. Und die 320 Wirtschafts- und Finanzexperten, die die Schmalenbach-Gesellschaft zu ihrer traditionellen Jahrestagung nach Köln geladen hatte, staunten nicht schlecht über die Antworten, die Höttges auf seine rhetorische Frage parat hatte.

Wirtschaftsprüfer müssten ihm, dem Finanzvorstand, „rund um die Uhr, sieben Tage die Woche“ zur Verfügung stehen. Er fordere zudem aktive Beratung der Verwaltung in aktuellen Entscheidungssituationen, „um Haftungsfragen zu entgehen“. Außerdem sollten sowohl die Vertretung der Unternehmensinteressen bei internationalen Standardsetzern als auch die Telekom – gemeint war wohl der Vorstand – jederzeit den „Bearbeitungsstand des Prüfungsprozesses einsehen können“.

Manfred Schneider

Der Ex-Bayer-Chef ist Aufsichtsratschef von Bayer, Linde, RWE und bis April 2011 auch bei Daimler. Die unter seiner Führung kontrollierten Unternehmen schneiden in der Ruhwedel-Untersuchung allesamt schlecht ab. Bayer landet mit 59,1 von 100 möglichen Punkten auf Platz 21 von 26, RWE mit 55,2 Punkten auf dem vorletzten und Linde mit 49,3 Punkten sogar auf dem letzten Platz. Dabei fuhr RWE bei der Begutachtung der Eignung des 20-köpfigen Aufsichtrats das schlechteste aller Ergebnisse ein. Bei Linde mangelt es insbesondere an geeigneter Arbeitsweise und an Vielfalt in der Gremienbesetzung.

Foto: AP

Jürgen Weber

Der Aufsichtsratschef der Deutschen Lufthansa leitet ein 20-köpfiges Gremium. Insbesondere bei Arbeitsweise und Transparenz sind laut Studie die Schwachpunkte der Kontrollarbeit. Insgesamt kommt Lufthansa auf 56 von 100 möglichen Punkten. Bis 2003 war Weber Vorstandsvorsitzender der Lufthansa.

Foto: Reuters

Fritz-Jürgen Heckmann

Der Aufsichtsratschef von HeidelbergCement hat zwar elf grundsätzlich gut geeignete Aufsichteräte in seiner Runde, doch mangelt es an Vielfalt in dem Gremium und in punkto Transparenz bildet der HeidelCement-Aufsichtsrat sogar das Schlusslicht mit nur 10 von 100 möglichen Punkten. Insgesamt erhält das Unternehmen nur 57,8 Punkte, das ist Platz 23 von 26 untersuchten Dax-Konzernen.

Foto: Presse

Wolfgang Mayrhuber

Der Anfang 2011 als Vorstandschef bei der Lufthansa ausgeschiedene Wolfgang Mayrhuber ist seit Februar 2011 der Chefaufseher beim Chiphersteller Infineon, der seit Beginn der Finanzkrise schon den Wandel vom Pleitekandidaten zum Musterschüler gemausert hat. Die Aufsichtsarbeit des zwölfköpfigen Kontrollgremiums könnte jedoch besser laufen. Im Hinblick auf die Eignung und Vielfalt im Aufsichtsrat sind die Bewertungen unterdurchschnittlich. Infineon belegt im Aufsichtsräte-Ranking daher nur Platz 22.

Foto: dpa

Ferdinand Piëch

Das Autoimperium von Volkswagen umfasst viele Marken, bei Volkswagen und bei LKW-Hersteller MAN ist der Porsche-Enkel Aufsichtsratsvorsitzender. Mit fast 600.000 Euro Jahresvergütung bei VW und weiteren 240.000 Euro bei MAN ist Piëch zudem einer der Spitzenverdiener unter den Dax-Kontrolleuren. Die Bewertung der Rohwedel-Studie zu den beiden Aufsichtsräten ist dennoch so lala: Der MAN-Aufsichtsrat landet auf Platz 20, sein VW-Pendant landet auf Platz 17. In beiden Fällen könnten Transparenz und Eignung im Kontrollgremium besser sein.

Foto: AP

Eggert Voscherau

Der Hamburger Eggert Voscherau steht seit April 2009 dem Aufsichtsrat des Chemiekonzerns BASF vor. Die Beurteilung der zwölf Aufsichtsräte und ihrer Arbeit liegt im Mittelfeld, BASF erreicht 60,7 Punkte, das entspricht Platz 19. Dafür ist die durchschnittliche Vergütung der Aufsichtsratsmitglieder mit 234.000 Euro pro Jahr die zweithöchste der untersuchten 26 Dax-Unternehmen.

Foto: Presse

Ralf Bethke

Schon seit Mai 2008 steht Ralf Bethke dem 16 Mitglieder umfassenden Aufsichtsrat des Düngemittelproduzenten K+S vor. Das Kontrollgremium erreicht in der Bewertung 61,6 Punkte. Platz 18 in unserem Ranking.

Foto: Presse

Reinhard Pöllath

Der Aufsichtsratschef on Beiersdorf ist promovierter und habilitierter Jurist und steht dem Kontrollgremium bereits seit April 2008 vor. Im Untersuchungsergebnis fehlen Glanz und Gloria. Mit einer Gesamtpunktzahl von 64,4 Punkten erreicht der Beiersdorf-Aufsichtsrat Platz 16.

Foto: Presse

Jürgen Kluge

Bis November 2011 hatte Jürgen Kluge den Aufsichtsratsvorsitz bei Deutschlands größtem Einzelhandelskonzern Metro. Mit 64,8 Punkten landen die Metroaufseher auf Platz 15. Im Streit mit der Eigentümerfamilie Haniel musste Kluge seinen Stuhl für Franz Markus Haniel räumen.

Foto: dapd

Igor Landau

Der Franzose steht seit Mai 2009 an der Spitze des Adidas-Aufsichtsrats. Der Sportkonzern steht in der Bewertung der Kontrollgremien im Mittelfeld, die erreichten 65,6 Punkte reichen für Platz 14.

Foto: AP

Ulrich Lehner

Der ehemalige Henkel-Chef ist seit Mai 2008 Aufsichtsratschef der Deutschen Telekom. Der Aufsichtsrat des Telekommunikationsriesen erhält in der Untersuchung 67,3 Punkte. Das entspricht Platz 13. Schwachstelle im 20 Mitglieder zählenden Gremium ist die Transparenz.

Foto: dpa

Joachim Milberg

Der ehemalige BMW-Vorstandschef wechselte nach seinem Ausscheiden aus gesundheitlichen Gründen 2002 vom Chefsessel gleich in den Aufsichtsrat und übernahm zwei Jahre später dessen Vorsitz. Besser könnte der 20-köpfige BMW-Aufsichtsrat laut Bewertung noch in seiner Arbeitsweise werden. So reicht es zu insgesamt 67,3 Punkten, Platz 12.

Foto: Reuters

Manfred Bischoff

Der langjährige Daimler- und EADS-Manager ist bereits seit 2006 im Aufsichtsrat des Daimler-Konzerns, seit 2007 als dessen Vorsitzender. Die Beurteilung der 20 Aufsichtsräte ergibt eine Gesamtpunktzahl von 69,1. Mit Platz 11 verpasst Daimler hier knapp die Top Ten.

Foto: WirtschaftsWoche, AP

Hans-Jürgen Schinzler

Schinzler war von 1993 bis 2003 Vorstandschef der Munich Re, dem weltweit größten Rückversicherer. Auch er wechselte nach seinem Ausscheiden gleich in den 20-köpfigen Aufsichtsrat als dessen Vorsitzender. Die Beurteilung des Aufsichtsrats erreicht einen Wert von 69,1 Punkten und damit exakt so viel die der Daimler-Aufsichtsrat. Einziges Highlight: mit 100 Punkten für Vielfalt ist Munich Re eins von nur vier Unternehmen, dass in diesem Aspekt die höchste Punktzahl erreicht. Insgesamt erreicht die ehemalige Münchener Rück Platz 10.

Foto: dpa

Henning Schulte-Noelle

Der Allianz-Vorstandschef von 1991 bis 2003 hat mit dem Wechsel an die Spitze des Aufsichtsrats auch ein Studium der Geschichte und Kunstgeschichte aufgenommen. Der von ihm geführte Aufseherkreis erreicht mit 70,6 Punkten Platz 9 im Ranking.

Foto: Reuters

Ulrich Hartmann

Der Energiemanager Hartmann war schon Vorstandschef der Veba AG, bevor diese im Jahr 2000 durch Fusion mit Viag zum Energiekonzern E.On wurde. Hartmann stand noch drei Jahre an der E.On-Konzernspitze und wechselte 2003 direkt als Vorsitzender in den Aufsichtsrat. Das 20-köpfige Kontrollgremium erzielt im Ranking insgesamt 71,5 Punkte: Platz 7. Hartmann wird sein Amt im Mai 2012 aufgeben.

Foto: AP

Clemens Börsig

Börsig war Manager bei Bosch und im Vorstand von RWE, bevor er zur Deutschen Bank kam und dort lange im Konzernvorstand saß. Seit Mai 2006 ist er Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank, wird aber 2012 sein Amt niederlegen. Das Kontrollgremium der Deutschen Bank erreicht im Vergleich 72,0 Punkte und somit den viertbesten Wert im Ranking.

Foto: REUTERS

Wulf von Schimmelmann

Der ehemalige Vorstandschef der Postbank (1999 bis 2007) steht seit 2009 an der Spitze des Aufsichtsrats der Deutschen Post. Was die ‚Eignung der 20 Chefaufseher angeht, macht der Deutschen Post keiner was vor. 96,4 Punkte in dieser Kategorie sind der mit Abstand beste Wert. Die Gesamtpunktzahl von 72,8 bedeutet dennoch nur Platz 4.

Foto: dpa

Klaus-Peter Müller

Kein Aufsichtsrat berichtet transparenter als das Kontrollgremium der Commerzbank, das in dieser Kategorie 60 Punkte einheimst. Der ehemalige Commerzbank-Vorstandschef Klaus-Peter Müller dürfte daran seinen Anteil haben. Er war von 2001 bis 2008 Vorstandssprecher der Commerzbank, wurde 2008 zum Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt und nur wenige Wochen später als Nachfolger von Gerhard Cromme auch zum Leiter der Regierungskommission „Corporate Governance“ ernannt. Der Commerzbank-Aufsichtsrat erreicht mit 73,0 Punkten die dritthöchste Bewertung.

Foto: dpa

Hasso Plattner

Der SAP-Gründer und ehemalige Vorstandschef des Softwarekonzerns löste seinen Weggefährten Dietmar Hopp 2003 als Aufsichtsratsvorsitzenden ab. Der SAP-Aufsichtsrat erreicht einen Spitzenwert von 78,9 Punkten im Bereich Arbeitsweise. Die Gesamtpunktzahl 75,9 bedeutet Platz zwei im Ranking der besten Aufsichtsräte.

Foto: AP

Manfred Gentz

Manfred Gentz ist Jurist und Industriemanager und übernahm den Aufsichtsratsvorsitz der Deutschen Börse im Dezember 2008. Mit vergleichsweise soliden Bewertungen in den Teildisziplinen erreicht der Aufsichtsrat der Deutschen Börse eine Gesamtpunktzahl von 70,8 Punkten: Platz 8 im Vergleich.

Foto: AP

Gerhard Cromme

Cromme war Krupp-Chef und fädelte mit Ekkehard Schulz die Fusion mit Thyssen ein. Nach zwei Jahren in Doppelspitze mit Schulz wurde er 2001 Aufsichtsratsvorsitzender der ThyssenKrupp AG und für die folgenden sieben Jahre Leiter der Expertenkommission „Corporate Governance“. Im Jahr 2007 übernahm er auch noch den Aufsichtsratsvorsitz der Siemens AG. ThyssenKrupp erreicht in der Aufsichtsratsbewertung 71,8 Punkte und somit Platz 6. 55 Punkte für Transparenz sind der zweithöchste Wert unter den untersuchten Dax-Konzernen.
Der Siemens-Aufsichtsrat ist der Untersuchung zufolge das beste Kontrollgremien unter allen Dax-Konzernen. Bei Arbeitsweise und Eignung erreicht Siemens hohe Werte, in punkto Vielfalt sogar die vollen 100 Punkte. Unter dem Strich erreicht der Siemens-Aufsichtsrat so 79,3 Punkte und Platz 1 im Vergleich.

Foto: AP

Dumm nur, dass die Usancen, die Telekom-Vorstand Höttges als vorbildlich deklarierte, glatt gegen geltendes Recht verstießen. Klaus-Peter Naumann, Vorstandssprecher des Instituts der deutschen Wirtschaftsprüfer (IDW), klärte den Top-Manager daraufhin vor dem fachkundigen Publikum auf, dass Wirtschaftsprüfer von Berufs wegen zwar das Management kontrollierten – dass sie aber mitnichten dessen Hilfsorgan seien.

Ein Jahr liegt der Vorfall mittlerweile zurück. Doch das fulminante Eigentor des bekennenden Bayern-Fans, der außerdem im Aufsichtsrat des Münchner Fußballclubs sitzt, löst in Fachkreisen immer noch wahlweise Schmunzeln oder Kopfschütteln aus. Vor allem aus einem Grund: Höttges’ entlarvendes öffentliches Bekenntnis ist ein klares Indiz dafür, dass die Machtbalance zwischen Aufsichtsrat, Abschlussprüfer und Vorstand nicht austariert ist – und das nicht nur bei der Telekom.

Mehr Abstand

„Per Gesetz ist zwar der Aufsichtsrat der offizielle Auftraggeber des Wirtschaftsprüfers“, sagt Manuel Theisen, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und Herausgeber der Zeitschrift „Der Aufsichtsrat“: „Die Prüfer aber konzentrieren sich lieber auf den Finanzvorstand, weil sie sich von ihm zusätzliche Beratungsaufträge erhoffen.“

„Der Abstand zwischen Wirtschaftsprüfer und Aufsichtsrat ist häufig noch zu groß“, sagt auch Klaus-Peter Müller, Aufsichtsratschef der Commerzbank und Präsident der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex. „Aufsichtsrat und Abschlussprüfer tragen Mitverantwortung für die Zukunft des Unternehmens. Beide sind völlig zu Recht in das Blickfeld der Öffentlichkeit geraten.“

„Die Aufsichtsräte sollen unabhängiger, weiblicher, professioneller werden“, sagt Ex-Metro-Chef und Multi-Aufsichtsrat Hans-Joachim Körber

Foto: AP

Assicurazioni Generali

Für ihr Buch "The Table of Power 2" hat die niederländische Künstlerin Jacqueline Hassink die Konferenzräume der größten europäischen Konzerne fotografiert. Direkt am berühmten Markusplatz in Venedig liegt beispielsweise der exklusive Konferenzraum der italienischen Versicherungsgruppe Generali. Das Hauptquartier befindet sich zwar inzwischen in Triest, doch mehrmals im Jahr werden auch Meetings in dem alten Palast aus dem zwölften Jahrhundert abgehalten. Doch nicht immer trifft sich die Führungsriege in so exklusivem Ambiente.

Foto: Jacqueline Hassink

Volkswagen

Entscheidend bei der Gestaltung der meisten Konferenzräume ist, dass es nicht zuviel Ablenkung gibt. "Die Räume sind sehr beruhigend, die Symmetrie ist wichtig und alles darauf ausgerichtet, dass man fokussiert arbeiten kann", sagt Hassink. Selten fand sie teure Kunstwerke, die möglicherweise nur zum Abschweifen der Gedanken führen könnten. Ein paar lose Kabel, wie hier bei Volkswagen stören dagegen wohl nicht.

Foto: Jacqueline Hassink

BNP Paribas

Die französische BNP Paribas war eine der wenigen Großbanken, die Hassink in ihren Konferenzraum ließ. Etwa sieben Mal im Jahr trifft sich der Aufsichtsrat der Bank im ehemaligen Pariser Paribas-Hauptquartier.

Foto: Jacqueline Hassink

ThyssenKrupp

"Die deutschen Unternehmen sind vergleichsweise bescheiden", sagt Hassink. ThyssenKrupp ist dafür ein gutes Beispiel.

Foto: Jacqueline Hassink

Deutsche Telekom

Auch bei der Deutschen Telekom in Bonn war die Künstlerin über die simple Ausstattung überrascht: "Billig ist vielleicht nicht das richtige Wort aber die Materialien schienen nicht die höchste Qualität zu haben."

Foto: Jacqueline Hassink

Siemens

Vor fünfzehn Jahren hat die Fotografin schon einmal die "Tische der Macht" fotografiert. Den Konferenzraum von Siemens hat Hassink kaum wiedererkannt: "Das war früher ein eher futuristischer Raum, mit grün-metallischen Wänden, grünlichem Teppich". Die Stühle seien jedoch die gleichen geblieben.

Foto: Jacqueline Hassink

Metro

Die Konferenzräume sind heute viel technischer als früher. Bei der Metro AG sind Bildschirme im Tisch integriert. Eine besondere Lichtinsel sorgt automatisch dafür, dass während einer Videokonferenz alle Mitglieder gleich ausgeleuchtet sind.

Foto: Jacqueline Hassink

Total

Der Boardrooom des Ölriesen Total würde auch eine gute Kulisse in einem James Bond Film abgeben. Aufgrund der Größe des Mahagoni-Tisches war er wür Hassink besonders schwer zu fotografieren. Beeindruckend fand sie auch den Blick über Paris.

Foto: WirtschaftsWoche

Tische der Macht

Das Buch "The Table of Power 2" von Jacqueline Hassink ist im Verlag HatjeCantz erschienen. Neben der normalen Ausgabe für 58 Euro gibt es eine Sonderedition mit drei verschiedenen Holzeinbänden.

Foto: WirtschaftsWoche

Als vor drei Jahren die Banken infolge der Finanzkrise reihenweise zusammenklappten, läuteten nicht einmal die Alarmglocken. Seitdem werden alle rund 100 000 Aufsichtsräte in den etwa 18 000 Aktiengesellschaften hierzulande mit neuen Gesetzen, Regelungen und Verbesserungsvorschlägen konfrontiert. Und zwar gleich von mehreren Seiten: vom deutschen Gesetzgeber, von der Regierungskommission Corporate Governance sowie der Europäischen Union.

„Die Anforderungen werden immer höher“, sagt dementsprechend auch Ex-Metro-Chef und Multi-Aufsichtsrat Hans-Joachim Körber. „Die Aufsichtsräte sollen unabhängiger, weiblicher, professioneller werden. Bei all diesen Initiativen und Vorschlägen wurde bislang aber mehr über als mit denjenigen gesprochen, die all das in der Praxis umsetzen sollen.“

Auch deshalb hat Körber gemeinsam mit rund 20 weiteren Aufsichtsratskollegen gehandelt und vor acht Wochen die Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland (VARD) gegründet.

Der Berufsverband will erstmals verbindliche Grundsätze für die Arbeit von Aufsichtsräten formulieren. Außerdem will er erreichen, dass der Berufsstand in der Diskussion um die Verbesserung der Unternehmenskontrolle erstmals mit einer eigenen Stimme spricht.

Der Pumpen- und Armaturenhersteller KSB aus Frankenthal erprobt eine aufwandsorientierte Vergütung von Aufsichtsräten

Foto: Pressebild

„Der Posten eines Aufsichtsrats ist längst kein Ehrenamt mehr, sondern ein Beruf“, sagt auch Peter Dehnen, Rechtsanwalt und Geschäftsführer der Aufsichtsratsagentur Germanboardroom in Düsseldorf. Er unterstützt Aufsichtsräte bei ihrer Arbeit mit Back-Office-Dienstleistungen und hat die Gründung des Berufsverbands mit vorangetrieben. „Die gestiegenen Anforderungen an die Aufsichtsräte erfordern eine zunehmende Professionalisierung der Arbeit, des Einzelnen wie auch des gesamten Gremiums.“

Blind in die Falle

Und ein Überdenken der Rahmenbedingungen, die sich durch seinen besonderen Status als freiberuflich tätiger Unternehmer ergeben. Denn Aufsichtsräte werden von der Hauptversammlung gewählt. Einen Vertrag mit dem Unternehmen, das sie kontrollieren und für dessen Schicksal sie mit ihrem persönlichen Vermögen haften, hat aber keiner von ihnen.

Um nicht blindlings in die Haftungsfalle zu tappen, brauchen Unternehmenskontrolleure heute in sehr viel stärkerem Maße operatives Know-how in der Branche des Unternehmens, über das sie wachen sollen. „Außerdem ist ein starkes Selbstbewusstsein gefragt. Aufsichtsräte müssen Rückgrat besitzen. Ihr Job ist es, dem Vorstand die richtigen Fragen zu stellen“, sagt Dehnen. „Nur so kann Kontrolle wirksam funktionieren.“

Multi-Aufsichtsrat Körber, erster Präsident der VARD, will deshalb Mindeststandards erarbeiten, die sich auf unterschiedliche Unternehmenstypen übertragen lassen. „Schließlich macht es einen Riesenunterschied, ob man Aufsichtsrat in einem Dax-Konzern, in einem Familienunternehmen mit Fremdgeschäftsführer oder einem familiengeführten Unternehmen ist.“

Ralph Wollburg

Der Jurist der Kanzlei Linklaters, der sich gern im Hintergrund hält, ist einer der wichtigsten Wirtschaftsanwälte des Landes. Er arbeitete unter anderem für ThyssenKrupp, RWE, den Nivea-Hersteller Beiersdorf und den Medizinkonzern Fresenius. Vor allem bei Unternehmensübernahmen ist sein Rat gefragt. Wollburg hat sich auch als Abwehrspezialist einen Namen gemacht.

Foto: Picture-Alliance/dpa

Ann-Kristin Achleitner

Die BWL-Professorin und ehemalige McKinsey-Beraterin sitzt in den Aufsichtsräten des Handelskonzerns Metro und des Industriegase-Spezialisten Linde. Sie ist verheiratet mit Paul Achleitner, dem Künftigen Oberaufseher der Deutschen Bank. Beide gelten als das Power-Paar der deutschen Wirtschaft.  

Foto: dpa

Henning Kagermann

Der einstige SAP-Chef bestimmt in den Aufsichtsräten von Deutsche Bank, Deutsche Post und Munich Re über die Geschicke von Großunternehmen mit.

Foto: dpa

Michael Vassiliadis

Der Chef der Chemie-Gewerkschaft IG BCE agiert nicht so auffällig wie etwa Verdi-Chef Frank Bsirske. Dabei verfügt der Sohn eines griechischen Vaters und einer deutschen Mutter über hohen Einfluss. In den Aufsichtsräten von BASF, Henkel oder beim Düngemittelkonzern K+S zieht Vassiliadis an den Strippen. In der RAG-Stiftung, der Eigentümerin des Chemiekonzerns Evonik, entscheidet er über die Zukunft des deutschen Steinkohlebergbaus und den Evonik-Börsengangs mit.

Foto: AP

Michael Hoffmann-Becking

Der Düsseldorfer Wirtschaftsanwalt von der Kanzlei Hengeler Mueller berät zahlreiche Dax-Konzerne wie Siemens, Linde oder Deutsche Bank. Auch bekannte deutsche Familiendynastien wie Quandt, Boehringer oder Stihl hören auf das Wort des 69-Jährigen. Dabei beschränkt sich Hoffmann-Beckings Rat nicht nur auf die juristische Expertise. Der Anwalt, der  in zahlreichen Bei- und Aufsichtsräten sitzt, beeinflusst auch Unternehmensstrategien und Entscheidungen über Vorstandsposten.

Foto: Frank Reinhold für WirtschaftsWoche

Gerhard Cromme

Der Aufsichtsratsvorsitzende von ThyssenKrupp und Siemens zieht viele Fäden hinter den Kulissen. Er löste den durch die Siemens-Korruptionsaffäre angeschlagenen Siemens-Aufsichtsratschef Heinrich v. Pierer ab und gewann den Österreicher Peter Löscher, einen ehemaligen Pharmamanager, als neuen Siemens-Vorstandschef. Den aktuellen ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger holte er von Siemens. Schon wird gemunkelt, dass beide Konzerne in Zukunft künftig  enger zusammenrücken könnten.

Foto: dpa

Manfred Schneider

Der einstige Bayer-Chef führt die Aufsichtsräte von gleich drei Dax-Konzernen: Bayer, RWE und Linde. Dem Bayer-Konzern verordnete der Oberkontrolleur den ersten Ausländer an der Spitze des Unternehmens – den Holländer Marijn Dekkers.  Bei RWE setzte er nach einer turbulenten Aufsichtsratssitzung den Holländer Peter Terium als Nachfolger des noch amtierenden Vorstandschefs Jürgen Großmann durch.

Foto: Picture-Alliance/dpa

Hermann Josef Abs

Hermann Josef Abs (†1994), rechts, 1971 zusammen mit dem damaligen Chef des Stahlproduzenten Hoesch, Josef Fischer. Abs war von 1957 bis 1967 Chef der Deutschen Bank. Paradebeispiel für Verquickung von Industrie und Banken. Zeitweise 20 Aufsichtsratsposten. 1965 beschließt der Bundestag die „Lex Abs“, die mehr als zehn Mandate verbietet.

Foto: Picture-Alliance/dpa

Dieter Spethmann

Dieter Spethmann, 86, war von 1973 bis 1991 Chef von Thyssen. Neben Krupp-Verweser Berthold Beitz einer der großen Stahlbarone. Vater der Magnetbahn Transrapid. 1969 Architekt des Restbergbaus in der Ruhrkohle AG, später RAG und Evonik.

Foto: Picture-Alliance/dpa

Klaus Liesen

Klaus Liesen, 80, rechts, zusammen mit dem damaligen VW-Chef Ferdinand Piëch. Liesen fädelte als Ruhrgas-Chef Anfang der Siebzigerjahre den Gashandel mit Russland ein. Ex-Aufsichtsratschef von VW und Allianz. Sorgte als Kontrolleur von Preussag für die Verwandlung des Stahlund Technologiekonzerns in das Touristikunternehmen TUI.

Foto: Picture-Alliance/dpa

Hilmar Kopper

Hilmar Kopper, 77, rechts, zusammen mit dem damaligen Daimler-Chef Jürgen Schrempp. Kopper war von 1989 bis 1997 Chef der Deutschen Bank. Aushängeschild der Deutschland AG. 1998 bis 2007 Aufsichtsratschef von Daimler. Nannte offene Handwerkerrechnungen von rund 25 Millionen Euro bei Pleite des Immobilienhais
Jürgen Schneider „Peanuts“.

Foto: dpa/dpaweb

Henning Schulte-Noelle

Henning Schulte-Noelle, 69, war von 1991 bis 2003 Chef und seitdem Oberkontrolleur der Allianz. Doyen der deutschen Wirtschaft. Ex-Siemens-Kontrolleur. Aufsichtsrat bei E.On und früher ThyssenKrupp. Begleitete die Fusion der Versorger Veba und Viag zur E.On.

Foto: Picture-Alliance/dpa

Für alle Aufsichtsräte gilt jedoch: Die Anforderungen, die allein die Beurteilung der Risiken neuer Geschäftsmodelle mit sich bringt, sind in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Denn die Geschäftsmodelle müssen immer häufiger und immer fixer umgebaut werden. Das führt automatisch zu mehr Konflikten innerhalb der Vorstandsetagen und zu öffentlichen Auseinandersetzungen mit den Kapitalgebern. „Der Aufsichtsrat hat die Rolle des Vermittlers“, sagt Stephan Kufferath, VARD-Mitbegründer, Vorstand der GKD Gebrüder Kufferath AG, einer technischen Weberei für Metall und Kunststoffe, und Aufsichtsrat von verschiedenen Familienunternehmen. „Er muss die richtigen Fragen stellen, damit die unterschiedlichen Truppen im Interesse des Unternehmens am gleichen Strang ziehen.“

Keine einfache Aufgabe. Denn den Räten fehlt es in der Regel sowohl an eigenem Budget als auch an Personal, um unabhängig von der Unternehmensverwaltung arbeiten zu können. Also etwa Wirtschaftsprüfer tatsächlich selbstständig auswählen und bestellen zu können. Ganz zu schweigen von der eigenen Bezahlung.

„Die Anforderungen, die zeitliche Beanspruchung und das Haftungsrisiko sind gestiegen“, sagt Astrid Hamker, Aufsichtsrätin des Türschlossherstellers Dorma in Ennepetal. „Ein engagierter Aufsichtsrat aus Unternehmertypen in den besten Jahren bedarf auch einer entsprechenden Bezahlung.“

Neuland bei der Vergütung

Wie eine Vergütung von Aufsichtsräten aussieht, die zugleich aufwandsorientiert ist, ohne übers Ziel hinauszuschießen, hat jüngst der Pumpen- und Armaturenhersteller KSB aus Frankenthal bei Ludwigshafen vorgemacht. Bekamen die zwölf Aufsichtsräte des 15 000-Mann-Betriebs bislang ein Fixum, Sitzungsgelder plus einen variablen Anteil, der von der Dividende abhing, beschloss die Hauptversammlung Mitte Mai den Kontrolleuren zusätzlichen Arbeitsaufwand künftig mit einem Honorar von 250 Euro pro Stunde zu vergüten.

Überprüft wird der Arbeitsaufwand von dem Personalausschuss des Aufsichtsrats. Allerdings darf die Zusatzvergütung auf Stundenbasis mehr als 900 000 Euro im Jahr nicht überschreiten. Das Budget hierfür ist also gedeckelt. „Wir betreten mit dieser Regelung bewusst Neuland“, sagt KSB-Vorstandssprecher Wolfgang Schmitt. „Wir wollen aber dem unterschiedlichen Aufwand der Mitglieder im Aufsichtsrat gerecht werden und glauben, dass dies eine faire und transparente Lösung ist.“

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