Beratungsresistenz: Die tauben Ohren der EU-Kommissare

Beratungsresistenz: Die tauben Ohren der EU-Kommissare

von Silke Wettach

Auch viele EU-Bürokraten sind beratungsresistent. Was die politische Wirklichkeit mit einem Comic zu tun hat

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Dominique de Villepin

Alexandre Taillard de Vorms ist ein Großkotz – und hat immer recht. Der Hauptcharakter des französischen Erfolgscomics „Quai d’Orsay“ gilt als eine Art Alter Ego des französischen Ex-Außenministers Dominique de Villepin: Er nervt seine Entourage mit Zitaten von Demokrit und Heraklit – so wie einst auch Schöngeist de Villepin seine Bildung heraushängen ließ. Taillard de Vorms lässt seine Umgebung Tag und Nacht schuften, um im entscheidenden Moment die Vorschläge seiner Berater über den Haufen zu werfen.

Die Wirklichkeit ist den zynischen Zeichnungen des einstigen Ministeriumsmitarbeiters mit dem Pseudonym Abel Lanzac ernüchternd nah: Ob in Paris, London oder Berlin – in den Ministerien legt sich niemand aus dem Stab mit dem Chef an. „Wie oft können Sie einem Minister widersprechen?“, fragt ein hoher deutscher Beamter. „Das machen Sie einmal, nach dem zweiten Mal sind Sie Ihren Posten los.“

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Die wichtigsten Regeln wider den Machtmissbrauch

  • Freiheiten gewähren

    Starre Regeln und Kontrollwahn zerstören jede Kreativität. Je stärker der Chef seine Macht spielen lässt, desto weniger tauschen sich die Untergebenen aus – gutes Klima für innovatives Denken sieht anders aus. Es gilt: Kontrolle ist gut, Vertrauen besser.

  • Kritiker suchen

    Im Mittelalter durfte der Hofnarr dem Fürsten sagen, was die Untertanen über ihn dachten. Das Problem: Wer an der Spitze steht, sucht selten Rat von unabhängigen Kritikern. Großer Fehler! Zwar hört niemand gern, was er verbessern könnte oder falsch gemacht hat. Aber die Wahrheit schmerzt nur im ersten Moment, im zweiten befreit sie – und schützt vor schlimmeren Fehlern.

  • Widerspruch akzeptieren

    In Besprechungen hören sich Chefs am liebsten selbst reden. Paroli? Unerwünscht! Doch wenn Ihr Gegenüber vernünftig argumentiert, profitieren Sie davon nur. Also: Querdenker und Kritiker weder vor versammelter Truppe zusammenfalten noch heimlich bestrafen.

Stabile Position

Auch wegen solcher Äußerungen sieht Comic-Autor Lanzac Politikberater in der „Funktion eines Gummibandes: Sie sollen den Chef in eine stabile Position zurückbringen, wenn er sich zu sehr von der Ausgangslage entfernt.“

Im wahren Leben reißt dieses Gummiband immer wieder – weil der Beratene nur hört, was ihm gefällt. „Wer selten mit Kritik konfrontiert wird“, sagt ein hochrangiger EU-Beamter, „verlernt schnell die Selbstkritik.“

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Zugänglichkeit

So scheute sich der frühere niederländische EU-Kommissar Frits Bolkestein nicht, das Englisch britischer Muttersprachler zu korrigieren. Für Vorschläge anderer war er weniger zugänglich.

Das galt ebenfalls für Günter Verheugen – wenngleich aus anderem Grund: Der frühere EU-Kommissar hing zeitweise auch privat an den Lippen seiner Kabinettschefin Petra Erler. „Er hat alles gemacht, was sie gesagt hat“, erinnert sich ein Ex-Kollege. Wie gut die Argumente der Fachbeamten auch waren – bei ihrem Chef stießen sie auf taube Ohren.

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